Sechs Doppelbetten, aber kaum Platz für Privatsphäre und eigene Habseligkeiten: So sahen Zimmer aus, die 2015/16 in der Flüchtlingskrise hergerichtet wurden. In den Obdachlosenunterkünften sind aber vier bis fünf Personen auf einem Zimmer der Standard, sagt die Stadt. © Tobias Weckenbrock (A)
Obdachlosigkeit

Ex-Wohnungsloser greift Stadt an: Die schlimmsten Monate meines Lebens

Wohnungslos: Wer will das schon sein? Die Zustände in zwei Castrop-Rauxeler Unterkünften schildert Stefan E. aber als schlimm. Er findet: Das hat auch mit dem zuständigen Personal zu tun.

Unsere Serie zum Thema Wohnungslosigkeit hat viel Aufmerksamkeit erregt. Viele Leserinnen und Leser waren der Meinung, es sei wichtig, diesen Menschen in den Unterkünften ein Gesicht zu geben. Sie hätten keine Lobby. Und genau das ist der Grund, warum sich Stefan E. (Name geändert, aber der Redaktion bekannt) an uns wendete: Er war selbst von einem auf den anderen Tag von Obdachlosigkeit betroffen. Er kam bei der Stadt unter und sagt: Das waren die schlimmsten Monate meines Lebens.

„Es waren da Leute, die massive Probleme hatten. Ich war auf einem Zimmer mit Leuten, die nicht sauber waren, schwere Trinker, Bettnässer, schwer drogenabhängig. Es waren viele junge Leute, ich habe kaum durchschlafen können in den Nächten. Es gab permanent Theater.“

Das erzählt Stefan E. uns erst am Telefon, ein paar Tage später unter den Augen eines Leumunds noch einmal per Zoom-Videogespräch. Die Stadtverwaltung bestreitet allerdings einige der vorgebrachten Schilderungen. Wie die. Sie erklärt: „Nachts war ein Sicherheitsdienst vor Ort und jederzeit ansprechbar. Wenn in einem Zimmer die Nachtruhe nicht eingehalten wurde, hat der Sicherheitsdienst darauf hingewiesen.“

Der heiße Sommer 2018 und die große Enge

Stefan E. erinnert sich an den Sommer 2018, in dem er ins Loch seines Lebens fiel. Es war extrem warm. Damals war man noch in der Harkortschule in Merklinde untergebracht. „Jeder hatte nur ein Bett, sonst nichts“, sagt der heute 59-Jährige. Er sprach von 20 Mann auf seinem Zimmer, die Stadtverwaltung schildert aber auch das anders: mehr als acht Personen seien es nie gewesen. Für Stefan L. kam es aber ohnehin schlimmer, sagt er.

Früher eine Schule, dann eine Unterkunft für Geflüchtete und Obdachlose: die Harkortschule in Merklinde.
Früher eine Schule, dann eine Unterkunft für Geflüchtete und Obdachlose: die Harkortschule in Merklinde. © Michael Fritsch (A) © Michael Fritsch (A)

In der ehemaligen Harkortschule handelte es sich bei den Zimmern um ehemalige Klassenräume, die 80 Quadratmeter groß waren. In der Flüchtlingskrise 2015 wurden in diesen Räumen zehn Doppelbetten aufgebaut. Diese seien aber nur zu Beginn, als es besonders voll war, vollständig belegt gewesen. „Als Herr E. in diese Unterkunft eingewiesen wurde, waren fünf bis sechs Personen in einem Zimmer“, sagt die Stadt.

Es folgte der Umzug der ganzen Unterkunft in die Marienburger Grundschule in Ickern. „Wir hatten bis zu acht Leute auf Zimmern von nicht einmal 20 Quadratmetern“, erzählt Stefan E. Metall-Doppelbetten wie in einer Jugendherberge. Er als damals 57-Jähriger durfte immerhin unten schlafen. Man konnte vier Wochen lang kein Fenster öffnen, sagt er.

