Zäune, Polizei, Ordnungsamt, Sicherheitsdienst: Sind das die richtigen Maßnahmen zur Corona-Kontrolle? © Kaczmarek / Grafik: Weckenbrock
Meinung

„Eine Umzäunung ist einer Stadt wie Castrop-Rauxel unwürdig!“

Zu unserem Artikel „Flüchtling aus Quarantäne-Haus: Es ist wie im Gefängnis“ äußerten viele Menschen ihre Meinung. Fotis Matentzoglou empfindet Zäune als tickende Zeitbombe. Ein Gast-Kommentar.

Diesen Gastbeitrag hat der Linken-Politiker aus Castrop-Rauxel explizit als Privatperson geschrieben.

Fotis Matentzoglou war Vorsitzender des Integrationsrats und Mitglied im Castrop-Rauxeler Stadtrat.
Fotis Matentzoglou war Vorsitzender des Integrationsrats und Mitglied im Castrop-Rauxeler Stadtrat. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Das Umzäunen der Unterkünfte auf der Harkortstraße in Merklinde zeigt, dass die Pandemie wieder einmal die Schwächsten unserer Gesellschaft am Härtesten trifft. Obdachlose und Geflüchtete werden dabei nicht nur in Quarantäne versetzt, was verständlich ist, wenn es Vorfälle von positiv Getesteten gegeben hat; nein, sie werden durch Securityposten und Zäune regelrecht überwacht! Die Umzäunung und das massive Polizeiaufgebot ist einer Stadt wie Castrop-Rauxel unwürdig.

Wenn man sich die Lager in Moria [auf der griechischen Insel Lesbos, Anm. d. Redaktion] und anderswo anschaut, merkt man schnell, dass Grenzen und Zäune das Problem nicht lösen. Genauer gesagt, sind sie eine tickende Zeitbombe. Es ist, als ob wir eine Zeit lang wegschauen, die Probleme nicht gelöst bekommen und im Nachhinein größere soziale und gesundheitliche Verwerfungen auf uns zukommen. Dies kann keine dauerhafte Strategie sein.

Die positiv getesteten Bewohner der Unterkunft hätten in Krankenhäuser überführt werden müssen; alle weiteren, die Kontakt zu den Infizierten hatten, hätten in Quarantäne gemusst. Stattdessen werden alle Bewohner ihrer Freiheitsrechte beraubt, auch gesunde.

„Angeordnete Ansteckung“

Schlimmer noch, mit dieser Maßnahme wird auch eine „angeordnete“ Ansteckung der verbliebenen Nicht-Infizierten bewusst in Kauf genommen! Die Dauer der Quarantäne wurde nicht bekanntgegeben, stattdessen führt man ständig PCR-Tests durch und lässt die Bewohner im Dunkeln. Kein Wunder, dass das zu einzelnen Problemen führt.

Der Castrop-Rauxeler Linke Fotis Matentzoglou (Mitte) 2020 an einem Grenzzaun in der Türkei.
Der Castrop-Rauxeler Linken-Politiker Fotis Matentzoglou (Mitte) 2020 an einem Grenzzaun in der Türkei. © Die Linke © Die Linke

Gesundheit ist ein öffentliches Gut und muss für jeden hier lebenden Menschen zugänglich sein. Aber was rede ich da: Unser öffentlicher Gesundheitssektor wurde von der Regierung kaputt gespart. Marode Krankenhäuser mit dürftiger Ausstattung sind die Folge. Hinzu kommt der Personalmangel auf dem Rücken der Beschäftigten. Es kann nicht sein, dass eine Krankenschwester für drei arbeitet!

Was bei den Betroffenen in Merklinde bleibt: größere psychische Probleme. Umzäunt und überwacht waren diese Menschen auf ihrer Reise nach Deutschland lange genug. Ein Trigger, der schlimmste Erinnerungen weckt.

Wer wird sich um diese Menschen kümmern, die mit posttraumatischen Erinnerungen zu kämpfen haben? Gesundheit ist keine Ware, sich zu infizieren kein Verbrechen! Ich bitte unseren Ordnungsdezernenten, seine voreilige Law-and-order-Politik zu überdenken und dafür zu sorgen, dass die Bewohner die verbleibende Zeit der Quarantäne gesundheitlich bestens versorgt werden.

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