So sieht es aus, wenn die Castrop-Rauxeler Politiker tagen, hier im Betriebsausschuss 3. Die Debatten liefen weitgehend reibungslos, aber sie waren stellenweise auch unfreiwillig unterhaltsam. © Tobias Weckenbrock
Kommunalpolitik

Kind auf dem Schoß, Schalke-Schal an der Wand: Bunte Digital-Politik-Welt

Viele Ausschüsse tagen in Castrop-Rauxel digital. Das geht in Video-Konferenzen mit dem Programm Zoom. Und das nimmt mitunter lustige Wendungen, die in den Sitzungen für gute Laune sorgen.

Wegen des Coronavirus laufen die Sitzungen der meisten politischen Ausschüsse zurzeit digital bei Zoom. In den vergangenen zwei Wochen gab es reichlich Sitzungen und reichlich Anekdötchen, die zeigen: Politik kann auch Spaß machen.

So konnten Zuschauer (die gab es aber so gut wie gar nicht) und Politiker in manch eine Wohnung der politischen Wettbewerber und Mitstreiter schauen. Da outete sich der eine als Schalke-Fan wie Jonas Ehm (CDU): Hinter ihm prangte ein Eurofighter-Schal an der Wand. Bei anderen waren BVB-Fanartikel zu finden. Mehr Krise auf einen Blick ist ja kaum möglich…

Eisbär im Auto, Kind auf Papas Schoß

Andere wählten virtuelle Hintergrundbilder aus: Der eine ließ Eisbären durch Autoscheiben schauen. Im B1 am Mittwoch saß ein Politiker vor der Kulisse von Schloss Neuschwanstein. Bürgermeister Rajko Kravanja zeigte sich lokalpatriotischer und saß scheinbar auf dem Landschaftsbauwerk im Erin-Park.

Doch bei ihm kam plötzlich Abwechslung ins Bild – und zwar in Gestalt eines Kindes, das auf Papas Schoß ganz kurz der Sitzung des Wirtschaftsausschusses folgte. Auch ein Bürgermeister kann also zu Hause arbeiten und muss mit den gleichen Unterbrechungen leben wie wir alle.

Ansonsten durfte man das Weltall bewundern, die Zeche Zollern, bei Stadt-Bauamtsleiter Philipp Röhnert den Stadtmittelpunkt auf einem Satellitenbild. Jürgen Lückels Hintergrund sorgte für Wärme in kalten Tagen: Er tagte Donnerstag im B3 auf einer Düne mit Blick auf den sommerlichen Strand und das Meer.

Leibhaftige Assistentin: „Jetzt kannst du…“

Manch einer hatte eine leibhaftige Assistentin dabei: Marion Henschel hatte eine Frau neben sich sitzen, die stets Bescheid gab, wenn die Linke sprechen konnte, um sich in die Debatte einzubringen. „So, jetzt kannst du“ war da im Umweltausschuss mehrfach zu vernehmen.

Bettina Lenort hatte im Umweltausschuss und im B3 alle 25 Teilnehmer im Blick. „Mehr dürfen auch nicht kommen, sonst brauche ich einen zweiten Bildschirm“, sagte sie am Dienstag im Homeoffice. Die Gitter-Ansicht zeigt eben 5 mal 5, also 25 Köpfe. Sie sagte zur Begrüßung am Dienstag: „Das ist für viele von uns der erste digitale Ausschuss. Die Konferenz lebt davon, dass wir uns alle disziplinieren, wir als Verwaltung und auch die Ausschussmitglieder. Sie sind alle auf stumm gestellt. Bei Wortbeiträgen bitte das gelbe Händchen heben.“

Digital die Hand zu heben, klappte nicht immer

Das mussten die jeweils rund 25 Teilnehmer pro Sitzung und die Moderatoren aber noch lernen: Es ging eben nicht um die leibhaftige Hand, sondern die virtuelle im Programm Zoom. Das klappte zwar bei vielen, aber nicht immer und bei allen. Notburga Henke hob praktisch durchgängig im B3 die Hand, was den Vorsitzenden Oliver Lind und die Klick-Managerin Bettina Lenort (Stadtbaurätin) stets etwas verwirrte. „Ich weiß nicht, wie ich die Hand weg bekomme“, sagte Henke. Einfach draufklicken, so Philipp Röhnert. Zum Trost: Manchmal sind Wortmeldungen in leibhaftigen Sitzungen auch nicht ganz klar zu erkennen…

Manchmal haperte es auch an der Technik. Oder den Einstellungen: In B1 am Mittwochabend wollte ein Ausschussmitglied mehrfach etwas sagen – es klappte nicht. So blieb es ungehört.

Wie soll man nur die anderen am Bildschirm anreden?

Durcheinander ging es manchmal auch für die Vorsitzenden der Ausschüsse: Josef Berkel, der neue Leiter des Ausschusses für wirtschaftliche Entwicklung, moderierte manchmal etwas hemdsärmeliger und mit dem Dampfhammer. Als er „Julian Daniel“ das Wort erteilte, sagte Daniel Djan nach kurzem Zögern, dass möglicherweise er gemeint sei – und hatte recht.

Ein kompletter Ausschuss-Neuling im B1 wusste gar nicht recht, wie er die anderen Politiker ansprechen sollte: Während die alten Hasen ihre Statements immer mit „meine Damen und Herren“ begannen, guckte Uwe Biletzke (Linke) etwas hilfesuchend in seine Kamera, als er dran war und frug: „Kann ich eigentlich auch Kollegen sagen?“

Ein Blick in eine echte Runde wäre sicher einfacher gewesen, aber der Vorsitzende des Ausschusses, Malte Fercke, half Biletzke auch digital aus der Verlegenheit: Kollegen sei auch schon okay, schaltete er sich fix dazwischen.

Politische Debatte digital: Hut ab, das war gut!

Man könnte noch viel über Headset-Mode oder etwas unübersichtliche Wandregale mit Schulmaterialien philosophieren, aber da lassen wir lieber Klaus Breuer, Leiter von Stadtgrün, im Umweltausschuss den Vortritt: Als er einen Vortrag über Baumfällungen hielt, rief er kurz mal zwischendurch durch sein Homeoffice: „Ich kann gerade nicht!“

Nur noch ein Fazit sei erlaubt: Beeindruckend, wie flüssig und gut sich politische Debatte digital abhalten lässt. Und bemerkenswert, wie sich selbst Menschen mit weit über 70 Jahren hier ohne technische Probleme einbringen. Hut ab, das war gut! Der bekanntermaßen trockenhumorige Dr. Oliver Lind sagte das am Ende seines B3 in etwas anderen Worten: „Meine Damen und Herren, wir sind am Ende angekommen. Ich danke Ihnen. Das war eine spannende neue Erfahrung; ich hoffe, das müssen wir nicht noch mal haben.“

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock

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