Leere Tische – wie hier im 1910 am Markt – bleiben für Gastronomen vorerst die bittere Realität. Die Restaurants werden vorerst nicht öffnen dürfen. (Archiv) © Foto: Dominik Möller
Coronavirus

„Ich fühle mich betrogen“: Die Gastronomie und die Lockdown-Verlängerung

Am Mittwoch tagte die Corona-Elefantenrunde. Sie beschloss eine Verlängerung des Lockdowns. Existenzgefährdend für unsere Gastronomie? Es gibt verschiedene Stimmen unter Wirten in Castrop-Rauxel.

Bedroht die Verlängerung des Lockdowns Ihre Existenz? Das war eine der Fragen, die wir den Gastronomen in Castrop-Rauxel am Mittwoch (3.3.) gestellt haben. „Auf jeden Fall“, sagt Reiner Ocker von der Gaststätte Zum Reiterhof in Merklinde. „Die da oben, sie spinnen“, sagt er im Telefonat mit unserer Redaktion und spricht von einem Kuba-Syndrom: immer nur eine Meinung zuzulassen.

Reiner Ocker an der Gaststätte zum Reiterhof in Merklinde © Helmut Kaczmarek © Helmut Kaczmarek

Die Lage ist schwierig, da sind sich alle einig. Auf den Punkt bringt die Lage Bubi Leuthold von „Tante Amanda“ an der Stadtgrenze zu Dortmund: „Irgendwann ist die Grenze erreicht. Vor allem kleine Kneipen machen nicht wieder auf. Andererseits steigen die Zahlen wieder…“. Es ist ein Hadern, es ist ein Nichtwissen um die künftige Lage, aber es ist auch Wut. Eine Blitzumfrage bei gut einem Dutzend Gastronomen in Castrop-Rauxel hat dieses Bild ergeben.

Haus Oestreich: Bis 30. Juni hält Betriebsleiter durch

Inan Acar, Betriebsleiter im Haus Oestreich auf Schwerin und im Gleis 4 am Hauptbahnhof, sagt: „Die Hilfen vom Staat retten uns, auch wenn wir die Überbrückungshilfe 3 von Januar bis 30. Juni noch nicht beantragt haben.“ Geht ja auch nicht, schließlich ist das Ende des Lockdowns zurzeit noch offen. Für ihn gehe der Ofen in den beiden Läden erst aus, wenn es über den 30. Juni hinaus noch so weiter laufe und dann – wie angekündigt – keine Hilfen mehr zur Verfügung stehen.

Sein Kollege Sandor Czirjak, der das Haus Sandor an der Wittener Straße und die Golfplatz-Gastronomie betreibt, wartet händeringend auf ein Öffnungssignal: „Der ständige Lockdown ist ein großes Problem für uns. Der Großteil meiner Leute ist in Kurzarbeit, das Mitnehmgeschäft gerade an der Wittener Straße ist da kein Ausgleich.“

Die Situation sei „sehr schlecht. Aber wir wären auf alles vorbereitet, haben alle Hygienemaßnahmen getroffen, sind für unsere Gäste gerüstet“, erzählt der Gastronom. Man könne Bedienung auf Abstand bieten. Warum also nicht öffnen?

Am Yachthafen ist alles klar Schiff

Anders sieht es bei Ludger Schütze, Betreiber des Restaurants „Zum Yachthafen“ aus. „Ich denke, dass wir grundsätzlich einiges abgefedert haben. Wir haben entsprechende Rücklagen“, meint er. Erst wenn bis zum Ende des Jahres keine Änderung in Sicht sei, müsse er sein Haus am Ringelrodtweg für immer schließen.

Dennoch habe Schütze volles Verständnis für den Weg der Bundesregierung: „Ich kann die Entscheidung nachvollziehen. Ich mache keinen Vorwurf, dass wir schließen mussten, da ich die Maßnahmen für notwendig halte.“

Das Einzige, was ihm ein bisschen Sorge bereitet, ist die Belieferung mit Waren, sollte es kurzfristig doch zu Öffnungen kommen. „Im Moment sind die Großmärkte leer, da ist keine Ware. Das müsste auf den Punkt alles wieder da sein. Ob das funktioniert, ist fraglich“, sagt er.

