Kritik am Rochus-Hospital und wie die Krankenhäuser in Castrop-Rauxel damit umgehen

dzPflege- und Hygienemängel

Krankenhaus-Kritik kommt immer wieder auf. Sie ist oft berechtigt. Aber was steckt dahinter? Welche Fälle liefen zuletzt bei uns auf? Und: Wie gehen EvK und Rochus-Hospital damit um?

Castrop-Rauxel

, 13.04.2019 / Lesedauer: 6 min

Nach unserer Berichterstattung über den Fall von Mirko Schlüter, der über Probleme mit den hygienischen Zuständen seines Krankenzimmers im Rochus-Hospital und den Umgang der Klinik damit klagte, gab es ein großes Echo - und zwar von verschiedenen Seiten.

Damit wir nicht einfach der Kritik freien Raum geben, sondern auch die Vorfälle bei den Kliniken gegenchecken, brauchte es etwas Recherchezeit. Heute veröffentlichen wir Ergebnisse.

Unter dem Strich steht: Viele Leser meldeten sich mit lobenden Hinweisen zum Rochus-Hospital, das sich in unserer Berichterstattung Vorwürfen ausgesetzt sah, die wir stets im Einzelnen gegengecheckt haben. Bei ihnen sei alles super gewesen, meinten diese Leser. Unsere Redaktion solle nicht so schlecht über das Rochus berichten, hieß es zum Teil.

Doch es meldeten sich auch viele Leser, die ihrerseits mit Problemen bei Aufenthalten im Rochus-Krankenhaus zu kämpfen hatten und sich für die „mutige Berichterstattung“ bedankten. Sie kritisieren Hygiene und Sauberkeit, eine unsachgemäße Betreuung von schwer pflegebedürftigen Patienten und zum Teil sogar medizinische Behandlungsfehler.

Aber was steckt eigentlich hinter diesen Beschwerden? Mit welchen Schwierigkeiten, mit denen Krankenhäuser konfrontiert sind, hängen die angesprochenen Mankos zusammen? Berechtigte Kritik ist wichtig, das erkennen auch die beiden Krankenhäuser dieser Stadt an.

Aber an wen wende ich mich am besten, um die Mankos anzusprechen, und was passiert dann mit meiner Beschwerde? Wie stehen die beiden Krankenhäuser in Castrop-Rauxel zum seit Januar 2019 verpflichtenden Pflegeschlüssel, den es auf den Stationen einzuhalten gilt? Der soll, so die Idee der Politik, dafür sorgen, dass jeder Patient gut versorgt wird. Hat der allseits viel beklagte Fachkräftemangel auch die Gesundheitsversorgung im Griff und was tut man, um ihm entgegenzuwirken?

Diese Fragen haben wir den Krankenhäusern gestellt und ausführliche Antworten bekommen.

? Wie kann ich mich im Krankenhaus beschweren und was passiert dann mit meiner Beschwerde?

Kritik am Rochus-Hospital und wie die Krankenhäuser in Castrop-Rauxel damit umgehen

EvK-Geschäftsführer Wilfried Diekmann © Tobias Weckenbrock

Im EvK:
Patienten im Evangelischen Krankenhaus bekommen bei der Aufnahme ein Formular zum Beschwerde- und Meinungsmanagement ausgehändigt, erklärt Verwaltungsdirektor Wilfried Diekmann auf Anfrage unserer Redaktion. Auch seien Formulare an zentralen Punkten, etwa Infoständen auf den Stationen, zu bekommen. Einwerfen könne man die ausgefüllten Papiere in speziellen Postkästen, die ebenfalls an zentralen Punkten flächendeckend im Haus aufgestellt seien.

Mündlich könne man etwaige Beschwerden entweder direkt beim Personal oder über die Beschwerdehotline abgeben. Diese Beschwerden würden von den Mitarbeitern im hauseigenen Qualitätsmanagement-System erfasst. Die zeitnahe Bearbeitung werde durch eine entsprechende Abteilung im Haus überprüft. Mehrfach im Jahr würden die Meldungen ausgewertet, um ggf. Verbesserungen daraus ableiten zu können.

Resultierend aus dem Patientenrechtgesetz verfüge das EvK über eine unabhängige Patientenbeschwerdestelle, so Diekmann.

