Es ist eine Prognose, eine Vorausschau mit größeren und kleineren Lücken: Aber was bringt uns das Jahr 2021 in Castrop-Rauxel? Unser Redakteur Tobias Weckenbrock hat darüber nachgedacht. © Tobias Weckenbrock
Coronavirus

Eine Prognose: Das Coronavirus und wie das Jahr 2021 mit ihm wird

Am 12. März 2020 wurde das Coronavirus in Castrop-Rauxel erstmals nachgewiesen. Es durchkreuzte alle Pläne, zerstörte Existenzen, veränderte unser Zusammenleben. Es tötete. Und 2021? Eine Prognose.

Für mein Jahr 2021 gibt es einen entscheidenden Tag, auf den ich schon heute hinfiebere – und das mag man fast wörtlich nehmen: der Tag, an dem ich mich gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 impfen lasse. Eine Autofahrt zum Recklinghäuser Impfzentrum auf dem Adenauer-Platz. Ein Gang, 20 Minuten vielleicht, durch die „Impfstraße“. Ein Pieks. Ich will das Virus niemals bekommen, auch wenn ich keine Angst davor habe. Ich möchte es einfach nicht in mir und möglicherweise weiter tragen.

Meine Impfung wird nicht das Happy End eines langen Albtraums unserer Gesellschaft sein. Nur ein Zwischenschritt zur Impfung aller, die das auch wollen.

Ich frage mich aber schon jetzt: Wie wird dieses Jahr 2021? Und suche nach Antworten. Vorweg gesagt: Ich bin kein Prophet, kein Epidemiologe oder Virologe, kein Wett-Profi. Ich bin gerade mal ein aufmerksamer Zeitgenosse. Einer, der Zahlen und Daten, gesellschaftliche, politische und bürokratische Corona-Geschehnisse relativ genau verfolgt. Einer, der sich an Regeln sowieso, manchmal aber auch allein an die der Pandemie innenwohnende Logik hält: Hast du keine Kontakte, wirst du dem Virus nicht helfen, sich zu verbreiten. So einfach. So klar.

Werden 2021 mehr Menschen so handeln als 2020? Oder werden es weniger sein? Wird es notwendiger sein als im ersten Jahr der Pandemie? Oder werden wir sie auch ohne die Selbstdisziplin wieder los? Ich habe eine Idee davon.

Der Winter

Am Dienstag (5.1.) wird die Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten entscheiden, dass der Lockdown verlängert wird. Wenige Tage später würde er sonst enden, die Zeit ist knapp. Und darum spielt bei den Überlegungen auch keine Rolle, dass man die Inzidenz-Zahlen aktuell nicht für voll nehmen kann, weil das Testungs- und Meldesystem an Wochenenden und Feiertagen nicht in der Werktags-Tiefe funktioniert.

Man wird für Kitas weiter ein Fernbleiben empfehlen, Schulen werden wohl auch noch auf Fernunterricht statt auf Präsenz setzen. Man wird die Schließung von nicht lebensnotwendigen Geschäften, Schwimmbädern und Theatern bis Ende Januar ausweiten.

Ab Mitte Januar werden die Infektionszahlen, die dann wieder echt und valide sein werden, spürbar sinken. Castrop-Rauxel und der Kreis Recklinghausen werden bei der Inzidenz unter 100 fallen, Bürgermeister Rajko Kravanja wird dennoch mahnen: Werdet nicht leichtfertig! Bleibt zu Hause!

Die Zahl der Klinikbetten wird knapper, die Kraft des Klinikpersonals wird weniger. Aber beides reicht aus, bis die Zahl der Covid-19-Patienten ab Mitte/Ende Januar sinkt und sich die Lage im Rochus, im EvK und in den anderen 13 Kliniken des Kreises Recklinghausen entspannt.

Ende Januar werden in den letzten Pflegeheimen die letzten Impfspritzen gesetzt. Die erste Stufe des Impfplans ist im Zeitplan von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn genommen. Die ganz strengen Besuchsverbote dort werden aufgehoben. Jetzt wird die Frage drängender, wie man den alten und damit verletzlichen Menschen zur Impfung verhilft, die zu Hause gepflegt werden.

Im Februar wird kein Karneval gefeiert. Er wird so trist und grau und ohne bunte Einsprengsel wie kein anderer Februar, an den wir uns erinnern können. Der Halbjahreswechsel in der Schule kommt uns suspekt vor: Was haben unsere Schüler in diesem ersten Halbjahr überhaupt lernen können? Sie haben verinnerlicht, krisenfest und maskenerprobt zu sein, spontan von Präsenz- auf Distanzunterricht und zurück zu wechseln. Aber nicht Goethes „Faust“. Ihr Fokus lag nicht auf binomischen Formeln in Mathe, Zellteilung in Bio und dem Unterschied zwischen „Present Perfect“ und „Past Perfect“ in Englisch. Sie haben gelernt, eine Quarantäne-Anordnung zu lesen.

