Heiko Dobrindt: „Dafür haben wir noch Einiges hingekriegt“ - Ein Abschieds-Porträt

dzTechnischer Beigeordneter

Heiko Dobrindt räumte auf in seinem Rathaus-Büro. Der Chef der Bauverwaltung in Castrop-Rauxel hat fertig. Unsere Reporterin begleitete seine kompletten 24 Amtsjahre. Ein Abschieds-Porträt.

Castrop-Rauxel

, 05.07.2019 / Lesedauer: 5 min

Fast 24 Jahre lang hat er als Technischer Beigeordneter Castrop-Rauxels Verantwortung in einem Spitzenamt als kommunaler Wahlbeamter getragen. Über 40 Jahre hat er im Öffentlichen Dienst geschafft, gerödelt, geredet.

Wobei er, der keiner politischen Partei angehört, in seinem Engagement immer ein Mann des klaren Wortes war und für Sachkompetenz stand – in bewegten Zeiten seiner Wahlheimat Castrop-Rauxel. Und nicht selten Prügel einstecken musste, wenn er bei Ortsterminen auf empörte Castrop-Rauxeler traf, die ihn verantwortlich zu machen drohten für das, was das Primat der Politik der Bauverwaltung auf den Weg gegeben hatte.

„Letztendlich trifft ja der Stadtrat die Entscheidung“, stellt Dobrindt im Abschiedsgespräch mit unserer Redaktion klar. Am 5. Juli hat er seinen letzten Arbeitstag im Rathaus, zum 1. August geht er in den Ruhestand - mit 65 Jahren und sieben Monaten.

Jetzt darf er die Liste seiner Frau abarbeiten

„Es wird dann mehr Zeit sein für meine Hobbys“, sagt er, oder besser: denke er. Fürs Radfahren: Dobrindt ist bekannt dafür, dass er das umweltfreundliche Fortbewegungsmittel liebt. Für ein bisschen Motorradfahren, für Reisen. Und vielleicht dafür, die Liste seiner Frau abzuarbeiten, die sie dem Obercastroper aufgestellt hat. Das sagt er lächelnd.

Heiko Dobrindt: „Dafür haben wir noch Einiges hingekriegt“ - Ein Abschieds-Porträt

Auf dem Radweg „Grüne Acht“: Heiko Dobrindt liebt das Radfahren. © Regener

Der Stadtrat hat ihn längst geadelt. Dobrindt gilt als Mann des Ausgleichs in Zeiten einer Pleitekommune. Er guckte, was machbar ist und was nicht geht. Auf einer Sitzung des Stadtrats im Frühjahr 2017 gab CDU-Mann Oliver Lind, Chef des Bauausschusses, ein Statement ab zu seiner Wertschätzung Dobrindts. Und erntete quer durch alle Fraktionen breite Zustimmung. Ein kleiner oder vielleicht sogar ein großer Gänsehaut-Moment, als alle zustimmend auf die Tische trommelten.

Strukturwandel und bewegte Zeiten

Es ist nicht einfach gewesen in diesen bewegten Zeiten, als der Strukturwandel auch Dobrindts Dezernat alles abverlangte. Von allen Mitarbeitern, über 200, also der ganzen Mannschaft inklusive der Reinigungskräfte.

Es fing an etwa mit der Umstrukturierung des Immobilienmanagements. Und mit den Zahlen der Bevölkerungsentwicklung, die längst Makulatur sind, aber die vor zehn Jahren für helle Aufregung sorgten: Als es hieß, Castrop-Rauxel steuere in ein paar Jahren auf nur noch 68.000 Einwohner zu. „Wir landen immer noch im Minus“, sagt Dobrindt, aber längst nicht so wie vorhergesagt. Castrop-Rauxel hat heute noch 74.500 Einwohner.

Das Damoklesschwert des Stärkungspaktes

Es war und ist immer noch die Zeit, die Ausrichtung neu zu justieren. Immer mit dem Damoklesschwert im Nacken und in der gelebten Praxis, dass mit dem Stärkungspakt weniger Mitarbeiter zur Verfügung stehen.