Kritik am Rochus-Hospital und wie die Krankenhäuser in Castrop-Rauxel damit umgehen

Oliver Lohr, Standortleiter im Rochus-Hospital © Tobias Weckenbrock


Im Rochus-Hospital:
Auch im Rochus gibt es laut Oliver Lohr, Standortleiter des Krankenhauses, ein „strukturiertes Beschwerdemanagement“. So könnten Beschwerden auf jegliche Art schriftlich und mündlich an das Krankenhaus herangetragen werden.

Bei mündlich vor Ort vorgetragener Beschwerde des Patienten werde diese von einem Mitarbeiter des Krankenhauses erfasst. „Einfache Beschwerden“ könnten, evtl. unter Einbeziehung des Fachvorgesetzten, direkt vor Ort bearbeitet werden. Der Beschwerdeführer bekomme sofort eine Reaktion in Form einer Erklärung, Information, Entschuldigung oder Lösung.

Komplexere Beschwerden würden vom Sekretariat des Standortes koordiniert – das Rochus-Hospital gehört zur St. Lukas Gesellschaft, die drei Krankenhäuser und ein Pflegeheim in Dortmund und Castrop-Rauxel betreibt.

Sofern notwendig, würden Stellungnahmen aller Beteiligten im Krankenhaus eingeholt. In jedem Fall erhalte der Patient Rückmeldungen: eine Bearbeitungsbestätigung innerhalb von drei Werktagen und eine ausführliche Antwort innerhalb von 14 Tagen.

Zu den einzelnen Fällen im Rochus:
In der ursprünglichen Berichterstattung über den Fall von Mirko Schlüter hatte das Krankenhaus bestätigt, dass diese Antwort vergessen wurde. Erst auf Nachfrage bekam Schlüter eine Antwort. Etwa ein Jahr nach dem eigentlichen Vorfall. Laut Krankenhaus ist das ein Einzelfall.

Nach Aussage einer Leserin, deren Name der Redaktion bekannt ist, kam es bei der Behandlung ihrer Mutter zu Problemen. Die Tochter berichtet von einer gut verlaufenen und komplizierten OP. Im Anschluss habe man ihre Mutter gewissermaßen „liegen lassen“. Vorher von der Patientin ausgefüllte Akten seien nicht vollständig auf der Intensivstation eingegangen, es hätten Informationen über bestehende Medikamentenallergien gefehlt.

Da die Beschwerdeführerin in der Berichterstattung anonym bleiben will, kann das Rochus nach eigener Aussage hierzu keine Stellung beziehen. Man könne den Sachverhalt nicht prüfen.

Auch Erika Recknagel aus Waltrop wandte sich an die Redaktion. Nach einem Rochus-Aufenthalt erhebt auch sie Vorwürfe gegen das Krankenhaus. Recknagel erzählt von einem unsauberen Zimmer, Medikamenten von morgens, die nachmittags noch nicht gegeben worden seien und einer am Ende wundgelegen entlassenen Patientin, das habe auch der Pflegedienst ihrer Mutter bestätigt.

Eine Beschwerde von Frau Recknagel sei im Krankenhaus nicht bekannt, antwortet Oliver Lohr auf unsere schriftliche Anfrage.

Kritik am Rochus-Hospital und wie die Krankenhäuser in Castrop-Rauxel damit umgehen

Das Rochus-Hospital in der Castroper Altstadt. © Sandra Heick

? Wie viele Patienten betreut ein Pfleger? Wie stehen die Krankenhäuser zum Pflegeschlüssel, der in der intensiven Pflege seit Januar 2019 gilt?

Pauschal lässt sich diese Frage, so die einhellige Antwort beider Castrop-Rauxeler Krankenhäuser, nicht beantworten. Denn wie viel Betreuung durch einen Pfleger der Patient im Einzelfall bekommt, wird durch einen Stellenschlüssel ermittelt, bei dem verschiedene Kriterien eine Rolle spielen: Etwa die Anzahl der Tage, die der Patient im Krankenhaus verbringt, die Schwere des Eingriffs, die Stationsgröße und mehr.

In der Intensivmedizin, also auf den Stationen, wo Patienten besonders viel Pflege und Betreuung brauchen, gilt seit Januar der Pflegeschlüssel nach der PpUGV (Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung). Hier dürfen pauschal auf einen Pfleger in der Intensivmedizin tagsüber maximal 2,5 Patienten auf eine Pflegekraft kommen, nachts maximal 3,5. In der Geriatrie (Altersmedizin) und Unfallchirurgie sind es 10 Patienten, die Pfleger und Pflegerinnen tagsüber betreuen dürfen (nachts 20 Patienten). In der Kardiologie 12 bzw. 24 Patienten.

