Uni-Projekt

Hoffnungsschimmer: Ausgangsperre im Kreis könnte schon Ende Mai fallen

Lassen sich Corona-Zahlen mit Hilfe der Mathematik vorhersagen? Davon ist Professor Thorsten Lehr überzeugt. Seine Simulation enthält für den Kreis Recklinghausen überraschende Prognosen.
Thorsten Lehr, Saarbrücker Pharmazie-Professor, präsentiert hier die an seinem Lehrstuhl entwickelte Corona-Simulation. © dpa/picture alliance

Wann fällt die Ausgangssperre im Kreisgebiet und welchen Prognosen kann man überhaupt noch glauben? Den Aussagen von Politikern, Virologen, dem eigenen Gefühl oder gar der Mathematik? Letztere ist immerhin frei von Hoffnungen und Sehnsüchten. Allein Fakten und Daten zählen. Darauf setzen Professor Dr. Thorsten Lehr und sein Forscherteam von der Universität des Saarlandes. Nach mehrmonatiger Arbeit haben sie ein statistisches Modell zur Berechnung des Infektionsverlaufes auf die Beine gestellt, in dem auch die Daten für den Kreis Recklinghausen erfasst sind. Glaubt man der Statistik, könnten bereits in zwei Wochen weitreichende Lockerungen im Kreis Wirklichkeit werden.

Entwicklung begann schon beim ersten Aufkeimen der Pandemie

Schon beim ersten Aufkeimen der Pandemie, im Frühjahr 2020, starteten die Saarbrücker Forscher mit der Entwicklung ihrer Simulation. Ziel war es, den weiteren Verlauf der Infektionen mit Krankenhausbelegung, und Beatmungspatienten vorherzusagen, um den Verantwortlichen wichtige Entscheidungshilfen an die Hand zu gegeben. Ganz nebenbei wollte man auch einer breiten Öffentlichkeit das Pandemie-Verständnis näherbringen.

Die Kurve mit den Inzidenzzahlen im Kreis zeigt steil nach unten: Bereits für den 22. Mai sagt der Covid-19-Simulator einen Wert von unter 100 voraus. © Screenshot © Screenshot

Ergebnis der intensiven Entwicklungsarbeit ist der Online-Simulator „CoSim“, der anhand eines mathematischen Modells das Infektionsgeschehen simuliert. Dazu benötigt er allerdings eine Menge aktueller Daten, die wöchentlich eingepflegt werden. Daraus generiert der Simulator anschließend Vorhersagen für Bundesländer, Kreise und Städte.

„Selbstbremseffekt nicht mit eingerechnet“

Dennoch gibt es Unwägbarkeiten, wie die vor Ostern noch prognostizierten „Horror-Inzidenzen“ von weit über 300 zeigten. „Ich habe die sehr hohen Zahlen nie für realistisch gehalten, weil oft ein Selbstbremseffekt nicht mit einmodelliert wurde, der eintritt, wenn die Leute hören, was die Stunde geschlagen hat“, erläuterte dazu SPD Gesundheitsexperte Karl Lauterbach erst in der vergangenen Woche bei Maybrit Illner.

Bei den Fallzahlen das gleiche Bild: Ende Juli sollen kaum noch neue Fälle im Kreis auftreten. © Screenshot © Screenshot

Aber genau solche Erfahrungen fließen ständig in den Online-Simulator ein: Aufgrund der aktuell positiven Entwicklung wurde „CoSim“ erst in den letzten Tagen auf ein stark überarbeitetes und verbessertes Modell umgestellt, bei dem Alters- und Geschlechtsstruktur der Infizierten, die Verbreitung bestimmter Mutationen, Testanzahl und Positivrate als Einflussfaktoren berücksichtigt werden.

Inzidenz unter 100 erst ab dem 22. Mai im Kreis?

Was aber sagt die Simulation nun in Bezug auf den Kreis Recklinghausen aus? Beinahe ebenso schnell, wie die Inzidenz im Kreis Richtung 200 marschiert ist, sank sie in den vergangenen Tagen wieder ab. Das weckt sicherlich Hoffnungen auf einen ebenso schnellen Rückgang in Richtung „Inzidenz 100“. Die aber lässt laut Saarbrücker Simulation noch mehr als zwei Wochen auf sich warten. Laut „CoSim“-Datensatz vom 5. Mai wird die „100“ im Kreis erst am 22. Mai unterschritten. Weitere fünf aufeinanderfolgende Tage mit Werten unter „100“ müssten zudem verstreichen, ehe die harten Beschränkungen fallen könnten – also frühestens am 27. oder 28. Mai.

Negative Schnelltests würde entfallen

Schaut man auf die Liste der möglichen Erleichterungen, ist das durchaus verlockend: So wären wieder Treffen von zwei Haushalten mit maximal fünf Personen erlaubt. Auch die nächtliche Ausgangssperre von 22 bis 5 Uhr könnte entfallen. Ladengeschäfte dürften mit vorheriger Terminbuchung und FFP2-Maskenpflicht öffnen. Beim Friseur und bei der Fußpflege entfiele die Vorlage eines negativen Schnelltests. Mit einigen Einschränkungen wäre auch wieder kontaktfreier Sport möglich.

Auch die Kurve der mit akuten Infektionen ins Krankenhaus eingelieferten Patienten bewegt sich in die richtige Richtung. © Screenshot © Screenshot

Mit ursächlich für den Rückgang der Zahlen ist nach Angaben der Saarbrücker Forscher bereits jetzt ein positiver Einfluss der „Bundesnotbremse“ und auch erste Einflüsse durch die Impfungen wurden festgestellt. Bei aller Euphorie, gibt es dennoch weiterhin Grund zur Sorge: Durch die Lockerungen, so befürchtet das Team von Professor Lehr, käme es im Juni nur noch zu einen gebremsten Abfall, bei dem sich die 7-Tagesinzidenz auf einem Niveau zwischen 50 und 100 einpendeln würde. Das genaue Ausmaß hinge aber letztlich vom Verhalten der Bevölkerung ab.

Impffortschritt zeigt erste Wirkungen

Weitaus optimistischer ist in dieser Hinsicht ausgerechnet SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, der sich in den zurückliegenden Monaten ja nicht gerade als Überbringer optimistischer Prognosen hervortat.: „So wie die Werte exponentiell gestiegen sind, fallen sie auch wieder exponentiell. Dabei spiele, so Lauterbach, auch der Ende Mai erreichte Impffortschritt von 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung eine wesentliche Rolle. Das hätten Erfahrungen und Studien aus Israel gezeigt. Daher appelliert er, noch bis Ende Mai Zurückhaltung zu üben.

Schon am 11. Juli könnte die Inzidenz einstellig sein

Zurück zur aktuellen Simulation für den Kreis: Gibt es keine Lockerungen, würde hier eine 7-Tageinizidenz von unter 50 schon am 12. Juni erreicht. Gut vier Wochen später, am 11. Juli, wäre der Wert sogar nur noch einstellig und Ende Juli hätten dann die Inzidenzzahlen kaum noch Relevanz. Ein Hoffnungsschimmer, nach über einem Jahr Pandemie.

Dorsten am Abend

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