Randvoll und "nah am Limit" waren die Emscher-Auen nach dem Starkregen von Tief Bernd Mitte Juli. © Wolfgang Knappmann
Emschergenossenschaft

Hochwasserbilanz: Schutzmaßnahmen an der Emscher waren „Nah am Limit“

Randvolle Emscher-Auen, kaum Überflutungen und ein unbeschadetes Wasserkreuz. Die Emschergenossenschaft zieht Bilanz nach dem Unwetter Mitte Juli. Der bisherige Schutz reicht aber nicht.

Die Emschergenossenschaft (EG) zieht nach den Unwettern vom 14. Juli Bilanz: „Die Hochwasserrückhaltebecken haben ihre Aufgabe erfüllt, die Deiche haben gehalten, es kam zu keinen extremen Überflutungen.“

Am Oberlauf der Emscher habe das Hochwasser-Schutzsystem funktioniert, erklärt EG-Sprecher Ilias Abawi im Gespräch mit dieser Redaktion. Auch die Baustelle am Wasserkreuz in Castrop-Rauxel habe das Unwetter sehr gut überstanden – dank der Hochwasser-Rückhaltebecken im Raum Mengede.

„Sie haben die Wassermassen aus Dortmund zurückgehalten, wie es auch sein sollte“, sagt der Unternehmenssprecher. Matschig sei es am Tag nach dem Starkregen am Wasserkreuz gewesen. Dort bewegen derzeit Baumaschinen große Mengen Erdreich für das Brückenprojekt „Sprung über die Emscher“. Der Matsch sei auf den Regen zurückzuführen, der in Castrop-Rauxel fiel.

Dortmund war Niederschlags-Schwerpunkt

Ohne die Rückhaltebecken in Ellinghausen und an der Stadtgrenze zwischen Dortmund-Mengede und Castrop-Rauxel-Ickern hätte das Emschertal flussabwärts die Wassermassen nicht aufnehmen können. Aber: „Dafür sind die Becken ja da“, betont Ilias Abawi.

Die Emschergenossenschaft hat in ihrer Analyse die Ergebnisse der Niederschlags-Messtationen ausgewertet. Flächendeckend maß sie im Emscher-Gebiet in 24 Stunden rund 64 Liter pro Quadratmeter, davon fielen rund 40 Liter in zwölf Stunden.

Zwischen 2022 und 2024 baut die Emschergenossenschaft die Dämme in den Emscher-Auen zurück. Sie dienten einmal als Baustraßen. An den Senken der Wege schoss das Wasser wie vorgesehen aus dem Fluss in die Beckenteile.
Zwischen 2022 und 2024 baut die Emschergenossenschaft die Dämme in den Emscher-Auen zurück. Sie dienten einmal als Baustraßen. An den Senken der Wege schoss das Wasser wie vorgesehen aus dem Fluss in die Beckenteile. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Im Emschergebiet fiel im Raum Dortmund am meisten Regen. Hier registrierte die EG in der Spitze 113 Liter pro Quadratmeter. An der Station Dortmund Scharnhorst wurden in einer Stunde 55,8 Liter gemessen und in 24 Stunden 107 Liter. Zum Vergleich: Der mittlere Juli-Niederschlag im Emscher-Gebiet beträgt 83 Liter pro Quadratmeter.

Jahrhundert-Hochwasser am Oberlauf

„Im Oberlauf der Emscher wurde ein ‚HQ 100‘ überschritten, also ein Hochwasser, das statistisch gesehen alle 100 Jahre auftritt“, heißt es in der Bilanz. Das System „griff“ bereits einige Kilometer vor Mengede.

Am Becken „Nagelpöttchen“ oberhalb des Phoenixsees kam es zu einem kontrollierten Notüberlauf, als es mit 89.000 Kubikmetern die komplette Einstauhöhe erreicht hatte. Der Phoenixsee erfüllte dann seine Funktion als Hochwasser-Schutzanlage und nahm 100.000 Kubikmeter Wasser auf.

Die Rückhaltebecken in Ellinghausen sind noch im Bau. Sie nahmen trotzdem Teile der Wassermassen auf.
Die Rückhaltebecken in Ellinghausen sind noch im Bau. Sie nahmen trotzdem Teile der Wassermassen auf. © Team Vermessung/EGLV © Team Vermessung/EGLV

Die Rückhaltebecken um Mengede waren Seenlandschaften. „Da wäre noch Kapazität gewesen“, sagt Ilias Abawi. „Aber wir waren nah am Limit.“ Das kann bei künftigen Unwettern jedoch überschritten werden, wenn Regenmengen von 200 Litern pro Quadratmeter niedergehen – wie etwa in den linksrheinischen Katastrophengebieten.

Maßnahmen an Emscher und ihren Zuläufen reichen nicht

„Regen fällt, wo er fällt“, sagt der Unternehmenssprecher. „Was wir an den Gewässern machen, schützt diejenigen nicht, die weiter weg davon leben.“ Deswegen reichen die laufenden oder geplanten Schutzmaßnahmen an der Emscher und ihren Zuflüssen nicht aus – Rückhaltebecken in Oberhausen oder an der Mündung in Dinslaken etwa.

„Wir brauchen die Schwammstadt“, betont Ilias Abawi. Heißt: In den dicht besiedelten Städten müssen befestigte Flächen entsiegelt werden. „Im Ruhrgebiet hat die Ruhrkonferenz mit dem Projekt ‚Klimaresiliente Region mit internationaler Strahlkraft‘ ein leistungsfähiges Netzwerk der Wasserverbände und der Kommunen gegründet und bereits erste Projekte umgesetzt“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Emschergenossenschaft, Prof. Uli Paetzel.

Weil die Rückhaltebecken am Oberlauf und rund um Mengede große Wassermassen aufnahmen, blieb die Emscher, wie hier, in Ickern in ihrem Bett.
Weil die Rückhaltebecken am Oberlauf und rund um Mengede große Wassermassen aufnahmen, blieb die Emscher, wie hier, in Ickern in ihrem Bett. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Ilias Abawi weist im Gespräch darauf hin, dass selbst die Wälder so trocken seien, dass die Böden kein Wasser mehr aufnehmen können. „Wir brauchen aber gesunde Grundwasserkörper.“ Klimafolgenanpassung mit einer einheitlichen Strategie müsse das nächste Projekt nach dem Emscher-Umbau sein. Immerhin sei die Sensibilität dafür jetzt gestiegen.

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Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Uwe von Schirp

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