Diese Vorgaben erfüllen das EvK und Rochus, wie EvK-Chef Diekmann und Rochus-Standortleiter Lohr sagen. Die Einhaltung würde auf jeden einzelnen Tag bezogen auch nachgehalten.

? Ist so ein Personalschlüssel in den Augen der Krankenhäuser sinnvoll?

Ja und nein. Anhaltszahlen für die Versorgung festzulegen, sei grundsätzlich erst einmal sinnvoll, erklärt Wilfried Diekmann. Weil auf dem Arbeitsmarkt im Pflegedienst aber Vollbeschäftigung herrsche, sei die Umsetzung in der Praxis schwierig. Bereits jetzt entstünden immer wieder Engpässe auf der Intensivstation des EvK, etwa bei Grippewellen. Übergangszeiträume und Ausnahmeregelungen wären sinnvoll, so der EvK-Chef.

Oliver Lohr vom St.-Rochus-Hospital verweist in dieser Frage auf den offenen Brief der Dortmunder Krankenhäuser von Oktober 2018, auch der St. Lukas Gesellschaft. Darin begrüßen die Geschäftsführer zwar alle Möglichkeiten für eine bessere Besetzung im Pflegedienst der Krankenhäuser, monieren aber, dass alle Intensivstationen denselben Betreuungsschlüssel erfüllen müssten. Auch wenn dies nicht die Wirklichkeit in den Kliniken widerspiegeln würde. Der komplette Brief kann auf der Seite des Dortmunder Klinikums gelesen werden.

? Trifft der Fachkräftemangel auch die Krankenhäuser?

Ja, auf dem Arbeitsmarkt im Pflegedienst herrsche Vollbeschäftigung, sagt Wilfried Diekmann. Auch im offenen Brief der Dortmunder Krankenhäuser heißt es: „Wir würden auch gerne mehr qualifiziertes Intensivpflegepersonal einstellen. Es ist aber auf dem Arbeitsmarkt schlicht nicht verfügbar.“ Gut ausgebildetes Pflegepersonal wird also dringend gesucht.

Kritik am Rochus-Hospital und wie die Krankenhäuser in Castrop-Rauxel damit umgehen

In diesem Gebäude-Anbau ist im Erdgeschoss der neue OP-Trakt entstanden. Das Haus liegt hinter dem Vordergebäude links vom Haupteingang zum EvK, das 2017 125-jähriges Bestehen feiert. © Tobias Weckenbrock

? Wie tritt man diesem Problem entgegen?

Die St.-Lukas-Gesellschaft arbeitet zusammen mit anderen katholischen Trägern dem Fachkräftemangel entgegen, indem sie ausbildet. Derzeit laufen etwa Planungen, am Hoeschpark in Dortmund einen Ausbildungs-Campus mit etwa 600 Plätzen zu schaffen. Zurzeit besuchen etwa 200 Schüler die dort bestehende Pflegeschule Dortmund-Schwerte.

Das St.-Josefs-Hospital Dortmund-Hörde sei zum akademischen Lehrkrankenhaus der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ernannt worden und trage damit zur Ausbildung im ärztlichen Dienst bei, so ein Argument.

Auch das EvK bietet zusätzliche Kurse in der Krankenpflege an. Man habe die Ausbildungskapazitäten um 25 Plätze auf 180 erhöht. Zusätzlich sei das EvK akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Duisburg-Essen und in verschiedenen Weiterbildungsverbünden, etwa der Hochschule für Gesundheit Bochum, vertreten.

Übrigens: Wenn Ärzte als Fachkräfte aus dem Ausland nach Deutschland kommen, müssen sie deutsch sprechen können. Um zur Fachsprachenprüfung der Ärztekammer überhaupt zugelassen zu werden, müssen ausländische Ärzte ein Zertifikat vorlegen, das ihnen mindestens das Sprachniveau B2 bescheinigt. Das bedeutet: Nach europäischem Standard kann der Arzt sich fließend in der Sprache unterhalten und auch Fachgespräche über das eigene Gebiet führen.

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