Castrop-Rauxeler Klima-Aktivistin: Nicht zu schweigen ist nicht radikal

dzKlimaaktivistin im Interview

Aktivisten von „Ende Gelände“ haben im Februar das Kraftwerk Datteln 4 blockiert. Eine Castrop-Rauxeler Klima-Aktivistin erzählt, warum sie im Kampf gegen Kohle auch Festnahmen in Kauf nimmt.

Castrop-Rauxel

, 17.05.2020, 15:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Graue Dampfschwaden steigen aus dem Schornstein des Kraftwerks Datteln 4 und vermischen sich mit den Wolken. Das Kraftwerk läuft aktuell im Testbetrieb. Im Sommer soll es regulär Strom ins Netz einspeisen. Klima-Aktivisten wollen das verhindern. Im Februar besetzten Aktivisten des Anti-Kohle-Bündnisses „Ende Gelände“ zweimal das Kraftwerk.

Aktivisten stehen im Februar vor dem Steinkohlekraftwerk Datteln 4 mit einem Transparent. Andere sind auf das Gelände eingedrungen und haben einen Förderbagger besetzt.

Aktivisten stehen im Februar vor dem Steinkohlekraftwerk Datteln 4 mit einem Transparent. Andere sind auf das Gelände eingedrungen und haben einen Förderbagger besetzt. © dpa

Am Ufer des Dortmund-Ems-Kanals gegenüber dem Kraftwerksblock von Datteln 4 hat Lukas Wittland eine Aktivistin des Bündnisses zum Interview getroffen. Sie kommt gebürtig aus Castrop-Rauxel und nennt sich selbst Britta, will ihren richtigen Namen aber nicht veröffentlicht wissen. Wegen ihrer Aktionen wird gegen die Aktivisten von „Ende Gelände“ immer wieder Strafanzeige erstattet. Bei den Blockaden im Februar war sie selbst nach eigenen Angaben nicht dabei, hat aber schon an Aktionen in der Lausitz und im Rheinland teilgenommen.

Im Interview erzählt die Mittzwanzigerin, warum sie Strafverfolgung im Kampf gegen Kohle in Kauf nimmt, was sie sich von der Corona-Krise erhofft und warum Datteln 4 nicht ans Netz gehen darf.

Im Februar haben sich Aktivisten von „Ende Gelände“ Zutritt zum Gelände des Steinkohlekraftwerks Datteln 4 verschafft und haben Kräne und Förderbänder blockiert. Würden Sie sagen, der Protest von Ende Gelände ist radikal?

Viele bezeichnen unseren Protest als radikal. Aber als Klimaktivistinnen und -aktivisten sind wir uns sicher, dass er im Angesicht der unzulänglichen Klimapolitik der Regierung legitim ist. Dass wir nicht schweigen, wenn der Umstieg auf erneuerbare Energien verschleppt wird und die Erderwärmung weiter angetrieben wird, finde ich nicht radikal.



Warum ist gerade dieses Kraftwerk so ein Streitpunkt?

An Datteln 4 zeigt sich, wie absurd die deutsche Klimapolitik ist. Der Kohleausstieg ist beschlossene Sache und trotzdem soll im Jahr 2020 noch ein neues Steinkohlekraftwerk ans Netz gehen – entgegen der Empfehlung der Kohle-Kommission. Das widerspricht jeder Logik. Für eine klimagerechte Welt brauchen wir einen sofortigen Kohleausstieg. Die Politik verzögert ihn immer weiter. Deswegen kämpfen wir als „Ende Gelände“ dafür, dass Datteln 4 nicht ans Netz geht.

Sie sind in Castrop-Rauxel aufgewachsen. Hat der Protest für Sie auch eine persönliche Komponente?

Ja, ich bin im Ruhrgebiet verwurzelt und in der Kinderklinik geboren, die gerade mal einen Kilometer vom Kraftwerk entfernt liegt. Die nächsten Wohnsiedlungen sind sogar noch näher dran. Ich finde es absurd, dass die Politik Abstandsregeln für Windräder diskutiert und es gleichzeitig okay ist, dass ein so stark luftverschmutzendes Kraftwerk wie Datteln 4 in der Nähe einer Kinderklinik steht.

Bei Aktionen wie im Februar ist auch die Polizei nicht weit. Wenn Sie an Aktionen von Ende Gelände teilnehmen, nehmen Sie in Kauf, festgenommen zu werden. Warum tun Sie das?

Wenn ich sehe, wie hierzulande der politische Wille fehlt, auf erneuerbare Energien umzustellen, halte ich es für extrem wichtig, dagegen zu protestieren. Datteln 4 ist kein Beitrag zum Klimaschutz, wie Ministerpräsident Armin Laschet so gerne beteuert.

Zudem kommt die Kohle auf langen Transportwegen aus Kolumbien und Russland nach Deutschland. Die Menschen dort sind erheblichen Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzungen ausgesetzt. Wenn ich daran denke, lasse ich mich nicht von meinen persönlichen Unsicherheiten einschüchtern.

Schon vor der Corona-Krise waren die Masken ein Symbol der Aktivisten von "Ende Gelände". Außerdem dient sie dazu, dass die gebürtige Castrop-Rauxelerin nicht erkannt wird.

