„Kein Landwirt will Bienen ausrotten!“ Bauer Hubbert über die Blühstreifen von Dingen

dzBlumenwiesen gesät

„Angeregt durch den Landwirtschaftsverband lege ich 500 Meter Blühstreifen für Insekten an“: Das sagt Landwirt Cornelius Hubbert. Bienenfreund? Harter Kalkulierer? Er steht in der Mitte.

Dingen, Mengede, Ickern

, 21.06.2019 / Lesedauer: 5 min

Das Saatgut hat Hubbert vor einigen Monaten bei einem Landwirte-Treffen in vier Säcken mit auf seinen Hof an der Strünkeder Straße zwischen Ickern und Mengede gebracht. Es wurde von der Stiftung Westfälische Kulturlandschaft gespendet, er musste nichts dafür bezahlen.

Nun aber blühen Blumen am Rande von einigen seiner Maisfelder in Castrop-Rauxel. Er hat in Dingen zum Beispiel an zwei Äckern rund zwei Meter breite Blühstreifen angelegt. Er hat ein wenig mehr Aufwand damit gehabt, aber verzichtet ansonsten nur auf den Ertrag auf diesen Stücken der Äcker.

Der Mais, der hier auch gesät ist, werde nicht 3,50 Meter hoch, sondern vielleicht 1,50 Meter, weil er Wuchs-Konkurrenz hat, die ihm Licht, Wasser und Mineralstoffe aus dem Boden entziehen. „Damit mache ich dann noch zehn Prozent des eigentlichen Ertrags“, so Cornelius Hubbert (42). Ist er nun ein Öko? Oder kalkuliert er hart? Wir trafen ihn am einem der Felder zum Interview.

Wie kommt es zu dieser bienenfreundlichen Aktion auf Ihren Feldern?

Wir haben auf rund 500 Metern am Rande der Äcker in diesem Jahr zum ersten Mal Blumen ausgesät. Wir machen einfach bei einer Aktion der WLV-„Herzbauern“ mit. Die Stiftung hat Saatgut kostenfrei zur Verfügung gestellt, wir bringen es auf unseren Feldern aus.

Warum machen Sie da mit?

Naja, das kommt ganz grundsätzlich aus der politisch-gesellschaftlichen Situation heraus: Wir sind an allem Schuld, dem Klimawandel und der Gewässerverunreinigung. Die Landwirtschaft steht unter Druck und sucht nach Möglichkeiten, ihr Image zu verbessern.

Warum ist das denn so schlecht? Sind alle konventionellen Landwirte schlecht oder gibt es ein paar „schwarze Schafe“, die das Image der ganzen Zunft herunterziehen?

Schwarze Schafe gibt es überall, sicher auch in der Landwirtschaft. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte, zwischen dem ökologischen Landbau und einem extremen Monokultur-Anbau.

„Kein Landwirt will Bienen ausrotten!“ Bauer Hubbert über die Blühstreifen von Dingen

Der Blühstreifen in Dingen Anfang Juni: Der Mais schaut knapp heraus, aber Mitte Juni haben schon die Blumen den Mais eingeholt. Die ersten Blüten und Insekten sind da. © Tobias Weckenbrock

Welchen Weg gehen Sie mit Ihrem Hof Hubbert?

Wir sind eher konventionell unterwegs, der Fokus liegt auf einer effizienten Flächennutzung. Ich bin aber nicht dogmatisch gegen die Ökolandwirtschaft eingestellt. Vieles, was daraus kommt, ist richtig. Man kann zum Beispiel bessere Pflanzen züchten, so dass sie resistent sind, und hat dann etwas weniger Ertrag - aber dafür benötigt man auch weniger Pflanzenschutzmittel, spart also Kosten. Die Konventionellen können sich von den Ökologischen etwas abschauen. Es wird ja heute von der Landwirtschaftskammer auch schon viel in diese Richtung beraten: weniger Insektizide einzusetzen, nur noch da, wo es zwingend nötig ist. Der Trend geht ganz klar in Richtung Reduktion des Einsatzes von Pestiziden.

Ehrlich wahr?

Ja. Es werden ja heute auch immer weniger Mittel zugelassen. Man hat heute schon bei weitem nicht mehr so viele Möglichkeiten wie früher. Man bemüht sich inzwischen, nach dem sogenannten Schadschwellenprinzip zu berechnen, was man einsetzt: Ab so und so viel Läusen pro Ähre behandelt man erst. Ist es weniger, dann lässt man es sein. Früher hätte man beim Befall generell, vielleicht sogar schon vorher sein Risiko minimiert und gespritzt.

Aber das Mittel ist doch sicher teuer. Warum denn?

