Hans-Joachim Drath hat noch Betun-Bahnen auf Lager, aber nachbestellen kann er nicht mehr. © Nora Varga
Handwerker

In Castrop-Rauxel drohen Baustopps: „So eine Krise hatten wir noch nie“

Im Handwerk werden Materialien knapp. Ob Holz, Stahl oder Dämmstoffe, die Preise sind hoch, die Märkte leer. Ein Castrop-Rauxeler Handwerker spricht über die schlimmste Krise seit Jahren.

Auf dem Hof von Dachdeckermeister Hans-Joachim Drath stehen sie noch: Paletten mit Dachlatten und Betun-Bahnen, aber wenn sein Vorrat aufgebraucht ist, kann der Castrop-Rauxeler nicht mehr nachbestellen. Der Markt ist leer. Hans-Joachim Drath: „Wir Handwerker müssen aktuell von dem leben, was noch da ist. Die Händler geben uns ja schon weiter, dass nichts mehr nachkommt.“

Grund sei der hohe Export von Rohstoffen: „Deutsches Holz wird zum Beispiel absolut gefragt und geht momentan vor allem in die USA und nach China. Für uns bleibt nichts mehr über.“ Für einzige Handwerksgruppen ist das ein echtes Dilemma. Hans-Joachim Drath ist als Kreishandwerksmeister gut vernetzt und kennt die Probleme seiner Kollegen.

Besonders drastisch sei die Krise bei den Holzwaren: „Die Zimmermeister haben volle Auftragsbücher, aber können nichts tun.“ Er erzählt von einem Schreiner, der einen lukrativen Auftrag über 50 Küchen wieder abgeben musste, weil er die Holzplatten für die Küchen nicht beschaffen konnte. Auch in anderen Gewerken fehlen die Rohstoffe.

Baustopps drohen auch in Castrop-Rauxel

Aber nicht nur in den einzelnen Gewerken sind die Sorgen groß. Der Mangel hat das Potenzial, die ganze Baubranche zu lähmen. Drath: „Wir haben sehr eng verzahnte Abläufe. Wenn die Fußbodenheizung nicht eingebaut wird, dann können keine Fliesen drauf und so weiter.“

Im schlimmsten Fall könnten ganze Baustellen stillstehen. Im Sommer droht seiner Einschätzung nach flächendeckend Kurzarbeit, auch in Castrop-Rauxel. Dabei sei das Handwerk sehr gut durch die Corona-Pandemie gekommen. Drath: „Wir konnten ja immer weiter arbeiten, draußen und mit Masken, aber wir konnten Geld verdienen und Steuern zahlen.“

Auch in seinem Dachdeckerbetrieb bekommt der Kreishandwerksmeister den Engpass an allen Ecken und Enden zu spüren: „Vor Kurzem habe ich Dachfenster bestellt. Normalerweise haben die eine Lieferzeit von fünf Tagen, jetzt werden sie erst im August ankommen.“ Dachlatten, die vor kurzem noch 50 Cent pro Meter gekostet haben, kosten mittlerweile 2 Euro pro Meter, und auch hier gilt: Der Markt ist leer. „Die Dachlatte ist das Klopapier des Jahres 2021.“

Ungewissheit über die nähere Zukunft

Hans-Joachim Drath: „Ich kann nachts nicht mehr schlafen. Wir haben hier 20 Mitarbeiter, das sind 20 Familien. Die müssen auch ihren Lohn haben.“ Durch geschickte Hamsterkäufe hat er noch Materialien für die nächsten Wochen. Wie es dann weitergehen soll, weiß er nicht. Für die Betun-Bahnen, von denen er noch ein paar Paletten ergattern konnte, gibt es von zwei großen Lieferanten schon einen Lieferstopp für die nächsten acht Wochen. Normalerweise würde er so was direkt zum Bau liefern lassen, jetzt muss er seine Hamsterkäufe bei sich zwischenlagern, auch das ein Kostenfaktor.

Auf seinem Hof hamstert Drath noch Materialien, die er ergattern konnte. Trotzdem macht er sich große Sorgen.
Auf seinem Hof hamstert Drath noch Materialien, die er ergattern konnte. Trotzdem macht er sich große Sorgen. © Nora Varga © Nora Varga

Für den Endverbraucher wird die Materialkrise zu einem teuren Spaß. Hans-Joachim Drath: „Der Handwerker muss die gestiegenen Materialkosten zumindest zum Teil an den Verbraucher weitergeben. Das kann man als Handwerker nicht auffangen.“ Das kann schnell Tausende Euro Aufpreis bedeuten. Außerdem: Immer mehr Aufträge müssen verschoben oder ganz abgelehnt werden. Kunden rät er, sich schon früh um Termine zu bemühen und vor allem viel Verständnis und Geduld mitzubringen.

Verbände fordern von der Politik einen Exportstopp für bestimmte Güter, noch ist der Ausgang dieser Forderungen ungewiss. Dass die Lage ist ernst, da ist sich Drath sicher. Von Innungskollegen, die ihre Betriebe bereits in mehreren Generationen betreiben, heißt es: „So eine Krise hatten wir noch nie.“

Über die Autorin
Volontärin
Jahrgang 2000. Ist in Bergkamen aufgewachsen und nach Dortmund gekommen, um die große, weite Welt zu sehen. Überzeugte Europäerin mit einem Faible für Barockmusik, Politik und spannende Geschichten
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Nora Varga

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