Bauanträge, die nicht in der gewünschten Zeit abgewickelt werden können, weil die personellen Ressourcen fehlen. „Dafür haben wir noch Einiges hingekriegt“, sagt Dobrindt. Ob er eine konkrete Zahl nennen kann, wie viele Leute weniger es in seinem Dezernat sind? Dobrindt überlegt kurz und schüttelt dann den Kopf.

Heiko Dobrindt: „Dafür haben wir noch Einiges hingekriegt“ - Ein Abschieds-Porträt

Heiko Dobrindt, Technischer Beigeordneter, im Ratssaal: Auch dort, auf der Verwaltungsbank, behielt er stets die Ruhe und Übersicht. © Tobias Weckenbrock

Als er seinen Dienst als TBG antrat, da waren die Vorzeichen schon alles andere als rosig. Ideen zu produzieren oder gar Visionen zu entwickeln, wenn kaum oder kein kommunales Geld für die Umsetzung da ist, ist ein bisschen vergleichbar mit Don Quichottes Kampf gegen die Windmühlenflügel.

Themen, die 24 Jahre später noch da sind

Und manche Themen haben zumindest für die Beteiligten eine immens lange Halbwertzeit: Als Dobrindt 1996 startete, ging es etwa um die Offenlegung des Landwehrbachs, ums Drosselbauwerk auf der Rennbahn auf Schwerin, die Bäume an der Glückaufstraße, die Schillerwiese.

24 Jahre später steht das, wenn auch unter etwas anderen Vorzeichen, noch immer auf der Agenda. Es geht noch immer um den neuen Entwässerungskanal in der Altstadt.

Auch die Umgestaltung des Marktplatzes in der Altstadt war ein Dauerbrenner, ein dickes Thema seit Beginn des neuen Jahrtausends. Mit Bürgerwerkstätten und überhaupt intensiver Bürgerbeteiligung.

Immer an vorderster Front

Ganz generell hat die Politik gelernt, dass ohne Bürgerbeteiligung kein Staat mehr zu machen ist. Dobrindt war an vorderster Front immer mit dabei. Er erklärte, was Sache ist. Mit der Möblierung des Marktes, mit dem Pflaster, ein Reizthema über Jahre hinweg, mit der Beleuchtung und Co. Und noch immer wird bekanntlich das Thema geritten, ob der Wochenmarkt endgültig in der Fußgängerzone über die Bühne gehen soll.

Heiko Dobrindt: „Dafür haben wir noch Einiges hingekriegt“ - Ein Abschieds-Porträt

Neuer Ausschuss für Bürgerbeteiligung und Stadtteilentwicklung mit TBG Heiko Dobrindt, Rajko Kravanja (Vors.), Marlies Graeber (stv. Vorsitzende) und Dirk Mai (Geschäftsführer). © Michael Fritsch

„Bürgerbeteiligung ist ein Zeichen der Zeit“, sagt Dobrindt knapp, aber klar. Es gehe darum, einen möglichst breiten Konsens hinzukriegen.

Was war denn einer seiner persönlichen Meilensteine in seiner Amtszeit? „Dass wir es als Verwaltung hingekriegt haben, die baurechtlichen Voraussetzungen für Xscape zu schaffen“, antwortet Dobrindt wie aus der Pistole geschossen. Das sei eine stramme Leistung gewesen, egal ob man damals für oder gegen das Projekt gewesen sei.

Das war sein vielleicht größtes Projekt

Anfang der 2000er sollte nahe des so genannten Stadtmittelpunkts am Europaplatz unweit der Autobahn A 42 ein riesiger Freizeit- und Vergnügungspark entstehen. Mit Skihalle und allem Zipp und Zapp, das im Kontext geplant war.

Im Nachhinein eine Nullnummer, weil der Investor es sich anders überlegte. Aber noch immer ist die sogenannte Xscape-Fläche eine Herausforderung für der Stadt. Weil die Fläche nach wie vor planerisch beim Regionalplan des Kommunalverbandes als freie Fläche auftaucht. Auch hier ist immer noch reichlich Gesprächsbedarf, wenn es um die Zukunft Castrop-Rauxels genau an dieser Stelle geht.