Schon vor der Corona-Krise waren die Masken ein Symbol der Aktivisten von "Ende Gelände". Außerdem dient sie dazu, dass die gebürtige Castrop-Rauxelerin nicht erkannt wird. © Lukas Wittland

Ein Argument für das Kraftwerk ist, dass es modern ist und dafür alte abgeschafft werden.

Genau das ist das Problem. Die alten Kraftwerke sind lange nicht so effizient wie dieses neue Kraftwerk. Sie haben zwar auf dem Papier die gleichen Kapazitäten, aber längst nicht mehr die gleiche Auslastung. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hat ermittelt, dass Datteln 4 deshalb für Mehr-Emissionen von 40 Millionen Tonnen sorgen wird.

Die Bundesregierung wird wegen der Corona-Krise wahrscheinlich ihre Klimaziele einhalten können. Hat das Virus den Klima-Aktivisten in die Karten gespielt?

Das würde ich ganz klar verneinen. Wir sehen zwar gerade, dass kurzfristig die CO2-Emissionen deutlich sinken, aber das ist nicht nachhaltig. Eine Weltwirtschaftskrise kann keine Lösung für die Klimakrise darstellen. Wir brauchen eine planbare und nachhaltige Klimaschutzpolitik und einen schnellen Kohleausstieg. Wir sehen in der Corona-Krise ja gerade, dass die Politiker und Politikerinnen konsequent, schnell und entschlossen handeln können.

Das Coronavirus macht auch Protest schwieriger. Wie versuchen Aktivisten von Ende Gelände sich trotzdem Gehör zu verschaffen?

Wir stellen uns normalerweise mit unseren Körpern der Zerstörung, den Kohlebaggern, dem Kraftwerk in den Weg. Das geht aktuell natürlich nicht. 2019 war ein extrem erfolgreiches Jahr für die Klimagerechtigkeitsbewegung. Die Corona-Krise hat leider auch unserem Protest die Dynamik entzogen.

Gleichzeitig werden Grundrechte massiv beschnitten und Versammlungen unterbunden. Das ist eine Herausforderung für uns und bedeutet: Wir müssen kreativer sein. Aktuell verlegt sich vieles ins Internet. Wir rufen Social-Media-Aktionen und Online-Demonstrationen ins Leben.

Aktivisten von "Ende Gelände" laufen im Sommer 2019 in Richtung Tagebau Garzweiler im Rheinland. Massenaktionen wie diese sind charakteristisch für das Anti-Kohle-Bündnis.

Aktivisten von "Ende Gelände" laufen im Sommer 2019 in Richtung Tagebau Garzweiler im Rheinland. Massenaktionen wie diese sind charakteristisch für das Anti-Kohle-Bündnis. © picture alliance/dpa

Lässt sich aus der aktuellen Situation auch etwas Positives für die Bewältigung der Klimakrise ziehen?

Ich erhoffe mir von der Corona-Krise einen Wertewandel, der letztendlich auch zu einem Systemwandel führt und dass die Menschen merken, dass es auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen kein unendliches Wachstum geben kann.

Also ist der Protest von „Ende Gelände“ auch eine Kapitalismus-Kritik?

Ja, natürlich. Der Kapitalismus schafft nicht das gute Leben für alle. Der Markt regelt nicht alles von alleine, wie viele Lobbyisten und Politiker und Politikerinnen uns einbläuen wollen. Das ist genau das, was wir jetzt gerade merken.

Glauben Sie denn, dass die Menschen gerade lernen, sich einzuschränken?

Natürlich würde ich mir wünschen, dass alle Menschen für sich umdenken und versuchen, nachhaltiger zu leben. Das wäre schon mal ein großer Schritt in Richtung einer klimafreundlichen Welt. Es kann aber nicht nur darum gehen, worauf ich als einzelner Mensch verzichte. Die Politik muss verbindliche Regeln setzen, um die Wirtschaft zu regulieren.

Wie wichtig sind Symbole wie Datteln 4 für den Protest der Klimabewegung?

Sehr wichtig, denn es hilft, die Bedrohung zu verdeutlichen. Auf dem Gelände des Kraftwerks geschieht die Ungerechtigkeit, dort wollen wir sie aufhalten. Für die Luftverschmutzung, für die Absurdität der deutschen Klimapolitik und für ausbeuterische Verhältnisse in anderen Ländern ist Datteln 4 ein Symbol.

Die Aktivisten von Ende Gelände

  • „Ende Gelände“ ist ein Anti-Kohle-Bündnis, das mit Aktionen zivilen Ungehorsams für einen sofortigen Kohleausstieg und eine effizientere Klimaschutzpolitik kämpft.
  • Das Bündnis setzt sich aus Personen von verschiedenen Umweltgruppen und politischen Gruppierungen zusammen.
  • Mit Massenaktionen in Tagebauen und Kraftwerken versucht das Bündnis, Aufmerksamkeit auf seine Forderungen zu lenken. Markenzeichen der Aktivisten sind Maleranzüge in verschiedenen Farben.
  • Zuletzt hat „Ende Gelände“ im Februar die mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen, bei Blockaden im Kraftwerk Datteln 4.
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Per Eilentscheid hat das Gericht zwei Theologen die Teilnahme an einem Protest rund um Datteln 4 gestattet. Sie hatten zuvor nur in Unterhose eine Nacht in der Zelle verbringen müssen.

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