Die Stadt sagt, auch das stimme nicht. Bei der ehemaligen Unterkunft in der Marienburger Grundschule handelte es sich demnach um geteilte Klassenräume, die 35 Quadratmeter groß waren. Dort waren vier Etagenbetten aufgebaut. „Als Herr E. dort wohnte, waren dort vier Personen untergebracht. Nur an drei Tagen schliefen fünf Personen in dem Zimmer“, heißt es aus dem Rathaus.

Blutendes Brandopfer und dementer Bettnässer

Ein junger Mann auf dem Zimmer hatte blutende Narben: Er war Brandopfer, weil er Bahn-Surfing machte und wohl einmal 25.000 Volt abbekommen hatte. „Der Junge war komplett verbrannt. Dazu hatten wir noch einen Bettnässer auf der Hütte, es stank bestialisch“, sagt Stefan E. Er sei der einzige Ältere auf dem Zimmer gewesen. Der Mann, der einnässte, sagt die Stadt, sei eine demente Person über 80 Jahre gewesen, von der man nicht gewusst habe, dass er auch inkontinent war. Man habe den Mann nach einer Nacht verlegt. Die Stadt bat Stefan E. danach um Entschuldigung.

„Ich bin in dieses Zimmer gekommen, weil es mit mir Ärger gab. Die ‚deutsche WG‘, es war das schlimmste Zimmer“, sagt der. Die Stadt dagegen sagt, es habe gar nicht nur ein Zimmer mit deutschen Wohnungslosen gegeben. Er blieb dort jedenfalls dreieinhalb Monate. Im September schaffte er den Absprung. Mithilfe aus dem Rathaus hatte er eine eigene Wohnung gefunden. Nach 40 Wohnungsbesichtigungen mit vielen Absagen.

Er fühlte sich bei „Frau Kaiser vom Jobcenter“ in sehr guten Händen, sagt er, und erwähnt auch Dirk Heinacker vom Sozialamt als große Hilfe. Aber: Nicht nur die Mitbewohner seien schlimm gewesen, auch Teile des städtischen Personals waren „schwierig für mich“.

Muharrem Teper arbeitete 2018 als Hausmeister in der Unterkunft in der ehemaligen Marienburger Schule. Ihn hielt Stefan E. für einen fähigen, freundlichen und kompetenten Mann.
Muharrem Teper arbeitete 2018 als Hausmeister in der Unterkunft in der ehemaligen Marienburger Schule. Ihn hielt Stefan E. für einen fähigen, freundlichen und kompetenten Mann. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Dazu eine Rückblende: Am 25. Mai 2018 wurde die Wohnung von Stefan E. geräumt. Er konnte die Miete nicht zahlen, hatte „einen seelischen und moralischen Absturz“, wie er sagt, und verfolgte nur noch die Kopf-in-den-Sand-Strategie. Er war zuvor fest angestellt bei einem Unternehmer, hatte als Fahrer aber einen Verkehrsunfall, den ersten in seinem Leben. Und der brach ihm beruflich das Genick: Niemand hatte sich verletzt, aber es gab einen kapitalen Schaden am Fahrzeug und auf der Autobahn, weil er in einen Sekundenschlaf gefallen war. „Da kam unheimlich viel auf mich zu, ich hatte mächtige Probleme“, sagt er heute.

Schritt für Schritt auf die Beine zurück

Er sei eigentlich erst wieder „aufgewacht, als die Stadt mich aus der Wohnung abgeholt hat“. Am 26. Mai saß er zum ersten Mal mit einem städtischen Sozialarbeiter zusammen. „Ich war wie ein Häufchen Elend. Aber danach habe ich alles step by step wieder in die Bahn bekommen.“ Er beantragte Arbeitslosenhilfe, ging sein Schuldenproblem an, suchte Arbeit, fand eine Stelle und eine Wohnung. Schon bevor er aus der Unterkunft auszog, hatte er wieder als Fahrer gearbeitet.

