Die AfD in Castrop-Rauxel hat in Relation zu ihrer Größe ungewöhnlich viele Abonnenten und „Gefällt-mir“-Angaben bei Facebook. Bei unserer Recherche treten einige Ungereimtheiten zutage.

Castrop-Rauxel

, 24.06.2020, 08:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Man wird stutzig, wenn man die „Gefällt mir“-Angaben auf den Facebook-Seiten der Parteien vergleicht. Die AfD hängt die beiden Volksparteien SPD und CDU in Castrop-Rauxel deutlich ab. Aber nicht nur hier, auch in anderen Städten sieht die Lage ähnlich aus. Die AfD als „Scheinriese“? Woher kommt dieser Effekt? Und wirkt er sich auch auf die Kommunalpolitik aus?

Die Ungereimtheiten der Facebook-Profile der AfD sind bekannt. Anlässlich der Europawahl 2019 hatte die George-Washington-University eine Untersuchung mit dem Titel „Suspicious Election Campaign Activity on Facebook“ (Deutsch: Seltsame Wahlkampagnen-Aktivitäten auf Facebook) durchgeführt.

Die Autoren der Studie fanden 120.000 falsche Profile und Profile, die immer wieder ihre Namen veränderten. Um die 20.000 Fälle wurden dokumentiert, in denen Facebook-Konten, die die AfD unterstützten, ihren Namen wechselten.

„Das können wir nicht sagen“

Die AfD in Castrop-Rauxel, von uns darauf angesprochen, antwortet: „Ob hier ‚Fake-Profile‘ mit dabei sind, können wir nicht sagen. Solange ein Follower sich nicht ungemessen rechts- oder linksextremistisch äußert und sich auch um eine tolerierbare Wortwahl bemüht, verfolgen wir grundsätzlich nicht unsere Follower bzw. lauern ihnen auf. Auch werden wir sie nicht durch unablässige E-Mails, Telefonanrufe, Drohungen u. Ä. terrorisieren.“

Hinter den 120.000 entlarvten Fake-Profilen aus der US-Studie standen also keine echten Personen. Auffällig ist auch: Häufig sitzen die Unterstützer einer kleinen Ortsgruppe weit weg. Wie bei der Castrop-Rauxeler mit ihren 1403 Anhängern. In der Studie wird als Beispiel Zweibrücken (Rheinland-Pfalz) genannt: Der Ort hat 35.000 Einwohner, die Seite der AfD im Ort hat 2200 „Gefällt mir“-Angaben. Über 40 Prozent der Profile, die „Gefällt mir“ gedrückt haben, lassen sich mehr als 500 Kilometer entfernt von Zweibrücken verorten.

Die AfD Castrop-Rauxel erklärt sich das so: Es gebe „eine Reihe von Menschen, die [...] verzogen sind und trotzdem über die Geschehnisse in Castrop-Rauxel und Umgebung ungefiltert informiert werden [...] möchten.“ So heißt es in einer Stellungnahme des Kreisverbandes Recklinghausen, der weite Teile der Kommunikation übernimmt. Die Ergebnisse der Studie sprechen eindeutig gegen diese Theorie: Einige der Profile abonnieren 50 und mehr Ortsverbände gleichzeitig. Unwahrscheinlich, dass sie aus all diesen Städten verzogen sind.

Viele Likes, aber nicht ebenso viele Reaktionen

Daniel Djan, Sprecher der Jusos und Ratskandidat der SPD in Castrop-Rauxel, bezweifelt den Wert der Likes für die politische Arbeit. Ihn besorgt allerdings, dass die AfD durch diese künstliche Reichweite die gesellschaftliche Debatte verschieben könnte. Allerdings: Die AfD hat trotz der vielen „Follower“ nicht mehr Reaktionen (Like, Wut-Emoji, Lach-Emoji etc.) auf ihre letzten 50 Posts erhalten als die SPD oder die CDU in Castrop-Rauxel.

Im Durchschnitt kam die AfD in ihren letzten 50 Einträgen auf 9,78 Reaktionen. Die CDU Castrop-Rauxel erreicht 6,42, die SPD 11,48 Reaktionen. In Relation zu ihrer Bedeutung für die Politik in Castrop-Rauxel ist das immer noch beachtlich. Die Gründe hierfür liegen allerdings anderswo.

Von Beginn an war die AfD eine Partei, die ihre Inhalte auf Facebook verbreitet hat und deren Mitglieder ihre Debatten in sozialen Medien ausgetragen hat. Laut Bundeszentrale für Politische Bildung ist „[b]ezogen auf die Altersgruppen [...] die AfD am erfolgreichsten bei den mittleren Jahrgängen der zwischen 35- und 59-Jährigen“. Das ist gleichzeitig die Altersgruppe, die besonders intensiv Facebook nutzt.

Bei anderen Parteien wie den Grünen ist das Klientel jünger. Dort sind Plattformen wie Instagram, zum Teil auch Twitter relevanter. SPD und CDU haben aufgrund des hohen Durchschnittsalters ihrer Mitglieder vor allem vor Ort eher Schwierigkeiten, in sozialen Netzwerken hohe Sichtbarkeitswerte zu erzielen.

Die teilweise Schein-Zustimmung für die AfD im Netz wirkt sich nicht 1:1 auf die Wahlergebnisse aus. Der Vergleich der Likes und der Wahlergebnisse bei der Europawahl 2019 zeigen das zumindest in Castrop-Rauxel und ähnlich großen Städten deutlich.

Klar scheint: Die vielen „Gefällt mir“-Angaben auf der Facebook-Seite der AfD Castrop-Rauxel sind nicht vom Kreis-Vorstand herbeigeführt worden, sondern durch eine Community entstanden, die mit System und zum Teil falschen Profilen der AfD zu Aufmerksamkeit verhelfen will.

Die große Resonanz im Netz führt der AfD-Kreisverband Recklinghausen zurück auf das Bedürfnis der Menschen, sich „an den Endgeräten ohne die Filterblase der gleichgeschalteten Mainstreammedien zu informieren und es den Nutzern selbst zu überlassen, sich eine Meinung zu bilden, ohne ihnen irgendeine Richtung vorzugeben“, heißt es auf eine Anfrage.

Der Account werde momentan nicht von Angehörigen des Stadtverbandes geführt. Bekannt ist hier als aktiver Vertreter bis dato nur Stadtverbandssprecher Peter Lipa. Als Grund wird angegeben, dass „wir für diese doch zeitaufwendige Aufgabe noch keinen Verantwortlichen des Stadtverbandes gewinnen konnten“, so Marco Gräber vom Kreisverband.

Gräber weiter: „Daher wird zu unserem Bedauern aktuell relativ wenig regionaler Content geliefert. Hinzu kommt noch, dass es für uns extrem erschwert wird, ungefilterte kommunalpolitische Informationen zu erhalten. Die Stadtführung Castrop-Rauxel blockiert auf allen Ebenen. Dieses undemokratische Verhalten schockiert uns ein aufs andere Mal.“

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