Die Castrop-Rauxeler Vierlinge von 2018 und was aus ihnen geworden ist

dzFamilienleben

Julian, Greta, Ida und Henri sind Vierlinge. Die Castrop-Rauxeler waren Frühchen, wie bundesweit 65.000 Kinder im Jahr. Beim Toben auf dem Spielplatz ist davon heute nichts mehr zu spüren.

von Markus Geling

Castrop-Rauxel

, 17.11.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Greta, Julian, Ida und Henri tollen vergnügt um das große Holzschiff herum, das auf dem Spielplatz vor der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln steht. Lucian Solomon (49) versucht, seine zwei Jahre alten Vierlinge für ein Foto „einzufangen“, läuft ihnen lachend hinterher. „Sie sind gesund und topfit – und das zeigen sie auch“, sagt der Castrop-Rauxeler. „Wenn andere Eltern unsere Kinder erleben“, erzählt Lucians Frau Olga (40), „können sie nie glauben, dass das ,Frühchen‘ sind.“

Mehrlingsgeburten mit vier oder mehr Kindern gab es 2018 ganze sechs in ganz Deutschland. Rund 65.000 Kinder hingegen kommen in Deutschland Jahr für Jahr zu früh auf die Welt, also mehr als drei Wochen vor dem eigentlichen Geburtstermin. „Das sind gut acht Prozent“, sagt Prof. Dr. med. Claudia Roll vom Perinatalzentrum Datteln. Dort ist man spezialisiert ist auf die Versorgung von Frühgeborenen.

Die Dattelner Chefärztin Prof. Dr. Claudia Roll

Die Dattelner Chefärztin Prof. Dr. Claudia Roll © Markus Geling

Je früher ein Kind geboren wird, desto größer sind die Risiken für sein gesundes Überleben. „Frühgeborene haben aber viel bessere Chancen und Prognosen, als der Laie denkt“, sagt Claudia Roll. Was für die Eltern zunächst ein Schock sei, „ist für uns im Perinatalzentrum in der Regel Normalität, Routine“.

Die Chefärztin der Neonatologie und Intensivmedizin der Vestischen Kinder- und Jugendklinik ist darum auch nicht überrascht, dass sich Greta, Julian, Ida und Henri „super und völlig normal entwickeln“. So umschreibt es deren Kinderärztin Dr. Johanna Hildebrandt.

Sie kamen in der 32. Woche

Am 27. Juni 2018 kamen die vier Geschwister zu Beginn der 32. Schwangerschaftswoche im Dattelner St.-Vincenz-Krankenhaus per Kaiserschnitt zur Welt. „Für Vierlinge ist das sogar erfreulich spät“, sagt Claudia Roll. Denn ab einem bestimmten Gesamtgewicht im Mutterleib werde die Geburt unwillkürlich ausgelöst – und das erreichten Mehrlinge natürlich viel schneller.

Greta ist bei der Geburt das leichteste der vier Kinder, wiegt zunächst nur 1280 Gramm. „Aber selbst sie ist für uns jetzt nicht extrem klein gewesen“, so Roll rückblickend. Eine Mutter hat da eine andere Wahrnehmung: „Ich habe mich anfangs gar nicht richtig an die Kinder ‚rangetraut“, erinnert sich Olga Solomon.

Die fünf Kinder der Solomons stehen allesamt mit beiden Beinen im Leben. Die vier Jüngsten hatten es dabei nicht immer leicht, denn sie kamen als Vierlinge und zu früh zur Welt.

Die fünf Kinder der Solomons stehen allesamt mit beiden Beinen im Leben. Die vier Jüngsten hatten es dabei nicht immer leicht, denn sie kamen als Vierlinge und zu früh zur Welt. © Hannah Iserloh

Die Ärzte Dr. med. Ralf Schulze (Chefarzt der Abteilung Geburtshilfe am St. Vincenz Krankenhaus) und Prof. Dr. med. Claudia Roll (Chefärztin der Neonatologie und pädiatrischen Intensivmedizin der Vestischen Kinder- und Jugendklinik) mit der Mehrlingsfamilie im Jahr 2018, kurz nach der Geburt der Vierlinge.

