Die Pläne klangen groß, schon so gut wie eingetütet - doch nun ist vor allem der Bau des Pflegeheims umstritten, an dem das Gesamtprojekt Gesundheitscampus hängt. Es gibt weitere Bedenken.

Castrop-Rauxel

, 04.03.2019, 06:34 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dass das Pflegeheim der Firma Protea Care aus Herne der zentrale Bestandteil der großen Pläne von Bernd Kaffanke für die Freifläche zwischen B235 und dem Evangelischen Krankenhaus an der Grutholzallee ist, ist klar: Hier sollen laut Kaffanke, der sowohl Geschäftsführer der Altenheim-Betreiberfirma Protea Care als auch der Entwicklungsgesellschaft Confirmus ist, über 100 Altenpflegeplätze entstehen: 80 Pflegeplätze, 12 Demenz-Plätze, im Obergeschoss 35 Kurzzeitpflegeplätze. Gerade für die, so Kaffanke, sei der Bedarf riesig. Sollte das Pflegeheim nicht gebaut werden, würde wahrscheinlich auch der Rest nicht realisiert, zumindest nicht mit der Gesellschaft.

Nachdem die Pläne vor der Politik als so gut wie fix verkündet wurden, kam zunächst die Frage danach auf, ob überhaupt Bedarf für so eine Einrichtung besteht. Dafür gibt es den Pflegebedarfsplan des Kreises Recklinghausen, der ermittelt, wie viele Pflegeplätze die Städte heute haben, wie viele pflegebedürftige Personen es in den kommenden Jahren geben wird (Prognose) und wie damit die Deckung ist.

So steht es um die Pflegeplatz-Zahlen

Castrop-Rauxel hat für 2017 722 Pflegebedürftige in Heimen inklusive Kurzzeitpflege bei einem Bestand von 766 Plätzen, also 44 zu viel. Diese Zahlen verschieben sich: Mehr Pflegeplatzbedarf (bis 2021 754), steht einem ohnehin schon eingeplanten Ausbau auf 827 vollstationäre Plätze gegenüber. Die Überdeckung steigt auf 73. In der Nachbarstadt Datteln gibt es eine Unterdeckung, ebenso in Herten und Waltrop und Gladbeck. Alle anderen Städte haben zu viele Plätze. Im Kreis insgesamt gab es demnach 2017 248 Plätze zu viel, 2018 sogar 662, 2019 noch 522, 2020 laut Planung 375 und 2021 254.

Gesundheitscampus wird nun von einem Pflegeheim-Wettbewerber infrage gestellt

Das ist die Zeichnung des Gesundheitscampus', wie ihn sich Bernd Kaffanke und Co. von Confirmus vorstellen. Rechts ist die EvK-Bebauung zu sehen, unten das Café del Sol und die L'Osteria. Die geplanten Neubauten befinden sich zwischen B235 (l.) und Grutholzallee (mitten im Bild von Süd nach Nord). © Laurits Stahm

Den Zündstoff, der für Kaffanke in diesen Zahlen steckt, bezeichnete er vor der Politik als kleine Formalie. Die Stadtverwaltung habe ihm Unterstützung zugesagt. Und mit dem EvK sei man seit vier Jahren in guten Gesprächen zu einer einvernehmlichen Planung. Denn die Krankenhausgesellschaft setzt nicht nur auf die Pflegeplätze direkt vor der Tür, sondern vor allem auf eine neue Zentralküche, eine Zentralapotheke und die Kita, die im Gesundheitscampus-Plan einbezogen ist. All das würde den EvK-Standort aufwerten.

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Nun kommt neuer Zündstoff hinzu: Die Firma Geros meldet sich zu Wort. Sie betreibt selbst Altenpflegeeinrichtungen und baut gerade groß in der Altstadt (In der Kemnade). Protea Care und Confirmus wären neue Wettbewerber auf diesem lukrativen Markt. Michael Hube aus der Geschäftsführung zitiert eine Diskussion aus der Politik in Herne, wo Bernd Kaffanke ein Referenz-Pflegeheim gebaut hat und betreibt: „Aufgrund dieser Entwicklung der Platzzahlen“, heißt es in einem Protokoll einer Ausschusssitzung in der Nachbarstadt, „sieht es die Verwaltung als notwendig an, (...) eine verbindliche Bedarfsplanung einzuführen.“ Worte von Johannes Chudziak, einem leitenden Verwaltungsangestellten (Stadtrat), die sich auf weitere Neubauprojekte beziehen. „Die hohe Konzentration von Neubauvorhaben in Herne ist auch eine Folge davon, dass alle Herner Nachbarstädte bereits in der Vergangenheit eine verbindliche Pflegebedarfsplanung für die vollstationäre Pflege eingeführt hatten und auch weiterhin haben“, so Chudziak laut Protokoll weiter.

Gesundheitscampus wird nun von einem Pflegeheim-Wettbewerber infrage gestellt

So könnte die neue Kita des EvK aussehen, wenn die Pläne des Herner Investors für den Gesundheitscampus umgesetzt werden. © Laurits Stahm

Während also eine andere Stadt eine stadtweite Bedarfsplanung erst anstrebt, gilt die in Castrop-Rauxel als verbindlich. Das regelt das Landespflegegesetz für NRW, nach dem eine verbindliche Bedarfsplanung „auf der Grundlage nachvollziehbarer Parameter darstellen“ müsse, „ob das Angebot an Pflegeeinrichtungen den örtlichen Bedarf abdeckt oder in welcher Höhe zur Bedarfsdeckung zusätzliche Kapazitäten erforderlich sind“. Kaffanke hatte das als „Unfug“ kritisiert und das damit begründet, dass es Wettbewerb verringere und damit die Qualität der Pflegeheime nicht verbessere.

Bürgermeister: „Aber es gibt noch die Hürde“

Rajko Kravanja kommentierte die Kaffanke-Pläne als „tolles Projekt“. „Wir freuen uns darüber“, so der Bürgermeister. „Aber es gibt noch die Hürde einer Ausnahmegenehmigung der Pflegebedarfsplanung.“ Man sei aber „im Gespräch mit der Kreisverwaltung und den kreisangehörigen Städten“, sagte Kravanja. Man habe eine mündliche Zusage, dass man eine Ausnahme hinbekomme. Sie könnte darauf beruhen, dass Castrop-Rauxel eine Unterdeckung zum Beispiel in Datteln ausgleiche.

Gesundheitscampus wird nun von einem Pflegeheim-Wettbewerber infrage gestellt

Geschäftsführer Bernd Kaffanke und Beirat Norbert Dietz von der Confirmus GmbH planen ein 40-Millionen-Euro-Invest auf der Vorfläche des Evangelischen Krankenhauses neben dem Café del Sol und der L'Osteria. © Tobias Weckenbrock

Michael Hube von Geros meint: „Vor diesem Hintergrund erscheinen die Aussagen des Bürgermeisters hinsichtlich einer ‚Ausnahmegenehmigung‘ aus meiner Sicht nach gegenwärtigem Stand als ‚fragwürdig‘.“ Und selbst wenn eine „Ausnahmegenehmigung“ erteilt werden würde, so Hube weiter: „Diese kann sich sicherlich nicht direkt auf die ‚Protea Care oder Confirmus‘ beziehen, da Platzbedarfe normalerweise ausgeschrieben werden müssten.“

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