Am Feiertag sind geänderten Öffnungszeiten der Halterner Bäcker und Floristen zu beachten. © picture alliance / Jens Kalaene/
Coronavirus

Handwerksmeister: Einige Branchen in bedrohlicher Situation, aber…

Die Corona-Pandemie hat das Handwerk zum Teil schwer getroffen. Einige Branchen verzeichnen Aufwärtstrends, andere liegen am Boden. Kreishandwerksmeister Hans-Joachim Drath gibt Einblicke.

Das Jahr 2020 ist alles andere als spurlos am Castrop-Rauxeler Handwerk vorbeigezogen. Ein knappes Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie zieht Hans Joachim Drath, Kreishandwerksmeister und Dachdecker mit einem Betrieb im Castroper Erin-Park, Bilanz.

„Dem Bau- und Ausbauhandwerk geht es gut, denn das kann sehr gut in der aktuellen Situation weiter arbeiten“, erklärt Drath auf Anfrage unserer Redaktion. Das Handwerk am Menschen und das Lebensmittelhandwerk allerdings hätten schwere Wochen und Monate hinter sich. „Friseuren, Kosmetikern, Metzgern und Bäckern geht es gar nicht gut. Die arbeiten unter massiven Einschränkungen, viele Betriebe mussten schließen.“

Drath erklärt: „Fleischer und Bäcker leben nicht nur vom Verkauf ihrer Brötchen oder Wurst, sondern auch davon, dass Gäste in ihr Bistro kommen.“ Für das Lebensmittelhandwerk sei das Catering weitgehend ausgefallen, beispielsweise Essenslieferungen an Schulen und Kindergärten. „Dieses Handwerk befindet sich in einer bedrohlichen Situation“, so Drath.

Arbeiten mit gebremstem Tempo

In seiner eigenen Branche, bei den Dachdeckern, sei die Situation verhältnismäßig entspannt. Das Bauhandwerk arbeite mit Einschränkungen, Arbeiten im Freien seien unter entsprechenden Vorgaben durchführbar. „Allerdings können wir nicht einfach mal so das Dachfenster in einer Wohnung austauschen, das geht nicht. Sobald sich Arbeiten in der Wohnung befinden, wird es für uns, für die Installateure und die Elektriker, schwieriger“, so Drath.

Man könne arbeiten – aber im gebremsten Tempo. So müssen Kunden die Handwerker auch einmal ohne Beaufsichtigung und mit Abstand ihre Arbeit machen lassen.

Hans-Joachim Drath, Kreishandwerksmeister, zieht Bilanz aus den Corona-Monaten. © Carsten Sander © Carsten Sander

Für das Neubau-Handwerk liefen die Arbeiten regelmäßig weiter. „Natürlich unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften und mit dem gegebenen Abstand“, so Drath. Möglichkeiten, sich die Hände zu waschen und zu desinfizieren, sei grundlegende Voraussetzung.

Bauhandwerk bleibt stabil

Die Stimmung unter Kollegen aus dem Bauhandwerk sei „relativ entspannt. Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass die Menschen weniger Geld in Geschäften ausgegeben, keine neuen Möbel gekauft und dieses Jahr keinen teuren Auslandsurlaub unternommen haben“, sagt Drath. Stattdessen sei investiert worden, und zwar in die eigenen vier Wände. „Das hat für einen mächtigen Auftragsaufschwung gesorgt, diesen Trend sieht man ja auch an den phasenweise vollen Baumärkten.“

Eine sichere Anlage in unsicheren Zeiten bleibe das Eigenheim, so der Kreishandwerksmeister. Daher befände sich das Bauhandwerk in einer stabilen Situation. „Die Leute brauchen ein Dach über dem Kopf, und das auch nach der Pandemie.“

Überlebenskampf der Bäcker und Friseure

Schlecht sei die Stimmung besonders hier: „Wir können beim Lebensmittelhandwerk und beim Handwerk am Menschen nur froh sein, dass noch nicht so viele aufgegeben haben. Sie versuchen, irgendwie weiterzumachen. Aber das muss auch noch realistisch sein“, findet Drath.

Für Elektriker und Installateure waren die letzten Monate verhältnismäßig einfach. © picture alliance / Britta Peders © picture alliance / Britta Peders

Hier sei die wichtige Frage, wie die Branche die Pandemie noch länger überstehen könne, vor allem: wie lange die staatlichen Hilfen noch angeboten werden und wie einfach sie abrufbar sind.

Brenzlig für junge Handwerker

Die Frage der Förderung sieht Drath kritisch: „Persönlich glaube ich, dass nicht auf ewig weiter gefördert werden kann. Aktuell greift die Förderung für viele im Handwerk noch. Wir werden bald erfahren, wie es weiter geht.“

Die Situation sei schwierig, vor allem für junge Handwerker, die erst seit kurzem dem Kreis der Selbstständigen angehören. „Ein Handwerker, der seit 20 Jahren seinen Beruf ausübt, hat vielleicht etwas zur Seite gelegt. Aber die jungen Handwerker bestimmt nicht“, so Drath. Für die könnte die Situation brenzlig werden.

„Das Handwerk muss Luft holen“

In einer Zeit, in der das Handwerk sowieso schon Facharbeitermangel habe, sei diese Entwicklung höchst kritisch. „Wir versuchen mit allen Mitteln, unsere Facharbeiter zu halten, aber wie soll ein Friseurbetrieb das machen in der jetzigen Situation? Die Mitarbeiter werden in die Kurzarbeit geschickt, aber wenn das über Monate hinweg andauert, wird es sehr kritisch.“

Der Gang zum Friseur ist im Lockdown nicht möglich. Mehrere Friseurmeister in Lünen werben vor allem für Solidarität von Kunden und auch Kollegen. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Um dem Betriebssterben und dem Wegfall vom Arbeitsplätzen entgegenzuwirken, macht Drath konkrete Vorschläge für die nahe Zukunft: „Die Leute müssen nach der Pandemie erst einmal wieder Luft holen und Fuß fassen“, sagt er. Für Betriebe, die die Pandemie schwer getroffen habe, müsse es für ihn möglich sein, Zahlungspflichten flexibler nachkommen zu können und Zahlungsfristen für Sozialversicherung oder Sozialabgaben zu lockern.

Für Friseure, Kosmetiker, Optiker und den Lebensmittelhandel müsse weiterhin Hilfe vorhanden zu sein, um ihnen auf die Beine zu helfen. Die Handwerkbranche direkt nach der Pandemie zur Kasse zu bitten, hält Drath für fatal. „Das Handwerk hat sich wieder als stabiler Wirtschaftszweig herausgestellt. Wir halten alles weiter am Laufen“, sagt er. Das müsse bei zukünftigen Entscheidungen berücksichtigt werden.

Optimistisch bleiben nach dunklen Monaten

Am Ende unseres Gesprächs wagt Drath einen Blick in die Zukunft. Die sei nicht so düster: „Es wird wieder bergauf gehen, das Handwerk bleibt positiv. Die Leute werden wieder zum Friseur gehen, bald trifft man sich wieder mit Freunden oder Mutti zum Kaffeetrinken beim Bäcker. Das hat gefehlt, und sobald wieder soziale Kontakte stattfinden dürfen, macht das Handwerk auch wieder mehr Umsatz.“

Die vergangenen Monate allerdings ließen sich nicht aufholen, so Drath. „Es waren schwere Monate. Diese Zeit ist verloren. Haare werden alle sechs Wochen geschnitten, ein Steak kann man nicht zweimal essen.“ Bald müsse man klären, wie man den Neueinstieg nach der Corona-Pandemie erleichtert.

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