Demenz in Corona-Zeiten – alles ist anders, aber man weiß nicht warum

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Für Menschen mit Demenz ist es besonders problematisch, dass der Alltag aktuell ein anderer ist. Sie brauchen Routinen und bekannte Gesichter. Beides fehlt und sie verstehen nicht, warum.

Castrop-Rauxel

, 15.04.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Stellen Sie sich vor, um sie herum ist alles anders. Plötzlich ist ihr Alltag ein anderer. Ihre Verwandten kommen Sie von heute auf morgen nicht mehr besuchen. So geht es uns gerade allen, sagen Sie?

Jetzt stellen Sie sich vor, Sie wüssten nicht, warum das so ist. Wenn es Ihnen jemand erklärt, dann fragen Sie sich ein paar Stunden später wieder, warum nichts mehr ist wie gewohnt.

So geht es Menschen mit Demenz. Sie verstehen nicht, dass das Coronavirus, dafür verantwortlich ist, dass ihr Leben aktuell ein anderes ist – oder nur eingeschränkt, je nachdem, wie fortgeschritten die Demenz ist.

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„Es ist gerade eine ziemlich schwierige Zeit“, sagt Susanna Saxl von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. „Demenzerkrankte haben ein gutes Gespür für die Stimmung in ihrem Umfeld“, sagt Saxl. „Sie nehmen die Verunsicherung bei ihren Mitmenschen wahr und bekommen auch die Nachrichten mit.“

Teilweise verstünden die Menschen mit Demenz aber gar nicht, warum Familienmitglieder sie bei Besuchen im Pflegeheim nicht mehr in dem Arm nehmen dürften, sagt Saxl. In NRW gilt ein generelles Besuchsverbot für Pflegeheime. Angehörige dürfen ihre an Demenz erkrankten Verwandten nicht besuchen.

Kontakt zu bekannten Menschen ist wichtig

„Was sich in den Pflegeheimen abspielt, ist eine Tragödie“, sagt daher Martina Rosenberger. Sie ist Inhaberin des Pflegenetzes Martina Rosenberger in Castrop-Rauxel, das auch auf die Betreuung an Demenz erkrankter Menschen spezialisiert ist.

Die Menschen würden ohne Besucher auf ihren Zimmern hocken, sagt sie. Dabei sei gerade für Menschen mit Demenz der Kontakt zu bekannten Menschen wichtig.

Martina Rosenberger macht sich wegen des Coronavirus sorgen um an Demenz erkrankte Menschen.

Martina Rosenberger macht sich wegen des Coronavirus sorgen um an Demenz erkrankte Menschen. © privat

Das sieht auch Susanna Saxl so: „Es müssen Wege gefunden werden, dass Besuche in Pflegeheimen schnell wieder möglich sind. Die Corona-Krise erzeugt jetzt schon Kollateralschäden. Es sollen nicht noch mehr werden.“

Dabei seien die Pflegekräfte bemüht und würden versuchen Kontakt per Telefon oder Skype herzustellen. „Sie geraten aber auch an ihre Grenzen“, sagt Saxl. Der Mangel an Pflegekräften dokumentiere sich gerade besonders. „Unser System funktioniert größtenteils nur dadurch, dass Angehörige mithelfen.“

„Die Situation jetzt ist noch viel belastender“

Etwa, indem sie beim Essen anreichen helfen oder für Ablenkung sorgen. „Es gibt Fälle, in denen eine Magensonde gelegt wird, weil die Pflegekräfte einfach nicht genug Zeit haben, die Menschen zu versorgen“, sagt Saxl. „Wir hoffen, dass es jetzt nicht verstärkt zu solchen Maßnahmen kommt.“

Auch für Menschen, die ihre Angehörigen zu Hause betreuen, ist die Situation schwierig. „Mit jemandem, der an Demenz erkrankt ist, zusammen zu wohnen, ist ohnehin schon herausfordernd. Diese Situation jetzt 24 Stunden am Tag zu haben, ist natürlich noch viel belastender“, sagt Saxl.

Die Angehörigen sind aber mehr oder weniger auf sich allein gestellt, da die Tagespflegen fast alle geschlossen sind.

Auch Martina Rosenberger musste ihre Tagespflege nach einer Anordnung der Behörden schließen. Für sie ist die Situation auch wirtschaftlich schwierig. Viele Aufträge brechen weg, weil viele Menschen nicht mehr arbeiten gehen und ihre Angehörigen zu Hause betreuen.

Demenzerkrankte bauen ab

Von einigen habe sie aber auch gehört, dass ihnen nun Entlastung fehle und dass sie merkten, dass die Demenzerkrankten abbauen würden, so Rosenberger. „Die Gymnastik, die Gespräche, das Singen fehlen.“

Hausbesuche machen ihre Mitarbeiter trotzdem noch. Sie gehen dann aber mit Schutzmasken in die Wohnungen. „Für Demenzkranke ist das ganz schwierig, weil sie dann die Mimik des Gegenübers nicht mehr erkennen können“, erklärt Rosenberger. Und auch außerhalb der vier Wände kann es zu schwierigen Situationen kommen.

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Viele Demenzerkrankte hätten einen gesteigerten Bewegungsdrang, sagt die Pflegedienst-Chefin. „Zudem gehen sie auf Fremde zu und stoßen bei diesen aktuell natürlich eher auf Ablehnung“. Viele würden das als schlimme Zurückweisung auffassen. „Sie verstehen ja nicht, warum die Menschen so reagieren“, sagt Martina Rosenberger.

„Demente einzuschließen, ist keine Lösung“

Trotzdem sollten Angehörige gemeinsam mit ihren Verwandten weiter nach draußen gehen, findet die 52-Jährige. Dann seien aber Zeiten ratsam, zu denen weniger Menschen auf den Straßen unterwegs seien.

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„Demente einzuschließen, ist keine Lösung“, sagt auch Saxl. Das führe dazu, dass Menschen Ängste entwickeln, nach einem Ausweg suchten und sich schlimmstenfalls dabei verletzen könnten. Routinen und Ablenkung seien deshalb zu Hause ganz wichtig.

„Kein Mensch mag Langeweile“, weiß auch Rosenberger. „Angehörige sollten ihre Verwandten in den Alltag einbinden, indem sie etwa beim Essen kochen und Spülen helfen oder den Müll herausbringen.“ Auch Sportübungen oder Spiele seien gut.

Saxl fordert Zuschuss für pflegende Angehörige

Saxl rät Angehörigen, ehrenamtliche Hilfen wie Unterstützung beim Einkauf oder telefonische Betreuung anzunehmen. Das könne Angehörige entlasten. „Angehörige haben ähnliche Probleme wie Eltern mit Kindern, die nicht in die Schule gehen“, sagt Saxl. Für sie gebe es allerdings keine Unterstützung.

„Unser Wunsch wäre deshalb ein Zuschuss für diejenigen, die aktuell nicht arbeiten können, weil sie zu Hause jemanden pflegen müssen“, sagt Saxl. „Gelder die gerade nicht genutzt werden, weil etwa die Tagespflege ausfällt, könnten dafür eingesetzt werden. Das würde Berufstätigen enorm helfen.“

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Alzheimer-Telefon

Angehörige, Betroffene und Interessierte können für Fragen und Beratungsgespräche das Alzheimer-Telefon der deutschen Alzheimer Gesellschaft anrufen. Montags bis donnerstags von 9 bis 18 Uhr und freitags von 9 bis 15 Uhr sind die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erreichbar unter Tel. (030) 259 37 95 14.
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