Loveth Osazuwa ist vor fünf Jahren aus Nigeria nach Deutschland geflüchtet. Genauso lange lebt sie in Castrop-Rauxel. © Lukas Wittland
Flucht nach Deutschland

Fünf Jahre in Castrop-Rauxel: „Habe die Chance bekommen, zu sein, wer ich will“

Loveth Osazuwa ist 2015 als Geflüchtete nach Castrop-Rauxel gekommen. Fünf Jahre später erzählt sie, wie sich ihr Leben entwickelt hat, blickt auf Schwierigkeiten und die deutsche Gesellschaft.

„Was macht mich glücklich?“ Loveth Osazuwa wiederholt die Frage, die ihr gerade gestellt worden ist. Dann lacht sie, es wirkt fast ein wenig beschämt. „Außer meinen Kindern das Wochenende“, antwortet die Nigerianerin mit den kurzen, blond-gefärbten Haaren und dem Nasenpiercing schließlich.

„Wenn ich alles für die Woche fertig habe, keine Arbeit mehr, nichts mehr für die Schule, das ist schön.“ Sie gehe dann spazieren, ins Fitnessstudio oder trinke ein Bier mit Freunden, erzählt die 30-Jährige, die 2015 aus Nigeria nach Deutschland geflohen ist. „Spaß machen“, sagt sie und lacht. Es ist ein ansteckendes Lachen.

Loveth Osazuwa vor dem Fenster im Büro der Caritas am Lambertusplatz. In ihren ersten Monaten in Castrop-Rauxel hat sie sich dort häufig beraten lassen.
Loveth Osazuwa vor dem Fenster im Büro der Caritas am Lambertusplatz. In ihren ersten Monaten in Castrop-Rauxel hat sie sich dort häufig beraten lassen. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Als sie gefragt wird, warum sie nach Deutschland geflohen ist, verdunkelt sich ihre Miene. Sie wolle nicht darüber sprechen, sagt sie, das sei privat.

Wie Loveth Osazuwa haben alle Geflüchteten, die in Deutschland Schutz suchen, ihre eigene Geschichte. Sie haben in ihrem Heimatland oder auf der Flucht teilweise schreckliche Erfahrungen gemacht. Manche teilen sie, manche nicht.

Drei Viertel der Geflüchteten haben Gewalt erlebt

Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WidO) hat im Sommer 2018 Geflüchtete aus Afghanistan, Syrien und dem Irak repräsentativ zu ihrer Gesundheit befragt. Das sind die Länder, aus denen am meisten Menschen nach Deutschland geflohen sind.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass rund drei Viertel der Schutzsuchenden unterschiedliche Formen von Gewalt erfahren haben und oft mehrfach traumatisiert sind.

Etwa 60 Prozent der Geflüchteten haben Krieg miterlebt, weitere berichten von Angriffen durch Soldaten. Bei jeder dritten Person sind Angehörige verschleppt worden oder verschwunden. Nur gut jeder Fünfte gibt an, keine traumatischen Erfahrungen erlebt zu haben.

Was Loveth Osazuwa erlebt hat, möchte sie nicht teilen. Sie möchte lieber über ihr Leben in Castrop-Rauxel sprechen. Seit 2015 lebt sie in der Europastadt. Zunächst kommt sie im Frauenhaus unter. Ihr Sohn, mit dem sie geflohen ist, ist eineinhalb Jahre alt, sie ist schwanger mit Zwillingen.

FÜNF JAHRE ALS GEFLÜCHTETER MENSCH IN CASTROP-RAUXEL

Geflüchtet sind Menschen schon immer. Aus Deutschland heraus und nach Deutschland herein. Im Zuge des Syrienkrieges suchten 2015 viele Menschen in der Bundesrepublik Schutz. Von Strömen, von Wellen, von Flut war die Rede.

Manchmal schien es in dieser Zeit, als sei vergessen worden, dass dort keine Naturgewalt über die Gesellschaft hereinbricht, sondern Menschen kamen, die Sicherheit nach einer langen Flucht suchten. Deutschland zeigte sich hilfsbereit. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte ihren berühmten Satz: „Wir schaffen das.“

Aber wie ist es den Menschen ergangen, die nach Deutschland geflüchtet sind? Wie haben sie die fünf Jahre seitdem erlebt? Wir haben fünf Geflüchtete getroffen, die seit fünf Jahren in Castrop-Rauxel leben. Sie haben uns von ihrem Leben in Deutschland und der Europastadt erzählt.

Der Start in Deutschland war steinig

Der Beginn in Castrop-Rauxel sei schwierig gewesen, sagt die 30-Jährige. Vor allem, weil sie kein Wort Deutsch konnte. Mit ihrem Englisch, zu dem sie auch heute noch wechselt, wenn sie etwas klarer ausdrücken will, kommt sie nicht immer weiter.

„Auf Fragen konnte ich nicht antworten. Ich wusste ja nicht mal, ob gerade jemand meinen Namen wissen wollte und selbst wenn ich es verstanden hatte, konnte ich manchmal nichts sagen, weil mir die Worte fehlten“, erinnert sich die 30-Jährige. Es dauert nicht lange, da werden die Zwillinge geboren, zwei Mädchen. Erst danach kann sie ihren Sprachkurs beginnen. Sie möchte Deutsch lernen, die Kinder nimmt sie deshalb einfach mit zum Kurs.

Sie arbeitet als Reinigungskraft im Altenheim und macht ein Praktikum bei einer Schneiderin. Irgendwann merkt Loveth Osazuwa aber, dass der Schneider-Beruf sie nicht erfüllt. Die Nigerianerin möchte eine Ausbildung beginnen. Seit August geht sie deshalb wieder zur Schule.

