Himmlische Unterstützung für Fridays for Future - Evangelische Gemeinde streikt fürs Klima

dzInterview

Spätestens seit der Gründung des Klimabündnisses Castrop-Rauxel macht die evangelische Paulus-Gemeinde sich ganz offen stark für Fridays for Future. Welche Rolle übernimmt sie hier und warum?

Castrop-Rauxel

, 19.09.2019, 16:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die evangelische Pauluskirchengemeinde ist Gründungsmitglied des Klimabündnisses in Castrop-Rauxel und stellt sich auf die Seite der jungen Menschen, die bei Fridays for Future zum Klimastreik aufgerufen haben. Wir haben mit Gemeindepfarrer Arno Wittekind über die Rolle der Kirche in diesem Bündnis gesprochen.

Warum bezieht die Kirche diese Position?

Es ist auf der einen Seite ungewöhnlich, auf der anderen aber auch nicht. Als evangelische Christen sind wir eigentlich seit 30 bis 40 Jahren im Bereich Bewahrung der Schöpfung, fairer Handel und Partnerschaftsarbeit unterwegs. Zum Beispiel mit dem Eine-Welt-Zentrum in Herne. Der politische Aufschlag der Fridays-for-Future-Bewegung ist ein neuer Schritt.

Was hat Sie dazu bewogen, bei dieser Bewegung mitzumachen?

Ich kann das jetzt nur persönlich sagen. Als jemand, der eben mit dem Bemühen um Menschenrechte und Bewahrung der Schöpfung groß geworden ist. Unsere Generation muss schon eingestehen, dass unsere Bemühungen, den eigenen Lebensstil zu ändern und über fairen Handel ein Stück Weltveränderung zu bewirken, gescheitert sind.

Was meinen Sie mit damit?

Es ging nicht nur um die Veränderung in den Köpfen. Es ist die politische Entwicklung gewesen. Parallel zu den Weltklimagipfeln der Neunziger wurde auf den Weltwirtschaftsforen zur Deregulierung des freien Handelns genau das Gegenteil geschaffen. Wir beginnen langsam zu verstehen, dass diese beiden Bewegungen sich gegenseitig widersprechen. Deswegen ist es notwendig, grundsätzlich etwas am Wirtschaften zu ändern. Dieser Aufschlag ist jetzt von der jüngeren Generation wieder neu gekommen.

Himmlische Unterstützung für Fridays for Future - Evangelische Gemeinde streikt fürs Klima

© Matthias Stachelhaus

„Wir müssen akzeptieren, dass wir auf Kosten anderer Menschen und der Zukunft dieser Erde leben.“

Also ist das politische Denken für Sie nicht neu.

Nein. Im Grunde genommen haben wir, also meine Generation, den Kontakt mit dem christlichen Glauben parallel kennengelernt mit der Friedensbewegung und der Arbeit von Amnesty International. Das war das einzige, was es Anfang der 80er-Jahre gab. Der christliche Glaube, den wir gelernt haben, war nie unpolitisch. Es gab nur ein Umdenken, dass sich Grundlegenderes verändern muss, damit wir die Schöpfung noch bewahren können, sodass sie für zukünftige Generationen lebenswert bleibt.

Sind Sie am Freitag zum ersten Mal bei der Demo mit dabei?

Ja.

Wie steht die evangelische Kirche als Arbeitgeber zum Aufruf der Schüler, am Freitag zu streiken?

Das ist gestaffelt zu sehen. Die Mitarbeiter unserer Kirchengemeinde haben den Ruf, daran teilzunehmen, von uns deutlich gehört, denke ich. Viele Angestellte gibt es auch im Bereich der evangelischen Kindergärten. Da spielt die Verantwortung für die Kinder eine Rolle. Die Regelungen innerhalb der einzelnen Kindergärten kenne ich nicht. Genauso wenig im Diakonischen- und Krankenhausbereich. Auch da sind wir Träger. Die Kranken müssen natürlich versorgt werden.

Zur Person

Arno Wittekind

  • Arno Wittekind ist seit sieben Jahren Pfarrer der evangelischen Paulus Gemeinde Castrop. Zuvor war er Pfarrer in Wanne-Eickel.
  • Daneben ist er stellvertretender Superintendent im Kirchenkreis Herne.
  • Wittekind ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Es gibt, gerade in den sozialen Netzwerken, viele Kritiker der Bewegung. Die Jugendlichen profitierten von den technologischen Entwicklungen unserer Gesellschaft, würden mit dem Auto zur Schule gefahren und so weiter. Was entgegnen Sie diesen Stimmen?

Das ist eine vielschichtige Frage. Wir werden in eine Welt hineingeboren, mit allen Vorzügen, die wir genießen. Da ist es natürlich, dass wir all das auch erstmal nutzen. Dann kommt das kritische Hinterfragen. Das finde ich ganz toll, dass das im Augenblick bei den Schülerinnen und Schülern passiert. Warum können wir so leben? Welche Folgen hat das für die Erde? Wie geht es den Leuten dort, wo die Rohstoffe herkommen, die wir nutzen? All diese Verbindungen zu verstehen. Ich denke, das muss erst einmal unterstützt werden.

Ist es für Sie mit Mitte 50 schwer, diese Forderungen zu akzeptieren?

Wir müssen akzeptieren, dass wir auf Kosten anderer Menschen und der Zukunft dieser Erde leben. Das ist bei vielen Älteren in der Tat noch nicht der Fall. Das ist ein schwerer Schritt. Auch innerhalb der Kirche gibt es viele ältere Menschen, die sich damit schwer tun. Auch mit dem Fehlen im Unterricht. Aber nur so wird der Protest der Schüler laut.

Wie unterstützt die evangelische Kirche in Castrop-Rauxel die Jugendlichen konkret?

Wir haben dem Klimabündnis die Räume im Wichernhaus zur Verfügung gestellt. Seit der Gründung des Klimabündnisses am 22. August bereiten wir dort die Aktionen am kommenden Freitag und Samstag vor. Das wird auch weitergehen. Die Kirchenräume sollen neutral sein. Beim Klimabündnis sind viele Parteien und Initiativen zusammengewürfelt. Unsere Aufgabe ist es, den Protest der jungen Leute zu unterstützen. Das sollte aber nicht parteipolitisch vereinnahmt werden, wie es in manchen Städten passiert. Es sollte eine offene Sache der Zivilgesellschaft bleiben.

Am 21. gibt es einen Fahrradkorso des Klimabündnisses. Sind Sie dabei?

Ich werde um 11 Uhr noch einen beruflichen Termin haben und versuche, um 11.30 Uhr dazu zu stoßen.

Was ist Ihr persönliches Ziel für die Zukunft?

Es ist mir wichtig, ein offenes Forum zu geben. Es gibt den Spruch ‚global denken, lokal handeln‘. Wir haben uns als Generation sehr auf das lokale Handeln beschränkt und das globale Denken dabei verloren. So geht das lokale Handeln ins Leere. Wir suchen deshalb nach Referenten, die wir ins Wichernhaus einladen, um durch Vortrag und Diskussion mehr über die Ursachen des Klimawandels und mögliche Lösungen zu lernen.

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