Ein Ende der Corona-Pandemie ist zumindest in Sicht. Ein 18-Jähriger aus Castrop-Rauxel sagt: „Es wird gut, glaube ich.“ © picture alliance / dpa
Coronavirus

Jugendliche in der Corona-Pandemie: „Die Isolation war ein Härtetest“

Die Pandemie hat nicht nur alten Menschen viel abverlangt, sondern auch jungen. Ein 18-jähriger Castrop-Rauxeler berichtet über Verlust, Fehler, seine psychische Erkrankung - und Anerkennung.

Am 27. Januar 2020 kam das Coronavirus in Deutschland an. Bis heute zwingt es das Land zu massiven Einschränkungen – und hat einschneidende Veränderungen bedeutet. An dieser Stelle kommt ein 18-Jähriger aus Castrop-Rauxel zu Wort.

Er erzählt von seiner psychischen Erkrankung, die wegen der Corona-Pandemie wieder stärker wurde. Er berichtet, welche politischen Entscheidungen er zumindest fragwürdig findet – und äußert sich über Anerkennung.

Anerkennung, die seiner Generation zu selten zuteilwerde. Und die ihm letztlich seine Großmutter auf einprägsame Art und Weise schenkte. Wegen der Schilderung seiner psychischen Erkrankung will er anonym bleiben. Der Redaktion ist sein Name bekannt.

In meiner Kindheit bin ich an einer Psychose erkrankt. Seinerzeit habe ich mich völlig grundlos für alles verantwortlich gemacht, mich andauernd schuldig gefühlt. Erst nach einigen Jahren konnte ich auf die vorher dringend nötigen Medikamente verzichten. Die mehrfachen Lockdown-Maßnahmen haben mich zurückgeworfen. Die Isolation war ein echter Härtetest.

Den Lockdown haben manche Menschen besser überstanden und manche schlechter. Ich persönlich würde mich bei keinem dieser Extreme ansiedeln. Denn trotz meines Rückfalls bin ich bislang immerhin einigermaßen gut durch diese Krise gekommen, habe es geschafft, ein zufriedenstellendes Abitur zu bauen. Und ich kenne Leute, denen es viel, viel schlechter erging.

Kritik am Schulministerium

Leute, die vollständig zusammengebrochen sind. Leute, die vom Weiterleben und vom Sinn des Bleibens überzeugt werden mussten. Das war eine bedauerliche, besorgniserregende Erfahrung. Doch sie ist nicht wegzudiskutieren. Jeder, wirklich jeder Mensch hat sein Päckchen zu tragen in dieser Pandemie. Manche müssen mit einem kleinen, manche mit einem ganz großen klarkommen.

Und trotzdem kenne ich persönlich niemanden, der diese Pandemie leugnet. Niemand hat sie sich ausgedacht oder ausgesucht. Sie ist nun mal da – und damit mussten wir in den zurückliegenden Monaten umgehen. Das ist uns, so glaube ich, mal besser, mal schlechter gelungen. Und es stehen wohl noch weitere Prüfungen bevor.

Ich persönlich will nicht lauthals herumpalavern. Ich selbst maße mir nicht an, zielsicher bewerten zu können, welche politische Entscheidung denn nun gut oder grottenschlecht war. Ich kenne die genauen Überlegungen nicht und ich sehe das Für und Wider. Als im Frühjahr 2021 einige Corona-Regeln gelockert wurden, da gingen darum womöglich die Infektionszahlen hoch, ja.

Doch gleichzeitig hat es Menschen erlaubt, mal wieder durchzuatmen, Luft zu holen. Weil dieser Lockdown und diese Isolation viel Kraft gekostet haben. Nicht nur finanziell, sondern zugleich psychisch. Es ist nun mal sehr komplex – eine klare Position zu dieser Corona-Politik kann ich auch nach reichlicher Abwägung nicht finden. Harsche Kritik kann und will ich darum nicht üben.

