Annika Liebethal setzt große Stücke auf ihren Glücksunterricht. © privat
Rückblick auf das Corona-Jahr

Kampf um Verbundenheit in der Pandemie: Eine Lehrerin und das Corona-Jahr

Annika Liebethal ist Lehrerin am Berufskolleg. Im Corona-Jahr 2020 hat sie vieles vermisst – und hofft, dass die Zeit der Pandemie am Ende auch ein Geschenk für Lehrer und Schüler bedeuten kann.

In den letzten beiden Schulstunden, die Annika Liebethal vor dem ersten Lockdown im März in ihrer Klasse gegeben hat, stand „Glücksunterricht“ auf dem Stundenplan. „Wir hatten die Idee, uns Tänze aus verschiedenen Kulturen beizubringen. Dabei sind wir uns natürlich sehr nah gekommen. Es hat allen unheimlich viel Spaß gemacht. Zwei Tage später durfte man sich nicht mehr begegnen. Das hat mir gezeigt, dass von jetzt auf gleich plötzlich alles anders sein kann“, erinnert sich die Lehrerin an das Ende des schulischen Alltags.

Wie empfindet Annika Liebethal die zurückliegenden Schul-Monate? „Mein Eindruck von dem Jahr ist zwiegespalten. Es war auf der einen Seite total abwechslungsreich, weil wir ja ganz oft alles umstellen mussten, es gab nie eine Routine. Andererseits musste ich immer wieder überlegen, wie ich die Verbundenheit mit meinen Schülern aufrecht erhalten konnte“, erklärt die 40-Jährige.

Verbundenheit mit Schülern

Diese Verbundenheit ist ihr wichtig. Doch in Corona-Zeiten ist es für Annika Liebethal schwierig gewesen, eine emotionale Bindung zu den Schülern herzustellen – wegen der Maskenpflicht: „Ich habe in diesem Jahr neue Schüler unterrichtet, die ich bisher noch nicht ohne Maske gesehen habe. Hinter den Masken verbirgt sich ja auch eine Mimik. Die Augen sind zwar wichtig, aber das ganze Gesicht ist wichtiger. Manchmal frage ich mich, wie jetzt gerade die Stimmung in der Klasse ist oder wie die Schüler auf das, was ich gesagt habe, reagieren.“

Die Lehrerin musste auf vieles verzichten, was sonst engen Kontakt mit den Schülern herstellt. Annika Liebethal vermisst beispielsweise die übliche Durchmischung in den Klassen: „Wir sitzen schon mal in einem Stuhlkreis, um Probleme zu besprechen. Das ist aber nicht möglich, da alle Schüler einen festen Platz haben, der nur mal ausnahmsweise verlassen werden darf. Man muss immer darauf achten, dass die strikte Sitzordnung eingehalten wird. Das kooperative Arbeiten wird dadurch total erschwert.“

Der Lockdown traf sie völlig unvorbereitet

Völlig unvorbereitet habe sie der erste Lockdown getroffen: „Man musste von heute auf morgen auf Distanz gehen. Ich habe erst einmal überlegt, welche Kanäle es geben könnte, um mit den Schülern in Verbindung zu bleiben.“

Überraschend viele Schüler besaßen weder einen PC noch einen Drucker: „Ich habe dann Arbeitspakete für meine Schüler vorbereitet, diese kopiert, in Briefumschläge gepackt und den Schülern nach Hause geschickt. In der Zeit habe ich jeden Schüler angerufen und gefragt, ob das Paket angekommen ist und ob die Aufgaben klar waren.

Ich habe sogar meine Telefonnummer herausgegeben, was ich sonst nicht mache. So konnten die Schüler mich anrufen, wenn sie Probleme hatten.“

„Mit dem Lockdown kam die Starre“

Die Lehrerin erinnert sich gut an ihre Gefühlswelt zu der Zeit: „Mit dem Lockdown kam zunächst eine richtige Starre. Ich wusste gar nicht, was ich damit anfangen sollte. Aber dann habe ich gedacht: ‚Du musst doch irgendetwas machen, um in Verbundenheit mit Kollegen und Schülern zu bleiben.‘“

Inspiriert durch die Aufrufe von Ärzten und Pflegepersonal unter dem Slogan „Wir bleiben für euch hier, bleibt ihr für uns zu Hause“ kam Annika Liebethal schnell auf die Idee, sich bei all denen zu bedanken, die für die Gesellschaft die Stellung hielten.

