Minusgeschäft Geburtshilfe: Rochus-Hospital hält trotzdem die drei Kreißsäle in Castrop

dzHebammen

Das St.-Rochus-Hospital sucht Hebammen. Eine individuelle Betreuung der Frauen ist zurzeit kaum möglich. Und die Station macht Minus. Wie und warum wird im Rochus trotzdem weiter entbunden?

Castrop-Rauxel

, 15.12.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Zahlen sind alarmierend: Das Deutsche Krankenhaus Institut (DKI) berichtet, dass 41 Prozent der Krankenhäuser mit geburtshilflicher Abteilung Probleme haben, freie Stellen zu besetzen.

Dramatisch sehe es in den Kliniken sowie bei Vor- und Nachsorge aus. „Da brennt die Hütte“, sagt Barbara Blomeier, Vorsitzende des Landesverbands der Hebammen NRW, der mehr als 4200 Hebammen vertritt.

Hohe Versicherungsbeiträge und Qualitätssicherung

Das bestätigt Nicole Katzy, die in der „Wiege“, dem Zentrum für Geburt und Familie am St.-Rochus-Hospital, als eine von fünf Beleghebammen arbeitet. Jeden Tag bekomme sie Anrufe von Frauen, die auf der Suche nach einer Beleghebamme sind. Jeden Tag müsse sie welche abweisen.

Es gibt zu wenige. Die Gründe dafür hatte ihre freiberufliche Kollegin mit eigener Praxis, Marion Korte, gegenüber unserer Redaktion Anfang Dezember aufgezählt: schlechte Bezahlung, Schichtdienst und Stress.

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Nicole Katzy erinnert sich, dass die Lage vor fünf Jahren entspannter war. Dann kamen horrende Versicherungsbeiträge und der neue Vertrag über die Versorgung mit Hebammenhilfe. Demnach muss jede freiberufliche Hebamme Qualitätsanforderungen nachweisen. Katzy: „Das ist der absolute bürokratische Wahnsinn.“ Hinzu kommt als Beleghebamme die Rufbereitschaft.

Minusgeschäft Geburtshilfe: Rochus-Hospital hält trotzdem die drei Kreißsäle in Castrop

Hier geht‘s lang zur Geburt: Das Rochus-Hospital ist als einziges in Castrop-Rauxel noch eine Geburtsklinik. © Tobias Weckenbrock

Dennoch, sagt die 45-Jährige, möchte sie nicht mit ihren zwölf Kolleginnen tauschen, die im Rochus-Hospital fest angestellt arbeiten. „Die müssen oft mehrere Frauen unter der Geburt betreuen und haben noch die Ambulanz“, erklärt Katzy. Sie habe für sich entschieden, dass sie 40 Frauen im Jahr betreut - mehr nicht. „So kann ich jede Frau individuell betreuen und muss nicht von rechts nach links springen.“

900 Entbindungen jährlich

Am Rochus gibt es rund 900 Entbindungen jährlich, also etwas weniger als drei am Tag. Oliver Lohr, Sprecher der Lukas-Gesellschaft und Standortleiter am Castroper Altstadt-Krankenhaus, sagt aber: „Die Geburt ist ein nicht planbares Ereignis, so dass nicht vorhersehbar ist, wie viele Schwangere gleichzeitig entbinden.“

Dass eine Hebamme drei Geburten in den drei vorhandenen, direkt nebeneinander liegenden Kreißsälen gleichzeitig betreue, sei ein seltener Fall. Dann wäre immer ein Arzt vor Ort, der unterstützen könnte.

Lohr erklärt, dass es deutlich schwieriger geworden sei, Hebammen zu finden. „Es sind ausreichend zur Versorgung aller Geburten im St.-Rochus-Hospital vorhanden“, sagt er, aber: „Wir würden gerne unser Team erweitern und haben Stellen ausgeschrieben.“

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Um den Hebammen-Mangel zu beheben, müsse man nach Angaben von Barbara Blomeier vom Hebammen-Verband die Arbeitsbedingungen verbessern. Doch dazu fehlt vielen Kliniken das Geld. Wie das DKI berichtet, ist für 57 Prozent der Krankenhäuser die Geburtshilfe ein Minusgeschäft. Das führt zu Schließungen. 2010 gab es noch 183 Entbindungsstationen in NRW, 2017 nur noch 153. Das Evangelische Krankenhaus in Castrop-Rauxel ist eine der Kliniken, die in diesem Zeitraum die eigene Geburtshilfe schloss.

Minusgeschäft Geburtshilfe: Rochus-Hospital hält trotzdem die drei Kreißsäle in Castrop

Die Kreißsäle im Rochus: Sie tragen die Titel Feuer, Erde und Wasser und sind entsprechend eingerichtet. © Volker Engel

Auch im Rochus-Hospital ist sie nicht kostendeckend zu betreiben. Lohr: „Wir nehmen dies als katholischer Krankenhausträger aufgrund unseres christlichen Auftrages aber in Kauf.“

Anderes Finanzierungssystem gefordert

Erforderlich sei ein anderes Finanzierungssystem für Geburtshilfe in Kliniken, meint Blomeier. „Bisher wird bei Geburten nach Fallpauschalen abgerechnet“, sagt die Verbands-Vorsitzende. Dauere eine Geburt eine Viertelstunde, sei das okay. Auch ein Kaiserschnitt lohnt sich demnach finanziell. „Aber eine Geburt kann zwei Tage dauern. Das kostet Personal und Material.“ Auch Lohr sagt: „Die Fallpauschale Geburt wird nicht ausreichend vergütet.“

Er fordert eine auskömmliche Finanzierung beziehungsweise finanzielle Ausgestaltung der geburtshilflichen Pauschale, unter anderem eine angemessene Refinanzierung des kostenintensiven Personaleinsatzes durch die Kostenträger.

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