Problem: Es gab feste Duschzeiten in der Unterkunft, 13 bis 14 Uhr und 18 bis 19 Uhr. „Das ist als Fahrer völlig kontraproduktiv, ich musste schließlich nachts um 2 oder 3 Uhr aufstehen.“ Der ausgeruhte Schlaf sei eminent wichtig für seinen Job.

Die Stadt sagt, sie reinige die Sanitäranlagen mehrfach täglich. Um den höchstmöglichen Hygienestandard für die Bewohner vorzuhalten, gebe es feste Duschzeiten. Es habe aber mehrere Bewohner gegeben, für die die Zeiten nicht passend waren, weil sie zur Schule oder Arbeit mussten. In diesen Fällen habe man individuelle Lösungsmöglichkeiten gefunden. Für die Reinigung des Zimmers seien dagegen die Bewohner persönlich verantwortlich. „Es gab mit Herrn E. häufig Gespräche deswegen, weil er sich weigerte“, heißt es von der Stadt.

In diesen Wohnungslosen- und Flüchtlings-Unterkünfte in Merklinde, links und rechts dieser Straße, wohnen knapp 100 Menschen.
In diesen Wohnungslosen- und Flüchtlings-Unterkünfte in Merklinde, links und rechts dieser Straße, wohnen knapp 100 Menschen. © Katharina Roß © Katharina Roß

„Die Stadt verfügte über andere Wohnhäuser, wo sich zwei Wohnungslose, die Arbeit haben, ein Zimmer teilen. Ich habe versucht, denen klar zu machen, dass das für mich wichtig ist“, sagt Stefan E. Aber es wurde nichts daraus. Er meint, weil einige führende Leute das nicht wollten. Die Stadt entgegnet, dass man jedem Bewohner entgegenkomme. Aber auch: „Es bleibt eine städtische Unterkunft, in denen Menschen in Notlagen nach Kräften geholfen wird, und kein Hotelbetrieb.“

Hilfe untersagt? Stadt widerspricht vehement

Er wirft der Stadt vor, Hilfe bei der Räumung seiner Wohnung, für die die LEG ihm zwei Tage Extra-Zeit einräumte, verhindert zu haben. Die hätte über durchaus stadtbekannte Ehrenamtliche aus der Flüchtlingshilfe schon bereit gestanden, wie ein Insider bestätigt. Susanne Köhler, Leiterin des Bereichs Obdachlosenhilfe und Flüchtlinge, habe diese Hilfe nicht gewollt.

Susanne Köhler ist seit sechs Jahren Bereichsleiterin (anfangs kommissarisch) in der Stadtverwaltung im Bereich Migration und Obdachlosenhilfe. Sie gilt vielen der Bewohner als Engel. Belegt ist, dass sie sich auch über die Arbeitszeit hinaus für die Menschen engagiert. Für Stefan E. war sie kein Engel. Mit ihm gab es viele Auseinandersetzungen.
Susanne Köhler ist seit sechs Jahren Bereichsleiterin (anfangs kommissarisch) in der Stadtverwaltung im Bereich Migration und Obdachlosenhilfe. Sie gilt vielen der Bewohner als Engel. Belegt ist, dass sie sich auch über die Arbeitszeit hinaus für die Menschen engagiert. Für Stefan E. war sie kein Engel. Mit ihm gab es viele Auseinandersetzungen. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Die Stadt beteuert, sie arbeite intensiv mit Ehrenamtlichen und Vereinen zusammen, die helfen möchten. Bei Zwangsräumungen habe man nicht die Kapazität, das gesamte Hab und Gut in städtischen Räumen einzulagern. Aber: Die Stadt verbiete niemandem, einen Bewohner privat zu unterstützen. „Wie sollte sie? Und warum?“, fragt Stadtsprecherin Maresa Hilleringmann.