Ihre Berufswünsche sind Sozialassistentin oder Pharmazeutisch-Technische-Assistentin. Auf jeden Fall soll es ein Beruf sein, in dem man Menschen hilft. „Ich bin glücklich, wenn ich anderen Menschen helfen kann“, sagt sie. „Ich bin so, das ist schon immer so.“

„Dafür bin ich sehr, sehr dankbar“

Sie sei nach Deutschland gekommen, als sie Hilfe gebraucht habe und die habe sie bekommen, sagt die 30-Jährige. „Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.“ Sie habe sich vom ersten Moment an zu Hause gefühlt. Castrop-Rauxel finde sie sehr schön. „Was gefällt mir hier?“, überlegt die Mutter laut und sagt dann recht schnell. „Castrop hat Zeit für die Kinder, für die Kinder ist es hier sehr gut.“ Ihr Sohn ist mittlerweile sieben Jahre alt, ihre beiden Töchter fünf.

Sie selbst würde lieber in einer großen Stadt leben, sei aber glücklich hier, sagt sie bei einem zweiten Gespräch auf der Treppe am Lambertusplatz in der Castroper Altstadt. Sie sieht anders aus an diesem Tag. Eine braune Langhaar-Perücke, von der man nicht wüsste, dass es eine Perücke ist, wenn man sie nicht zwei Wochen zuvor mit wenigen Millimeter langen Haaren gesehen hätte, bedeckt ihren Kopf. „Überall gibt es Gutes und Schlechtes“, sagt Loveth Osazuwa. In Castrop-Rauxel überwiege das Gute.

„Abgesehen von ihrem ehemaligen Nachbarn“, sagt sie und lacht. „Der war ganz schlimm.“ Er habe sich beschwert, wenn die Kinder zu laut gespielt oder mal geweint haben. „Ich musste mich im Treppenhaus immer an der Tür vorbeischleichen.“

„Nur weil er schlecht war, sind nicht alle Deutschen schlecht“

Manche würden sagen, dieses Gemecker sei typisch Deutsch. Loveth Osazuwa, findet das nicht. „In jedem Land gibt es gute und schlechte Menschen“, sagt die Mutter. „Nur weil er schlecht war, sind nicht alle Deutschen schlecht.“

Typisch Deutsch sei aber, dass die Menschen zunächst zurückhaltend seien, wenn sie jemanden nicht kennen würden. „Wenn sie aber jemanden kennenlernen und mögen, sind sie offen.“

In Nigeria gehe das schneller. Grundsätzlich sei aber die deutsche Kultur entspannter: „Es ist nicht, muss, muss, muss. Vor allem als Frau hat man hier mehr Freiheiten.“ In Nigeria gebe es Arbeit, die Frauen nicht machen könnten, weil gesagt, werde: „Sie ist eine Frau, sie kann das nicht.“ Dass man in Deutschland machen und werden könne, was man will, gefalle ihr sehr.

Es ist das, was sie am meisten zu schätzen wisse, sagt sie: „Die Freiheit eines jeden, das zu tun, was man tun möchte und die Freiheit eines jeden, zu sein, was man möchte. Niemand sagt, das ist eine Sache für Frauen oder eine für Männer. Die Leute urteilen nicht.“ Das sei ein großer Unterschied zu Nigeria.

Loveth Osazuwa hat sich direkt eine deutsche Eigenschaft angeeignet

Wenn sie an ihr Land zurückdenkt, denke sie an ihre Familie und Freunde, sagt Loveth Osazuwa. „Ich vermisse sie sehr.“ Sie halte weiterhin Kontakt, mittlerweile habe sie auch Freunde in Deutschland gefunden. „Ich schätze die Menschen hier“, sagt die 30-Jährige und meint damit nicht nur ihre Freunde.

Ihr sei von Beginn an geholfen worden. „Wenn du dich integrieren möchtest, wirst du in Deutschland unterstützt, egal ob in der Schule oder bei der Suche nach Arbeit“, habe sie festgestellt. „Wenn man die Regeln bricht, bekommt man Probleme mit den Deutschen, wenn man die Regeln nicht bricht, hat man auch keine Probleme.“

In ihrer Wahrnehmung seien die Deutschen sehr organisiert, sagt die Mutter, das habe sie als Erstes übernommen. „Vorher war ich das nicht. Ich habe gelernt, was ich tun muss und was nicht.“ Dass das nicht immer so gewesen sein soll, überrascht, wenn man sich mit Loveth Osazuma unterhält.

„Ich habe die Chance bekommen, zu sein, wer ich will“

Sie wirkt wie eine Frau, die einen klaren Plan hat, wie eine Frau, die weiß, was sie möchte. Während sie spricht, auf dieser Treppe am Lambertusplatz, wechselt der Ton in ihrer Stimme. Mal ist er nachdenklich, mal bestimmt, aber immer freundlich.

„Mein Wunsch für die Zukunft ist, dass ich meine Ausbildung schaffe, dass ich einen Job finde und dann meine Wohnung selbst bezahlen kann. Ich will nicht das Geld von der Stadt nehmen“, sagt sie. Der Ton ist bestimmt.

Man habe ihr viel ermöglicht, betont Loveth Osazuwa noch einmal und schlägt einen fast schon ergriffenen Ton an, als sie sagt, was das beste an Deutschland sei: „Ich habe die Chance und das Privileg bekommen, zu sein, wer ich sein will. Das ist wirklich bedeutend für mich.“

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Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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Lukas Wittland

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