Il Caffé: Außer-Haus-Geschäft ist der Rettungsanker

Aldo Segat vom Il Caffé in der Altstadt sagt, das Außer-Haus-Geschäft, das er seit November anbietet, rette ihm seine Arbeit – er habe zu tun, wenngleich etwas weniger, als wenn er geöffnet hätte. Sein Café lebt auch von den Stühlen vor dem Lokal in der Mühlengasse. Also warum nicht nur außen aufmachen? „Naja, wie soll man das regeln, wenn es dann anfängt zu regnen?“, erwidert Segat. Lili Leuthold, Geschäftsführerin vom 1910 in der Altstadt, sieht das anders: Sie ist für eine Öffnung der Außengastronomie.

Inan Acar, Betriebsleiter im Haus Östreich auf Schwerin und im Gleis 4 am Hauptbahnhof in Rauxel
Inan Acar, Betriebsleiter im Haus Östreich auf Schwerin und im Gleis 4 am Hauptbahnhof in Rauxel © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Für Segat wäre eine Öffnung nach Ostern gut. „Bis dahin sind vier Wochen vergangen, dann sollte eine Öffnung nicht wieder bedrohlich für die Zahlen sein. Denn das wäre der absolute GAU: Wenn wir öffnen und im Sommer wieder zumachen müssen…“

„Restaurantbesuche irgendwo Luxus“

Christina Eickenscheidt, die 2013 das Haus Wetterkamp in Henrichenburg von ihren Eltern übernommen hat, rechnet mit einer „Öffnung der Gastronomie nach Muttertag“, so die Betreiberin des Restaurants auf der Hagenstraße.

Knapp würde es so schnell bei ihr allerdings nicht werden: „Ich konnte in den letzten Jahren einige Reserven beiseitelegen. Aber ich würde mich riesig freuen, endlich wieder arbeiten zu können“, sagt sie.

In ihrer Brust schlagen zwei Herzen: „Auf der einen Seite ist es natürlich sehr bitter. Wir Gastronomen mussten als erste schließen und dürfen erst als letzte wieder aufmachen. Andererseits ist ein Restaurantbesuch nun einmal auch irgendwo Luxus. Die Haare können sich die wenigsten selbst schneiden, Essen machen schon. “

Bürgerstuben: Betreiberin musste an Altersvorsorge gehen

Im Henrichenburger Restaurant Bürgerstuben seien die Mitarbeiter nach wie vor in Kurzarbeit. Betreiberin Michaela Toschka sagt: „Wir haben gerade einmal die Novemberhilfen bekommen. Auf die Unterstützung für die letzten drei Monate warten wir immer noch.“ Und: „Mittlerweile mussten wir bereits an unsere Altersrücklagen gehen.“

Wenigstens eine Öffnung der Außengastronomie würden sich viele Restaurantbetreiber wünschen.
Wenigstens eine Öffnung der Außengastronomie würden sich viele Restaurantbetreiber wünschen. © Marian von Hatzfeld © Marian von Hatzfeld

Sandor Czirjak vom Haus Sandor findet: „Wenn sich doch zwei Hausstände wieder treffen können, wie es angekündigt wird: Warum nicht in der Gastronomie?“ Und Inan Acar vom Haus Oe pflichtet ihm bei: „Im Haus Oestreich kann es kaum zu einer Ansteckung kommen. Wir haben strenge Regeln und halten sie ein.“ Was anderes sei das in einem Lokal wie dem Gleis 4: In Diskotheken und Kneipen gehe es eben enger zu.

Michaela Toschka hat kein Verständnis mehr. Die Bürgerstuben-Wirtin sagt: „Wenn ich mir ansehe, wie wenig Supermärkte in der Zeit geleistet haben, als wir Konzepte aufgestellt und alles hygienisch sauber eingerichtet haben… Sie dürfen dennoch weiter öffnen. Das ist wie ein Schlag ins Gesicht.“ Sie fühle sich „schon nicht mehr von der Regierung im Stich gelassen, sondern betrogen“.

Die Stimmen der Gastronomen trugen Tobias Weckenbrock, Thomas Schroeter, Kevin Kallenbach, Uwe von Schirp und Patricia Böcking zusammen

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