Der Frühling

Im März keimt Hoffnung auf eine Frühjahrs-Entspannung. Geschäfte und Friseure haben seit einigen Wochen wieder geöffnet, jetzt folgen Restaurants, Zoos und Parks und wenig später auch die Kneipen. Viele, aber nicht alle: Denn bis hierher haben einige Gastronomen nicht finanziell durchgehalten.

Es werden inzwischen drei Impfstoffe parallel verabreicht und die Frage kommt auf: Was tut man, wenn man lieber den von Moderna oder Astra Zeneca als den von Biontech möchte? Die Kreisverwaltung bereitet sich auf die Eröffnung des Impfzentrums vor. Ende März geht es dort los.

Zu Ostern Anfang April steht fest, dass es noch keinen großen Ferien-Reiseverkehr gibt. Aber Hallenbäder und Kulturbetreiber dürfen wieder eingeschränkt öffnen. Ist das Ende der Pandemie gekommen? Die Frühjahrskirmes in der Altstadt findet nicht statt, aber die Veranstalter von „Castrop kocht über“ machen sich Hoffnungen, dass es zu Fronleichnam wieder was werden könnte mit dem größten Outdoor-Event des Jahres. Kleiner als sonst und mit Abstand, aber: Ja!

Das Musical „Radio Ruhrpott“ feiert in der Stadthalle seine Wiederauferstehung. Das Westfälische Landestheater spielt wieder live. Die Vorstellungen mit verkleinertem Publikum und mit Maskenpflicht sind nicht ausverkauft, aber sie machen auch denen Mut, die (noch) nicht hingehen.

Es ist Mai, die Sonne wärmt, die Menschen sind draußen. Die Zahlen sind inzwischen weit unter dem Schwellenwert von 50 Neuinfektionen pro Woche angekommen. Die zweite Welle war so lang, dass es tatsächlich so scheint, als komme man um die dritte Welle ganz herum. Oder ereilt sie uns im Herbst? Der Sommer jedenfalls wirkt sicher. Selbst die gestaffelten Öffnungen der vergangenen Wochen bringen keine neue Wende für das Virus. Trotzdem stirbt im Wonnemonat der 50. Castrop-Rauxeler am oder mit dem Coronavirus. Ein trauriger Meilenstein.

Der Sommer

Lehrer und Erzieher, auch solche ohne Vorerkrankung, können sich im Juni impfen lassen. Die meisten machen es. Ich bin noch nicht dran, aber ich erkenne: Wir haben das schlimmste geschafft. Ich schöpfe Zuversicht, als ich mit der von einer Freundin genähten Frühlings-Maske mit meiner Familie und Freunden entlang den Richtungspfeilen zwischen den Ständen von „Castrop kocht über“ am 5. Juni über den Marktplatz schlendere.

Inzwischen ist klar, dass „Normalos“ wie ich noch vor Oktober dran sein werden, wenn sie wollen. Bis Jahresende könnten 65 Prozent der Deutschen geimpft oder durch eine durchgemachte Infektion ziemlich sicher immunisiert sein, lautet jetzt die bundesweite Prognose.

AHA+L begleitet uns allerdings weiter: Fußball auf Schalke und beim BVB findet vor 12.000 Zuschauern statt, der Breiten- und Jugendsport in der Halle und draußen kann, wenn auch ohne große Umkleide- und Duschorgien, wieder laufen. Das zweite Schulhalbjahr findet weitgehend in Präsenz statt.

Der Herbst

Das Virus hat zwar Mutationen entwickelt, aber die meisten der nun sieben kursierenden Impfstoffe lassen sich darauf relativ schnell einstellen. Ich erhalte meinen Impftermin: Am 30. September bin ich in Recklinghausen. Als ich Mitte Oktober von der zweiten Impfung zurückkehre, kann ich nicht anders: Ich umarme Freunde und Verwandte erstmals seit einem Jahr wieder. Ich treffe sie sogar drinnen, sogar zum Essen an einem Tisch. Dieses Gespenst ist endlich weg.

Doch ich denke an all jene, die einen geliebten Menschen oder eine Geschäftsidee oder ihren Job an Covid-19 verloren haben. Für mich war die Pandemie lästig, für viele war sie dagegen explizit schlimm.

Aber trotz allem ist die gute Nachricht: Die Vergangenheitsform hat sich eingeschlichen in unsere Gespräche über Corona. Ich denke an den Satz meines Sohnes (3) zurück, den er im Dezember 2020 vollkommen unvermittelt ausgesprochen hatte: „Ich hoffe, dass Corona bald wieder weg geht.“ Ein Jahr später haben wir Gewissheit: Sars-CoV-2 ist zwar nicht besiegt, aber endlich unter Kontrolle.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock

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