Das vergessene Goldene Buch

CASTROP-RAUXEL Die Stadt hielt über 50 Jahre ein viertes Goldenes Buch zurück, das aus der Zeit des Nationalsozialismus stammt. Stadtarchivar Thomas Jasper öffnete die vergessenen Seiten mit Einträgen zahlreicher NS-Funktionäre.

von Von Christoph Witte

, 15.07.2008, 15:23 Uhr / Lesedauer: 2 min

RN-Leserin Marianne Scheer erinnerte sich an einen Zeitungsartikel vom 2. Oktober 1957. Die Ruhr Nachrichten schrieben damals über das „vergessene“ Goldene Buch aus dem Jahr 1934. Über ein Buch, das nur neun Jahre lang Einträge entgegennahm.

„Ich klebte den Artikel während meiner Schulzeit in meine Heimatkunde-Mappe. Später habe ich auf dem Dachboden damit eine Bücherkiste abgedeckt“, erzählt Marianne Scheer. Mit ihrer Erinnerung öffnete sie den Weg zu einem Buch, das jahrelang niemand mehr in den Händen gehalten hatte.

Buch wurde bewusst zurückgehalten

Historiker Thomas Jasper vom Stadtarchiv war sichtlich verlegen, als er auf das Goldene Buch aus der NS-Zeit angesprochen wurde. Man habe es jüngst beim Pressetermin bewusst zurückgehalten, aber nicht um etwas unter den Tisch zu kehren: „Wir sind alles andere als Geschichtsglätter, sondern achten sehr darauf, dass wir auch zu diesen zwölf Jahren stehen.“

Stadtarchivar: "Vielleicht im Nachhinein falsch"

Man habe vielmehr gedacht, es passe nicht in die Reihe der anderen drei Bücher. „Wir wollten das Thema einfach entproblematisieren, vielleicht war das im Nachhinein falsch“, entschuldigt sich Jasper und gewährt einen umso ausführlicheren Einblick in das wirklich erste Goldene Buch der Stadt.

NSDAP-Bürgermeister legte das erste Goldene Buch an

Angelegt wurde es im dicken Schweinsleder-Einband von dem damaligen NSDAP-Oberbürgermeister Dr. Richard Anton zur 1100-Jahr-Feier der Stadt Castrop-Rauxel. Bis 1943 finden sich vor allem Einträge von NS-Honoratioren und Soldaten: Gauführer, SS-Truppenführer, NSDAP-Kreisleiter, Zellenobmann, Vertreter des Germanischen Bundes in den USA, aber auch einfache Soldaten.

Der bekannteste Unterzeichner war Reichsjugendführer Baldur von Schirach, der am 27. Februar 1938 das Hitler-Jugend-Heim einweihte. In dem Gebäude, wo sich heute das Jugendzentrum BoGi‘s befindet. Seine Unterschrift: kräftig, groß, selbstbewusst.

Weitere namhafte Unterschriften stammen von Franz Hillebrand, die Pianistin Elly Ney oder der damalige Regierungspräsident von Arnsberg, Max von Stuckhausen.

Eintrag des Bischofs: „Unserem Führer Heil, unserem Volke Sieg, unserer Kirche Einigkeit“

Der erste offensiv nationalsozialistisch gefärbte Vermerk entstammte 1935 aber der Feder eines Geistlichen. Bruno Adler, evangelischer Bischof von Westfalen, schrieb: „Unserem Führer Heil, unserem Volke Sieg, unserer Kirche Einigkeit.“

Mit Kriegsausbruch 1939 wurden die Unterschriften weniger. Zuletzt verewigten sich 1943 ein Unterfeldwebel und ein Unteroffizier eines Luftregiments. Ohne Pathos. Ganz schlicht mit dünner Tinte.

Thomas Jasper hat Verständnis dafür, dass 1958 ein neues Buch aufgelegt wurde, obwohl noch viele Seiten in dem alten Band frei waren: „1945 war eine brutale Zäsur, da hätte ich auch nicht anders gehandelt.“

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