Über Altlasten, Brachen und neue Unternehmen

Und sonst? Dobrindt zählt auf, was ihm spontan einfällt, wenn es um Entwicklung geht. Die der Altlastenflächen und Brachen etwa. Castrop-Rauxel stehe da ganz gut da, ist er sicher. Stichworte: Mittelstandspark West, das alte Klöckner-Gelände in Rauxel, natürlich Erin, Victor 3/4 und das Gewerbegebiet am Rapensweg in Ickern; auch die Klöcknerstraße, die an sich so wichtige neue Verkehrsachse im Norden Castrop-Rauxels. Und ihre erfreulichen Entwicklung mit der Ansiedlung vieler neuer Unternehmen.

Dobrindt zählt weiter auf: die Entwicklung des ehemaligen Wacker-Sportplatzes an der Glückaufstraße. Mit dem Riesen-Theater, als Teile der politischen Opposition Gift und Galle spuckten, als Kosta Boulbos dort sein Altenwohnprojekt samt Altenheim realisierte. „Ich habe damals im Rat appelliert: Behalten Sie bitte die Nerven“, erinnert sich Dobrindt. Heute seien alle froh darüber, dass das Projekt in dieser Form realisiert worden sei.

Visionäre und prägende Siedlungen

Auch mit der Bebauung am Viehmarkt und auf dem ehemaligen Velleuer-Gelände ist ein Stück neues Castrop-Rauxel entstanden. Oder die Vorzeigesiedlung auf dem ehemaligen Sportplatz an der Westhofenstraße auf Schwerin, wo innerhalb weniger Jahre eine der ersten Solarsiedlungen weit und breit umgesetzt wurde.

Heiko Dobrindt: „Dafür haben wir noch Einiges hingekriegt“ - Ein Abschieds-Porträt

Die Politik traf sich mit Verwaltungsleuten, Naturschützern und Anwohnern an der alten Eiche. Der Technische Beigeordnete Heiko Dobrindt erläutert die Pläne für die Fläche, wie sie nach aktuellem Stand aussehen. © Tobias Weckenbrock

Da ist die Entwicklung der Neuen Mitte in Henrichenburg im Jahr 2007 mit Hein Send als Investor. Oder die komplette Umgestaltung des Ickerner Marktplatzes dank der Investorenfamilie Heier. „Wir haben das planerisch begleiten können, und darauf können wir auch ein Stück stolz sein“, sagt Dobrindt.

Und was ist nun mit der alten Eiche?

Zur Person

Das Arbeitsleben von Heiko Dobrindt

  • Heiko Dobrindt war 24 Jahre lang Technischer Beigeordneter der Stadt Castrop-Rauxel.
  • Er ist seit über 40 Jahren im Öffentlichen Dienst.
  • Von 1989 bis 1992 war er stellvertretender Planungsamtschef unter Gerd Müller.
  • Dobrindt hat zwei akademische Abschlüsse: Er hat Städtebau/Architektur an der FH studiert, danach an der Uni in Dortmund Raumplanung.
  • Seine Amtsvorgänger als TBG waren Heinz-Dieter Walther, der während dieser Zeit die Partnerstadt Zehdenick in der Verwaltung unterstützte, und davor Hauke Martens.

Was aber ist jetzt mit der alten Eiche nördlich der Heerstraße im Neubaugebiet „Wohnen an der Emscher“? „Ich habe mich nie für oder gegen die Eiche positioniert“, sagt Dobrindt. Vielmehr habe er deutlich zu machen versucht, dass es sich in diesem überaus kontrovers diskutierten Fall um einen Abwägungsprozess gehandelt habe.Der alte B-Plan, der den Erhalt des Baumveteranen vorsah, sei leider an der Wirtschaftlichkeit gescheitert.

In der letzten Ausschuss- und Ratsrunde nahm er Ende Juni / Anfang Juli Abschied. „Ich habe den Ausschuss als motiviert und engagiert erlebt“, sagte er zum Beispiel im Umweltausschuss. Viele Themen seien aufgegriffen und immer hart an der Sache verfolgt worden. Manchmal seien die Diskussionen zäh gewesen. Aber überwiegend hätten sie Spaß gemacht.

Ein „Glückauf“ zum Abschied

„Ich bedanke mich mit einem herzlichen Glückauf“, sagte Dobrindt. Es gab Beifall. Im Gespräch mit unserer Redaktion versicherte er: „Ich bin ja nicht weg, ich verfolge als Bürger dieser Stadt, wie es für uns alle weitergeht.“

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