Als Lehrerin am Berufskolleg dachte sie besonders an die Schüler, die als Auszubildende im Einzelhandel, in den Arztpraxen und in den Krankenhäusern arbeiten: „Ich wollte mich aber auch an unsere Schüler wenden und ihnen zeigen, dass wir weiterhin für sie da sind – auch von zu Hause aus.“

Initiative „Wir bleiben verbunden“ zeigte Verbundenheit

Damit war die Initiative „Wir bleiben verbunden“ geboren. Kollegen anderer Castrop-Rauxeler Schulen schlossen sich an und erstellten Collagen, die unterschiedliche Botschaften ausdrückten, vor allem aber die Botschaft an die Schüler, dass Lehrer ihnen in der schwierigen Zeit beistehen.

Auch hier wurde Annika Liebethals Wunsch nach Verbundenheit sichtbar: „Die Collagen sollten eine Einheit bilden, um zu demonstrieren, dass wir und unsere Botschaften miteinander verbunden sind. Wahrscheinlich hat man in Krisenzeiten das Bedürfnis, etwas zu tun. Unsere Aktion hat mir so viel Spaß gemacht. Es war eine gemeinsame Aktion, deren Ergebnisse auch noch lange auf den Internetseiten der Schulen zu sehen waren.“

Annika Liebethal blickt auf eine turbulente Schulzeit 2020 zurück.
Annika Liebethal blickt auf eine turbulente Schulzeit 2020 zurück. © privat © privat

Wie schaut Annika Liebethal in die Zukunft? Sie möchte Bewährtes weiterführen und zugleich neue Wege gehen, die sich in der Corona-Zeit eröffnet haben. „Zusammen mit einer Kollegin organisiere ich jetzt im fünften Jahr die ‚Glücksstunden‘. Dadurch versuchen wir, die Schüler zu einer emotionalen Reife zu bringen. Mehr Selbstwirksamkeit, der Umgang mit Gefühlen oder die Stärkung persönlicher und sozialer Kompetenzen gehören dazu“, erzählt die Lehrerin.

Sie ist davon überzeugt, dass diese Form von Unterricht gerade in Krisenzeiten sehr wichtig ist: „Man braucht diese emotionale Reife, um sich nicht aufzugeben, sondern Verantwortung zu übernehmen.“ Sie weiß aber auch, dass der Glücksunterricht nicht in der ursprünglichen Form weiter geführt werden kann: „Normalerweise sitzen wir ganz entspannt auf dem Boden oder auf Kissen in einem Kreis. Dabei geschieht vieles über Meditation und Atmen. Mit einer Maske kann man zwar auch atmen, aber man kann leider schlechter entspannen.“

Neue Strategien als Geschenk der Pandemie

Annika Liebethal kann sich aber auch vorstellen, dass die Zeit der Pandemie Lehrern und Schülern etwas schenken kann: „Krisen eröffnen auch die Möglichkeit umzudenken, nicht unbedingt mit den alten Strategien weiter zu arbeiten, sondern neue zu entwickeln, um die Schüler individuell in ihren Interessen zu begleiten.“

Sie wünscht sich, dass Schule neu überdacht wird: „Der bisherige Rhythmus des Lernens könnte flexibler gestaltet werden. Es gibt beispielsweise Spielraum bei der traditionellen 45- oder 90-Minuten Taktung der Unterrichtsstunden. Dann hätten die Schüler bessere Möglichkeiten, bestimmte Themen zu erarbeiten. Ich wünsche mir, dass wir da etwas mutiger werden und genauer schauen, was uns diese schwierige Zeit vielleicht schenken kann.“

FÜNF CASTROP-RAUXELER BLICKEN ZURÜCK

2020 war nichts normal in Castrop-Rauxel. Unseren Jahresrückblick haben wir deshalb auch nicht in eine klassisch chronologische Form gebracht, sondern wir lassen fünf Castrop-Rauxeler aufs Jahr zurückschauen. Castrop-Rauxeler, die 2020 eine besondere Rolle eingenommen haben. Lesen Sie heute Folge 3: So war das Corona-Jahr für Lehrerin Annika Liebethal.

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In Castrop-Rauxel geboren und in der Heimatstadt geblieben. Schätzt die ehrliche und direkte Art der Menschen im Ruhrgebiet. Besonders interessiert am Sport und den tollen Radwegen im Revier.
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