Man spart etwas ein, wenn man es nicht einsetzt, ja. Aber man schließt damit das höhere Risiko des Verlustes der Ernte aus. Wissen Sie: Ich ziehe etwa 30 Prozent Gewinn aus so einer Fläche. Wenn mir aber 50 Prozent der Ernte wegbrechen, steuere ich plötzlich noch was zu. Ich habe aber die Kosten für die Pacht, die Maschinen, das Saatgut, die Arbeit. Das muss man bedenken.

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Das ist ja kein Hobby von mir. Und der Ertrag gehört ja auch nur zu einem Bruchteil dem Landwirt selbst. Er zahlt Mehrwehrtsteuer für Trecker, Einkommenssteuer, der Ertrag von Feld kommt also auch der Allgemeinheit zugute. Wenn der Landwirt mehr erntet, ist das gut für die Gesellschaft. Wenn wir Landwirtschaft einstellen und nur noch blühende Wiesen für Insekten machen, dann hat das wirtschaftliche Nachteile für alle.

Setzen Sie selbst denn viele Mittel ein?

Dieses Jahr musste ich beim Raps sehr früh handeln, weil es so früh schon so warm war. Im Raps sind viele der üblichen Mittel inzwischen schon verboten worden. Wenn die restlichen auch noch verboten würden, würde es gerade angesichts des Klimawandels mit wärmeren Frühlingen immer schwieriger. Wir hatten den Stengelrüssler, die Kohlschotenmücke an den Pflanzen - die würden die Pflanzen schädigen. Da hätten uns Ausfälle von 50 Prozent gedroht. Also haben wir ein Insektizid gespritzt.

„Kein Landwirt will Bienen ausrotten!“ Bauer Hubbert über die Blühstreifen von Dingen

Hubbert lädt die Menschen dazu ein, sich einfach Sonnenblumen oder andere Blüten zu pflücken - auch wenn das den Insekten dann wiederum nicht so sehr hilft. © Tobias Weckenbrock

Was wäre denn Ihre Wunsch-Lösung?

Bei der Bekämpfung bekämpft man ja nun auch Nützlinge mit. Am liebsten ist dem Landwirt eigentlich eine resistente Pflanze. Da ist die Pflanzenzüchtung gefordert, besseres Saatgut zu liefern. Man möchte nicht den letzten Löwenzahn und Marienkäfer vom Feld sprühen; wir sind aber den wirtschaftlichen Zwängen unterlegen und haben unsere Fixkosten. Die muss man mit seinem Tun wieder rausholen.

Nun machen Sie bei dieser Aktion mit und verzichten auf ein paar Erträge. Warum?

Klar, das ist eine reine PR-Aktion. Aber ich denke dabei auch an die Insekten. Kein Landwirt möchte Bienen ausrotten! Aber ich sage auch: Ich kann nicht der komplette Umweltschützer sein. Wenn man sagt „Hubbert, lass die Spritze ganz weg“, dann kann ich den Betrieb schließen. Man kann sich einschränken, aber auf ökologisch umzuschwenken: Bei uns sehe ich das zumindest kurzfristig nicht. Es gehört ja auch noch mehr dazu: Wir brauchen nicht in Deutschland die schöne grüne Landwirtschafts-Insel, aber kaufen dann das argentinische Rind beim Discounter für 12,99 Euro. Bei uns ist dann grüne Wiese, alles toll, aber in Südamerika füttern sie Rinder mit genveränderten Soja auf Flächen gerodeten Regenwalds. Das ist das große Problem: Es hat mit dem Welthandel zu tun.

Hilft das nicht die Theorie, dass man als gutes Vorbild in Deutschland voran gehen kann?

Klar kann man Vorreiter sein, aber bei den offenen Grenzen wird das am Ende schwierig. Doch ich schaue dabei auch auf andere: Wir als Landwirte denken, es gibt an der einen oder anderen Stelle außerhalb der Landwirtschaft auch noch viele Möglichkeiten: Städte, Privatleute mit Flächenbesitz, an Autobahnauffahrten, wo man mit dem gleichen Aufwand auch Flächen zum Blühen bekommen könnte. Ich habe das Gefühl, es wird schon an manchen Stellen weniger gemäht als früher, aber da wäre noch mehr drin.

Sie sind erstmals dabei. 2020 auch wieder? Wohin geht es mit dem Hof Hubbert?

Wir stellen nicht auf öko um, aber können uns gut vorstellen, jedes Jahr Blühstreifen zu säen. Die Mischung, die wir bekommen haben, ist spitze - es wird toll blühen. Und wer mag: Die Sonnenblumen, die darin sind, kann man sich bald gern von meinen Feldern pflücken.

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