Grüner Antrag für Mehrweg-Windeln: Historisch albern oder sinnvoll?

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Die Grünen wollen die Nutzung von Mehrwegwindeln in Castrop-Rauxel voranbringen. Dazu haben sie einen politischen Antrag gestellt. Es gibt Ratsmitglieder, die das für historisch albern halten.

Castrop-Rauxel

, 28.06.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bündnis 90 / Die Grünen haben in Castrop-Rauxel einen politischen Antrag gestellt, der für etwas Spott und für breite Ablehnung sorgte. Bei der Ratssitzung war die Rede davon, dass das Stadtarchiv diesen Antrag bitte aufnehmen möge als albernsten Antrag der jüngeren Geschichte.

Der Stadtrat tagte wegen des Coronavirus zum zweiten Mal in der Stadthalle.

Der Stadtrat tagte wegen des Coronavirus zum zweiten Mal in der Stadthalle. © Tobias Weckenbrock

Die Grünen wollen die Nutzung von Mehrwegwindeln fördern und die von Einwegwindeln langfristig zurückdrängen. Manfred Fiedler, der bei der Kommunalwahl für das Amt des Bürgermeisters kandidieren wird, erläuterte, es gehe dabei um Abfallvermeidung, „aber auch um mehr. Wir wollen Eltern nichts aufzwingen. Einwegwindeln sind aus Kunststoff, sie verrotten nicht, werden also lange deponiert, der energetische Aufwand bei der Herstellung ist größer.“ Die ökologische Bilanz von Mehrwegwindeln sei deutlich besser.

Es ging um 70 Euro Zuschuss

Bürgermeister Rajko Kravanja ergänzte nach zum Teil lästernden, zum Teil auch argumentativ kritischen Kommentaren aus der Politik, dass es im Antrag um 70 Euro Zuschuss aus Steuermitteln zur Anschaffung von Mehrwegwindeln für Castrop-Rauxeler Familien gehe. „Darüber stimmen wir hier ab“, so Kravanja.

Alle seien sich einig, dass jeder Bürger am Ende selbst bestimmen solle. „Ich kann mir das als Vater zweier Töchter nicht vorstellen, Mehrwegwindeln zu verwenden, aber hier geht es um die Frage des Zuschusses.“

So sehen die neuartigen Windeln aus, die man mehrfach verwenden kann. Man legt ein Vlies-Stückchen herein, das am Ende weggeworfen wird. Die Windeln selbst kann man dann waschen.

So sehen die neuartigen Windeln aus, die man mehrfach verwenden kann. Man legt ein Vlies-Stückchen herein, das am Ende weggeworfen wird. Die Windeln selbst kann man dann waschen. © picture alliance/dpa

Am Ende der Ratssitzung vom 25. Juni stimmten nur die zwei Ratsherren der Grünen dafür. Alle anderen Politiker lehnten den Antrag ab. Nils Bettinger hielt den Antrag für so unsinnig, dass er das Stadtarchiv bitten wollte, ihn in die Top-Liste der albernsten Anträge aufzunehmen.

Energie, Wachwasser, Einlege-Tücher

Es gab aber auch eine ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung: Sebastian John (SPD) stellte in Frage, ob die Ökobilanz wirklich so viel besser sei, und verwies dabei auf verschiedene Erhebungen. In der Folge ging es um in die Mehrwegwindeln einzulegenden Vlies-Tücher, die als Einwegbestandteil immer noch Müll bedeuten würden.

Es ging um Waschwasser-, Waschmittel- und Wasch-Energieverbrauchsbilanzen bei den Benutzern. Dabei spiele auch die Strombilanz der Waschmaschinen und Wäschetrockner eine Rolle.

Manfred Fiedler, Bürgermeisterkandidat von Bündnis 90 / Die Grünen, bei einer Rede im Stadtrat.

Manfred Fiedler, Bürgermeisterkandidat von Bündnis 90 / Die Grünen, bei einer Rede im Stadtrat. © Tobias Weckenbrock

Am Ende ging es auch darum, dass man mit Küchenmessern die Windeln vorreinigen müsse, es ging um wunde Baby-Popos - und eben um eine Bevormundung von Eltern. Die könnten und sollten doch in dieser Frage am besten selbst entscheiden.

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