Einzelhändler bemühen sich, aber: Altstadt leidet unter Leerständen

dzAltstadt

Läden wie der von Jens Reiter verhelfen der Altstadt zu einem besseren Image. Leerstände, fehlender Branchenmix und die Corona-Krise verstärken aber die Krise des stationären Einzelhandels.

Castrop

, 20.09.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Abseits des Wochenmarktes, so klagen viele Castroper, sei die Altstadt wenig attraktiv. In Facebook-Diskussionen gerade unter jüngeren Castrop-Rauxelern liest man immer wieder, dass die Altstadt komplett unattraktiv sei und keine Läden habe, die einen Besuch hier lohnten. „Da fahre ich doch lieber gleich in den Ruhr-Park, nach Bochum oder Dortmund“, ist da zu lesen. „Da ist ja sogar Herne attraktiver“ heißt es oder auch „Abgesehen von Handyläden, Bäckern, Friseuren, Spielhallen, Brillengeschäften, Imbissen und Apotheken bietet die Innenstadt auch verdammt wenig Anreize zum Shoppen“.

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Andere Stimmen weisen dann auf die inhabergeführten kleinen Läden hin, die es hier gibt, führen Jens Reiter oder Matthias Zimmer ins Feld, weisen auf die Boutiquen Le Paris und Standpunkt hin oder benennen das Kinderschuhgeschäft von Vera Kopitetzki oder die Leselust. Läden, die es wert seien, in die Altstadt zu kommen und die man unterstützen müsse, um eines Tages nicht nur noch Onlinehandel zu haben.

Hochwertiger Einzelhandel wie das Blumengeschäft Goebel am Markt oder das Lichthaus im ehemaligen Doherr-Gebäude sind längst Vergangenheit, mussten hohen Ladenmieten und geringer Kundenfrequenz ihren Tribut zollen. Und so bleiben auch prominente Leerstände in der Castroper Altstadt nach wie vor ein Problem.

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Leerstände in Castrop

Die aktuellen Laden-Leerstände in der Castroper Altstadt.
17.09.2020
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Bestattungen Friedrich ist an den Markt gezogen. Am Biesenkamp gibt es jetzt einen Leerstand mehr.© Thomas Schroeter
Weiterer Leerstand am Biesenkamp: Hier war das "Brillenwerk".© Thomas Schroeter
Leerstände Altstadt© Thomas Schroeter
Hier verkaufte lange Jahre die Firma Schlatholt Schuhe. Für den Leerstand ist noch keine Lösung gefunden.© Thomas Schroeter
Kurz vor dem Busbahnhof steht das alte Zeeman-Ladenlokal noch leer.© Thomas Schroeter
Hier war Backwerk. Eine Nachfolgenutzung im alten Hertie-Haus steht noch aus.© Thomas Schroeter
An der Widumer Straße kann man dieses Ladenlokal kaufen oder mieten. Als Kaufpreis werden 189.000 Euro aufgerufen, als Mietpreis 1350 Euro für 156 Quadratmeter.© Thomas Schroeter
Früher ein Schreibwarengeschäft, dann ein Mini-Lebensmittelmarkt, jetzt Leerstand: Das Ladenlokal an der Ecke Mühlenstraße und Mühlengasse.© Thomas Schroeter
Der wohl neueste Leerstand in 1a-Lage direkt am Markt war lange ein Handyshop.© Thomas Schroeter

Das Doherr-Haus steht nach wie vor leer, im großen Ladengeschäft, wo ehedem Schlatholt lange Jahre Schuhe verlauft hat, tut sich nichts. Dazu kommen, das ergab ein Rundgang am Donnerstag durch die Altstadt, mindestens sieben weitere verwaiste Ladenlokale zwischen Widumer Straße und Oberer Münsterstraße, zwischen Dortmunder Straße und dem Busbahnhof.
„Die Immobilieneigentümer in der Castroper Altstadt verzeichnen seit einigen Jahren einen Umsatzrückgang und verstärkt auftretende Geschäftsschließungen.

Aufgrund der ausbleibenden Mieten ist bei vielen Immobilien ein Investitionsstau entstanden und eine Neubelegung der Immobilie kann zumeist nur auf niedrigem Niveau erfolgen. Die Altstadt leidet unter diesem Wertverlust der Immobilien, der zunehmend zu einem negativen Image des Standortes beiträgt.“


Dieses Zitat ist mehr als zehn Jahre alt. Es stammt aus einem Papier der Innovationsagentur Stadtumbau von 2009, in dem es um Modellprojekte für Immobilien- und Standortgemeinschaften (ISG) in Nordrhein-Westfalen ging. Die Castroper Altstadt war ein solches Modellprojekt, die ISG sollte die Altstadt nachhaltig beleben.

Geändert hat sich an der Situation bis heute nichts. Wegen der Corona-Pandemie mussten zuletzt sogar sämtliche Veranstaltungen, Feste und Events abgesagt werden, die für Leben in der Altstadt sorgen und Kunden in die Fußgängerzone locken sollen.

Die 1a-Lagen sind gelb eingezeichnet, 1b-Lagen blau und 2er-Lagen werden rot dargestellt.

Die 1a-Lagen sind gelb eingezeichnet, 1b-Lagen blau und 2er-Lagen werden rot dargestellt. © Gutachterausschuss

Die Ladenmieten, das geht aus einer Aufstellung des Gutachterausschusses im Kreis Recklinghausen von 2020 hervor, bewegen sich in den 1a-Lagen der Altstadt zwischen 12 und 37 Euro, in 1b-Lagen zwischen 4,50 und 20 Euro und in 2er-Lagen bei 4 bis 13 Euro. Gerade in den 1a-Lagen ist das deutlich mehr als etwa in Datteln oder Waltrop. Aber um ein vielfaches unter dem, was in Dortmund in einer Premiumlage zu bezahlen ist. Da werden auf dem Westenhellweg laut Übersicht der IHK bis zu 220 Euro je Quadratmeter aufgerufen.

Ob die Castrop-Rauxeler Preise, die zuletzt 2016 erhoben wurden, noch marktgerecht sind, will der Gutachterausschuss bald klären. Wie Christoph Warmbrunn vom Kreis erklärt, plane man entweder noch in diesem oder Anfang des nächsten Jahres dazu eine Passanten-Frequenz-Untersuchung in Castrop. „Das ist Grundlage, um zu sehen, wie sich die Geschäftssituation in Castrop entwickelt hat.“

Was Stadt, Gewerbetreibende und Immobilienbesitzer daraus für Schlüsse ziehen, wird abzuwarten sein.

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