Gäste-Listen in Kneipe und Freibad: Macht’s ordentlich oder lasst es sein

dzKlare Kante

Wer ins Restaurant geht, muss viele Daten hinterlassen. Aber selbst wenn er einem Corona-Infizierten nahe gekommen ist, wird er es seltenst erfahren. Unser Autor fordert: Lasst die Listen sein!

Castrop-Rauxel

, 03.07.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wir haben uns alle schon fast so sehr daran gewöhnt wie an das Tragen einer Schutzmaske: Wer in Corona-Zeiten ins Restaurant geht oder im Freibad schwimmt, muss am Eingang, spätestens aber am Tisch Daten hinterlassen: seinen Namen, seine Telefonnummer, die Uhrzeit, zu der er die Einrichtung betreten hat.

Immer wieder haben Politiker und Experten betont, wie wichtig die Nachverfolgung der Kontaktpersonen im Falle einer Infektion sei. Die Listen sollen diese Nachverfolgbarkeit gewährleisten.

Doch wen informieren die Behörden im Falle eines positiven Tests wirklich? In Castrop-Rauxel kommt ein Anruf vom Gesundheitsamt des Kreises Recklinghausen nur, wenn man im Restaurant am gleichen Tisch gesessen hat. Im Freibad werden sogar nur „direkte Kontaktpersonen“ informiert.

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Das Gesundheitsamt beruft sich bei diesem Vorgehen auf das Robert-Koch-Institut (RKI). Und tatsächlich, auf dessen Internet-Seite steht, dass „Personen, die sich im selben Raum wie ein bestätigter Covid-19-Fall aufhielten“, aber nicht insgesamt „mindestens 15-minütigen Gesichts- („face-to-face“) Kontakt mit dem Covid-19-Fall hatten“, nur zur den Kontaktpersonen der Kategorie II zählen, bei denen ein „geringeres Infektionsrisiko“ besteht. Bei diesen Gruppen empfiehlt das RKI keine Kontaktaufnahme des Amtes, falls in der Nähe ein Corona-Fall festgestellt wurde.

Vorgehen des Amtes ist sinnlos

Das Vorgehen des Gesundheitsamtes ist also nicht falsch - aber es ist völlig sinnlos! Stellen wir uns die Situation vor: Vier Menschen gehen zusammen in die Kneipe, trinken ein paar Bier, quatschen. Tage später stellt sich heraus: Einer der vier war Corona-positiv. Dieser jemand würde wohl ohnehin alle seine Tischnachbarn über den positiven Befund informieren - und zwar um einiges früher, als es das Gesundheitsamt könnte (das ja erst einmal über das Lokal an die Daten kommen müsste).

Stellen wir uns eine zweite Situation vor: gleiche Ausgangslage. Wieder trinken vier Personen in der Kneipe ein paar Bier zusammen. Keiner von ihnen ist infiziert, wohl aber der Gast am Nebentisch. Von dessen Infektion würde keiner der vier jemals erfahren, weil man sich a) nicht kennt und b) das Amt keinen informieren würde.

Allein dieses kleine Beispiel zeigt, warum die Listen nur Aufwand produzieren, aber kaum etwas bringen (und ich muss nicht einmal auf die Fälle eingehen, in denen frei erfundene Daten in den Listen das System ohnehin ad absurdum führen).

Freibad-Situation zeigt die ganze Absurdität

Im Freibad ist das Ganze noch absurder. Von wem soll das Amt erfahren, wer während des Bad-Besuchs meine „direkte Kontaktperson“ war? Doch nur von mir selbst. Und wenn ich weiß, wie der Betreffende heißt, werde ich ihn wohl auch selbst informieren können.

Es bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder das Listen-System wird deutlich intensiver durchgezogen. Das hieße, die Besucher müssen ihren Ausweis vorzeigen, um erfundene Einträge zu vermeiden, und im Falle einer Infektion müssen Menschen in deutlich größerem Umkreis benachrichtigt werden als heute. Der Aufwand wäre groß, aber er wäre potenziell gut investiert.

Oder: Das RKI hat recht, von kurzen Begegnungen geht praktisch keine Gefahr aus und eine Information der Menschen ist überflüssig. Dann aber gibt es keinen Grund, die Listen überhaupt zu führen. Der Infizierte würde verpflichtet, alle zu informieren, die ihm zu nahe gekommen sind. Das wäre vertretbar, denn dem Amt muss er auch heute schon helfen. Ohne seine Angaben wüsste nämlich keine Behörde, wo sich der Infizierte aufgehalten hat.

Unsinniger Aufwand bliebe vielen erspart

Aber Restaurants, Schwimmbädern, Konzerthäusern und vielen anderen Institutionen mehr bliebe unsinniger Aufwand erspart. Schaden nähme kaum jemand.

Es wäre der bessere Weg.

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