Einer lügt, Verhandlung vertagt: Richter auf Kurs Wahrheitsfindung

dzSchwierige Verhandlung

Die Aussagen des Angeklagten und seiner Entlastungszeugin schilderten eine gänzlich andere Version als die anderen Zeugen. „Einer lügt“, befand der Castrop-Rauxeler Richter. Und will rausfinden, wer.

Castrop-Rauxel

, 26.05.2020, 12:50 Uhr / Lesedauer: 2 min

Einer lügt: Mit dieser Feststellung beendete der Richter nach Anhörung von Angeklagtem und Zeugen die langwierige Hauptverhandlung am Amtsgericht in Castrop-Rauxel. Trotz vieler Nachfragen blieb die Wahrheit im Verborgenen. Weitere Zeugen sollen in zwei Wochen für neue Erkenntnisse sorgen.

Jeder, Angeklagter wie der Kläger, hatte seine Geschichte erzählt und sie mit Zeugenaussagen untermauert. Aber die Versionen drifteten extrem auseinander.

Ein 45-Jähriger war angeklagt, seinem 21-jährigen Stiefsohn im Spätherbst nachts um 1 Uhr zweimal vor das Schienbein getreten zu haben. In Castrop-Rauxel, wo der junge Mann mit seiner Freundin lebt.

Nie zuvor hier gewesen

„Kann gar nicht sein“, so der Angeklagte, der sich an den fraglichen Tag genau erinnere. Er habe, zusammen mit einer Freundin, seine Ehefrau zum Flughafen Köln-Bonn gebracht. Zurück in Gelsenkirchen, seinem Wohnort, habe er ein Taxi gerufen und sei mit der Freundin in die Innenstadt gefahren. In einer Kneipe hätten sie seine Beförderung im Job gefeiert. In Castrop-Rauxel sei er jetzt zum allerersten Mal wegen der Vorladung zum Gericht.

Die 28-jährige Zeugin bestätigte das. Sie habe den Angeklagten vor sieben Jahren im Beruf kennengelernt. Auch zur Frau des Angeklagten habe sie ein freundschaftliches Verhältnis, sagte sie. Ihre Aussage: Nach der Tour zum Flughafen seien sie gegen 22 Uhr mit dem Taxi in die City gefahren. Ihre eigenen Autos hätten sie stehen lassen, weil sie ja Alkohol trinken wollten. Zwischen 2 und 3 Uhr sei man zurückgekehrt. Nach ein bisschen Fernsehen sei sie ins Gästezimmer gegangen, so gegen 4 Uhr. Ein Alibi. Wie hätte der Mann gleichzeitig in Castrop-Rauxel seinen Stiefsohn malträtieren können?

„Hat er aber“

„Hat er aber“, so der Stiefsohn. Er verwies auf das weiße Auto des Angeklagten, mit dem dieser nach dem Übergriff weggefahren sei. Das Auto will auch die Mutter der Freundin des 21-Jährigen gesehen haben, die gemeinsam im selben Haus wohnen. Sie habe Geschrei gehört und Gerangel gesehen, so ihre Aussage.

Ihre Tochter hatte zuvor mehr als ein Jahr bei ihrem Freund, mit in der Familie des Angeklagten, gelebt. „Ein schlechter Einfluss“, wie der 45-Jährige jetzt meint. Schulabbruch, Lehre geschmissen, exzessives PC-Spiel, listete er seine Sorgen auf.

Zudem habe ihn der Stiefsohn bereits mehrfach angezeigt: weil er dessen Handy gehackt haben soll, die Freundin sexuell belästigt und zudem gestalkt habe. Und nun der Schienbeintritt.

Um den Fall beurteilen zu können, will der Richter noch einen Nachbarn hören, der den Vorfall nachts um 1 Uhr bemerkt haben könnte. Außerdem wird ein Polizeibeamter vorgeladen, der den Fall aufgenommen hat.

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