Ebeling zum Thema Amoklauf: „Wir sind überzeugt, dass diese Themen auf die Bühne gehören“

dzWLT-Intendant im Interview

Kann Jens (16), der Protagonist des neuen Theaterstücks am WLT, mit seinen Amok-Gedanken auf der Bühne zu einem Vorbild werden? Regisseur Ralf Ebeling über die Konfrontation mit dem Bösen.

Castrop-Rauxel

, 18.04.2019 / Lesedauer: 3 min

Das neue WLT-Stück „Good Morning, Boys and Girls“ beschäftigt sich mit Amokläufen. Der Vater, der im Stück auf der Bühne im Nacken des Protagonisten Jens (16) sitzt, betet anfangs die nackten Daten von wirklich geschehenen Amokläufen der vergangenen Jahrzehnte laut herunter - inklusive der Beschreibung der Täter, der Waffen und der Zahl der Opfer aus Winnenden, Emsdetten, Oklahoma und Co.. Dann geht es um die wirre Gedankenwelt im Kopf des Jugendlichen. Das Stück richtet sich an eine Zielgruppe über 14 Jahren und kommt in den nächsten Wochen und Monaten in verschiedenen Orten zur Aufführung.

Birgt die Konfrontation Jugendlicher mit diesem Thema Gefahren? Das fragten wir WLT-Intendant und den Regisseur dieses Stückes, Ralf Ebeling, das nach einem Buch von Autorin Juli Zeh entstand und schon auf anderen Bühnen, zum Beispiel in Düsseldorf, gezeigt wurde.

Herr Ebeling, Sie haben sich – vielleicht neben sexuellem Kindesmissbrauch – eines der sensibelsten Themen für Ihr neues Jugendstück ausgesucht. Darf man Jugendliche ab 14 Jahren mit dem Thema Amoklauf in dieser Weise, nämlich mit vielen Fragen und zum Teil verstörenden Gedankengängen konfrontieren?

„Good Morning, Boys and Girls“ ist aus der Feder der renommierten Autorin und Juristin Juli Zeh und wurde 2010 am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt. Es ist seitdem an etlichen Theatern gespielt worden. Es behandelt ein hoch brisantes Thema und hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Deshalb passt es sehr gut ins Portfolio des Westfälischen Landestheaters. Wir haben uns im Bereich des Jugendtheaters bereits zuvor mit heiklen zeitgenössischen Themen wie Cybermobbing und Drogenmissbrauch beschäftigten. Wir sind überzeugt davon, dass diese Themen auf die Bühne gehören.

Was wollten Sie mit diesem Stück und in dieser Weise der Regieführung bezwecken?

In meiner Inszenierung setze ich sehr auf das Wort, auf den starken Text der Autorin, nicht auf eine Art von Fernsehrealismus und Bebilderung. Dadurch wird die nötige emotionale Distanz geschaffen, sich mit dem Thema Amoklauf differenziert und mit offenen Augen zu beschäftigen. So können wir für das Thema sensibilisieren und lenken die Aufmerksamkeit von Lehrern, Eltern, Mitschülern und Freunden auf Anzeichen und Auffälligkeiten, die darauf hindeuten können, dass ein Jugendlicher aus der Bahn geraten und gefährdet ist.

Meinen Sie nicht, dass Sie die Gefahr schüren, dass man als Jugendlicher sich vielleicht sehr stark mit dem Protagonisten Jens identifiziert?
Die Gespräche mit unseren jugendlichen Probenbesuchern und mit den Schülern, die die Premiere besucht haben, haben gezeigt, dass man sie mit dem Thema Amoklauf sehr gut konfrontieren kann.

Welche Erklärung bietet das Stück Jugendlichen in ihrer Suche nach ihrer eigenen Identität, nach Aufmerksamkeit und einem vor allem einer Pubertät anheim liegenden Geltungsbedürfnis?

Gerade Jugendliche in diesem Alter schätzen es sehr, wenn man ihnen keine vorgefertigten Lösungen anbietet. Sie wollen ernst genommen werden und sich eine eigene Meinung bilden. Dies kann nur gelingen, wenn wir über mögliche Gründe und Motive sprechen. Und nur wenn wir diese Gründe und Motive wenigstens zum Teil als nachvollziehbar darstellen.

Was empfehlen Sie Schulen oder Jugendgruppen in der Nachbearbeitung dieses Theaterbesuchs?

Selbstverständlich lassen wir die jungen Zuschauer mit der Rezeption des Stoffes nicht allein. Das sehe ich genau so wie Sie: Nach den Aufführungen wird es immer ein Nachgespräch mit dem Ensemble und der Regieassistentin und Dramaturgin geben. Auf Wunsch führen unsere Theaterpädagoginnen umfangreiche Vor- oder Nachbereitungen an den Schulen durch.

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