Die Ärzte Dr. med. Ralf Schulze (Chefarzt der Abteilung Geburtshilfe am St. Vincenz Krankenhaus) und Prof. Dr. med. Claudia Roll (Chefärztin der Neonatologie und pädiatrischen Intensivmedizin der Vestischen Kinder- und Jugendklinik) mit der Mehrlingsfamilie im Jahr 2018, kurz nach der Geburt der Vierlinge. © Andreas Kalthoff

Überhaupt ist die erste Zeit schwierig. „Schlimm fand ich vor allem, ohne Kind im Arm nach Hause gehen zu müssen“, sagt Olga Solomon. Die 40-Jährige fühlt sich in dieser Phase „zerrissen“. Einerseits versucht sie, möglichst viel Zeit im Perinatalzentrum zu verbringen. Dort kommen ihre Vierlinge zunächst in den Inkubator, einen Brutkasten. Sie lernen, selbstständig zu atmen, zu trinken und Wärme zu produzieren. Was so einfach klingt, ist für sie sehr anstrengend. Andererseits will die Mutter aber auch für ihre älteste Tochter Johanna da sein, die zu Hause auf sie wartet. Sie ist heute vier Jahre alt.

Zur Sache

Das Perinatalzentrum Datteln

  • Perinatalzentrum bedeutet: Geburtshilfe sowie Neu- und Frühgeborenen-Intensivmedizin arbeiten Hand in Hand unter einem Dach.
  • Das Perinatalzentrum Datteln besteht aus der Geburtshilfe am St. Vincenz-Krankenhaus (Leitung: Chefarzt Dr. Ralf Schulze) und der Abteilung Neonatologie und Intensivmedizin der Vestischen Kinder- und Jugendklinik (Leitung: Chefärztin Prof. Claudia Roll).
  • Die Geburten finden im Vincenz statt. Tür an Tür mit dem Kreißsaal befindet sich die Neu- und Frühgeborenen-Intensivstation der Kinderklinik, „sodass die Kinder sofort versorgt werden können und die ganze Zeit in der Nähe ihrer Eltern sind“, so Klinik-Sprecherin Hannah Iserloh.
  • Die Neu- und Frühgeborenen-Intensivstation „Känguru“ sei eine Art Satellit der Vestischen Kinder- und Jugendklinik im St. Vincenz, so Iserloh. Aber auch in der Kinderklinik gibt es eine Früh- und Neugeborenen- sowie Intensivstation „Delfin“ mit Mutter-Kind-Zimmern und Elternappartements.
  • Im Dattelner Perinatalzentrum, das nach Angaben des staatlichen Vergleichsportals perinatalzentren.org zu den leistungsstärksten Deutschlands gehört, kommen jedes Jahr mehr als 2000 Kinder zur Welt. Unter ihnen sind 85 sehr kleine Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm.

Am 3. August 2018 dürfen Julian, Ida und Greta nach Hause. Sie haben täglich Fortschritte gemacht. Aber noch immer ist nicht alles gut. Henri muss noch zehn Tage länger in der Klinik bleiben. „Ihn wollten wir noch etwas beobachten. Man musste ihn manchmal anstupsen und ans Atmen erinnern“, sagt Claudia Roll.

Das meint man gar nicht, wenn man ihn heute mit den drei anderen auf dem Spielplatz toben sieht. Greta, die ehemals Kleinste, „hat einen großen Sprung gemacht. Sie ist sehr willensstark und robust“, sagt Mutter Olga.

Es gilt als wichtig, dass zwischen Kindern und Eltern früh eine Bindung entsteht. Bei Frühchen im Krankenhaus ist das manchmal schwierig, weil der Kontakt nicht ganz so eng sein kann. „Außerdem müssen die Mütter ihre Kinder zunächst Fremden anvertrauen, was ihnen natürlich sehr schwerfällt“, beobachtet Roll. „Sie können sich oft am Anfang gar nicht vorstellen, dass dieses winzige Wesen ihr eigenes Kind ist. Das Zusammenwachsen als Familie ist ein Prozess, und zwar ein ganz wichtiger.“

Deshalb ist sie froh, dass mithilfe des Fördervereins Frühstarter Familienappartements im Dattelner Perinatalzentrum eingerichtet werden konnten. Sie ermöglichen mehr Nähe.

„Ich möchte es nicht anders haben“

„Die Vier machen schon viel Arbeit“, sagt der Papa Lucian Solomon. „Aber ich finde es super mit ihnen und möchte es nicht anders haben.“ Ohne die Großeltern Nadja und Leonid Propp sowie eine Familienhilfe „hätten wir das aber alles nicht geschafft“, sagt seine Frau. Claudia Roll nickt und sagt: „Mit einem Kind sind Eltern schon gut beschäftigt. Zwei Kinder bringen das Gefüge richtig durcheinander. Aber vier...“

Lesen Sie jetzt