„Mir wurde das zu bunt. Ich habe gemerkt, dass ich geblockt werde“, sagt Stefan E. Er habe sich bei seiner Sachbearbeiterin vom Jobcenter beschwert. Danach konnte er plötzlich duschen, wann er wollte. „Sie stellten mir sogar das Essen, für das ich bezahlt habe, zurück, wenn ich tagsüber arbeiten war. Drei Wochen, bevor ich da auszog, haben die offenbar einen Einlauf bekommen.“

Stefan E. weiß, dass er unbequem war

Stefan E. war unbequem, das weiß er auch. Denn er forderte seine Rechte ein, wollte Rechtsgrundlagen sehen für Regelungen, mit denen er konfrontiert war. Eine Hausordnung forderte er ein, die in öffentlichen Gebäuden stets ausgehängt sein müsste. Durfte er eine Kühlbox in seinem Zimmer mit Strom der Stadt betreiben? Er fischte sich selbst Rechtsgrundlagen im Internet heraus und legte sie der Stadt vor. „Da hat man sich aber strikt und zum Teil wochenlang geweigert“, sagt er.

Muharrem Teper arbeitete 2018 als Hausmeister in der Unterkunft in der ehemaligen Marienburger Schule. Ihn hielt Stefan E. für einen fähigen, freundlichen und kompetenten Mann.
Muharrem Teper arbeitete 2018 als Hausmeister in der Unterkunft in der ehemaligen Marienburger Schule. Ihn hielt Stefan E. für einen fähigen, freundlichen und kompetenten Mann. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Die Stadt hält dem entgegen, es habe sich um ehemalige Klassenzimmer gehandelt, in denen nicht viele Steckdosen vorhanden waren. „Die Bewohner benötigten diese u.a., um ihre Handys zu laden. Verschiedene Bewohner u.a. Herr E., nutzten mehrere Mehrfachsteckdosen, die sie miteinander verbanden. Dieses ist unter Brandschutzgesichtspunkten nicht erlaubt.“

Es gebe offenbar zwei Lager unter den Klienten: Das eine sei für die Arbeit der Stadt sehr dankbar und lobe sie, das andere sei dazu sehr kritisch eingestellt. Stefan E. sagt: „Ich habe mit dem Bereich noch eine Rechnung offen, ich sage das ganz offen. Da muss sich was ändern.“

Er selbst habe den Absprung geschafft, „auch wenn ich bitter bezahlt habe. Ich bin raus, habe einen Job, eine neue Perspektive. Das schaffen aber nicht alle, denn es ist nicht einfach: Man muss sich damit beschäftigen, braucht einen guten Sachbearbeiter beim Jobcenter, der an einen glaubt, und muss sehr viel Eigeninitiative zeigen.“

Dazu sagt die Stadt: „Es sind oft die kleinen Hilfestellungen, mit denen man viel erreichen kann. Sozialarbeit und die Unterstützung der Bewohner hat für die Bereichsleitung und ihre Mitarbeitenden einen sehr hohen Stellenwert.“ Stefan E. würde diese Aussage nicht unterschreiben.

„… ob es sich lohnt, in eine Person zu investieren“

Immer wieder führte er schon damals an, „dass es einen Sozialarbeiter braucht, der entscheidet, ob es sich lohnt, in eine Person zu investieren“. Bis heute formuliert Stefan E. dies gegenüber der Stadt als Vorwurf. Er findet, der behördliche Blick auf die Fälle statt auf die einzelnen Menschen wiege schwerer.

Dem widerspricht die Stadtverwaltung vehement: „Der Bereich Migration und Obdachlosenhilfe behandelt alle Bewohner gleich, egal welche Probleme sie hatten. Die Einstellung, zu schauen, ob es sich lohnt, jemandem zu helfen oder eben nicht, entspricht nicht der Einstellung und Arbeitsweise der Stadt. Das hat Herr E. immer anders gesehen. Er wollte anders behandelt werden.“

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock

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