Nur zweierlei möchte ich anmerken: Ich habe teilweise mitbekommen, wie mein Schulleiter abends nach 22 Uhr noch Mails herumschicken musste, weil sich das Schulministerium kurzfristig entschieden hatte, einen Erlass zu veröffentlichen. Die neuen Regeln mussten dann in Windeseile umgesetzt werden.

Niemand agiert, alle reagieren – dieser Eindruck hat sich dadurch aufgedrängt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir von der Landesregierung wirklich geführt wurden. Sicher, diese Pandemie ist für alle neu. Und doch hätte ich mir gewünscht, dass planvoller gehandelt worden wäre. Weniger „auf Sicht“, wie es so heißt.

Lob an die Gleichaltrigen: „Großteil hat sich an Regeln gehalten“

Zudem ist doch sehr stark aufgefallen, was in den vergangenen Jahren alles zu kurz gekommen ist. Die Digitalisierung ist ein Thema, das in den nächsten Monaten hoffentlich nicht einfach wieder so vergessen wird. Fehler können passieren. Doch aus ihnen sollte gelernt werden – schon sehr bald. Das wäre nur richtig und logisch. Daran muss die Politik gemessen werden.

Ich selbst und meine Familie, diese Erwähnung ist mir noch zur Einordnung wichtig, sind seit der Pandemie sehr privilegiert gewesen. Ich habe ein eigenes Zimmer, einen Rückzugsort. Mein Vater hat ein Arbeitszimmer – er kann ohne Probleme im Homeoffice bleiben. Das ist in vielen Familien deutlich anders. Es ist sogar eine ganz andere Welt, wenn Familien in drei Zimmern mit ihren drei Kindern leben.

Zu guter Letzt will und kann ich guten Gewissens sagen: Der überragende Großteil meiner Generation hat sich an die Regeln gehalten. Er hat sich zurückgenommen, abgewartet und damit die älteren Leute geschützt.

Die Anerkennung, die unserer Generation ruhig mal zuteilwerden könnte, hat meine Großmutter vor Kurzem ausformuliert. Sie erzählte von meinem Urgroßvater. Der war ein sehr junger Mann, als er eingezogen wurde, um für Hitler und die Wehrmacht im 2. Weltkrieg zu kämpfen. Als er zurückkam, war er ein anderer, ein aufgewühlter Mensch.

Meine Großmutter erzählte, dass er immer davon gesprochen habe, wie ihm durch den Krieg und die eigenen Erlebnisse seine Jugend genommen wurde. Anschließend zog sie die Parallele zur Corona-Zeit. Sicherlich hinkt der Vergleich, wir stecken nicht im Krieg und wir werden nach der Pandemie hoffentlich schnell zurück ins normale Leben finden.

Doch, und darauf wollte meine Großmutter hinaus: Uns jungen Erwachsenen wurde sehr wohl Zeit geraubt. Zeit, die für die Entwicklung wichtig ist. Zeit, die wir nicht mehr zurückbekommen. Als sie dies in dieser Art und Weise angesprochen hatte, fühlte ich mich und meine Generation ganz kurz emporgehoben. Es war eine schöne Anerkennung.

Zeit nach der Pandemie: „Es wird gut, glaube ich“

Die verschiedenen Generationen sollten sich nicht spalten lassen. Wir sollten aufeinander achtgeben, so denke ich. Und wir sollten aufpassen, dass all die Verwerfungen in der Gesellschaft nicht zu noch größeren Problemen werden. Dass den Arbeitslosen fix wieder Arbeit besorgt wird. Dass die Erkrankten Hilfe erhalten. Dass wir uns alle von dieser Pandemie bestmöglich erholen.

All das wird seine Zeit dauern. Aber es wird gut, glaube ich.

Über den Autor
Volontär
Schreibt seit 2015. Arbeitet seit 2018 für die Ruhr Nachrichten und ist da vor allem in der Sportredaktion und rund um den BVB unterwegs.
Zur Autorenseite
Avatar

Der neue Lokalsport-Newsletter für Dorsten

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Dorstener Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.