Musiklehrer sauer: Corona-Regeln verbieten Unterricht - mit einer Ausnahme

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Corona legt das Leben lahm - und auch die Musikschulen leiden darunter. Die Hilfe vom Staat kommt bei den Künstlern nicht an. Darum müssen jetzt kreative Lösungsansätze her.

Castrop-Rauxel

, 27.04.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Oliver Settele ist sauer. Der Schulleiter der „Musikschule Altes Rathaus“ hatte für den 6. Juni ein großes Fest organisiert, denn da feiert die Schule ihr zehnjähriges Bestehen. Aber das fällt nun ins Wasser - wegen des Coronavirus.

Settele hat einiges an Arbeit in seine Musikschule gesteckt. Die 200 Quadratmeter der Schule hat er coronagerecht umorganisiert, so dass in der Theorie fünf Schüler mit jeweils fünf Lehrern hier Gitarre, Klavier oder Klarinette üben könnten. Natürlich mit dem Mindestabstand von 1,5 Metern.

Lockerungsentscheidungen zu spät

„Jeder Lehrer hätte mit seinem Schüler 25 Quadratmeter Platz, wir würden nur mit Einzelunterricht starten. Wir können den Unterricht sehr gut so gestalten, dass die Kontaktsperre aufrechterhalten würde“, so Settele. Er habe Unmengen an Desinfektionsmittel, jeder Übungsraum habe einen Warteraum mit nur einem Stuhl. Alles sei bereit - doch die Erlaubnis fehlt.

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„Ich habe gehört, dass die Landesregierung erst am 6. Mai eine Lockerungsentscheidung treffen möchte - das ist viel zu spät“, beschwert sich Settele. „Und jetzt, da die Kirchen öffnen dürfen, bekomme ich echt einen Hals. Bei uns ist das Ansteckungsrisiko viel geringer, wir können viel besser Abstand halten als das etwa in der Kirche der Fall ist. Wenn man die Dinge lockert, die nicht systemrelevant sind, sollte das gerecht passieren.“

Große finanzielle Verluste

Das Problem der Musikschule sei, dass nach den Osterferien immer einige Schüler die Schule verließen, doch kurz darauf käme eine neue Anmeldewelle - normalerweise. Die bleibt nun aus.

Hinzu kämen Ersatzansprüche für die ausgefallenen Musikstunden. „Wir werde nicht weiter bezahlt. Der Unterricht findet nicht statt, wir müssen erhebliche Verluste einstecken.“

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Jede Woche, die die Musikschulen länger geschlossen blieben, würden es weiter erschweren, die finanziellen Verluste aufzufangen. Die Soforthilfe für Künstler vom Bund, so Settele, sei zudem nur ein Tropfen auf einen heißen Stein: „Ich kenne niemanden, der den Zuschlag bekommen hat, mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun. Es muss für jeden gleichermaßen zugänglich sein.“

Musikunterricht per Videochat

Um die finanziellen Einbußen etwas abzumildern, haben sich die Castrop-Rauxeler Musiklehrer daher etwas ausgedacht: Musikunterricht per Videochat. Zwar sei dies nichts für den Gruppenunterricht oder für kleine Kinder und blutige Anfänger, doch es ist eine Möglichkeit, den Unterricht wenigstens teilweise weiterzuführen.

„Nicht jeder hat hierfür die technischen Voraussetzungen“, gibt Settele zu.

Zudem sei der Unterricht langsamer - aber eben möglich. „Mann muss einfacher genau zeigen, was man da macht, und sich vielleicht etwas verrenken, damit der Schüler das sieht. Aber es geht alles ganz wunderbar berührungslos - was aber auch real möglich wäre“, betont Settele noch einmal.

Möglichkeit für Fortgeschrittene

Klangqualität sei ein kleiner Nachteil, und auch Schlagzeug lasse sich etwa schlecht per Videochat unterrichten. Aber für fortgeschrittene Musiker sei dies definitiv eine Alternative. Dass der Unterricht bald wieder in den Räumen stattfinden kann, hält Settele trotz allem für überlebenswichtig.

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Der Vorsitzende des Bundesverbandes der Freien Musikschulen, Mario Müller, hatte hierzu in einer Stellungnahme gesagt: „Musikunterricht ist existentiell wichtig – als Broterwerb für die Lehrer, aber auch als zuversichtliche und mutmachende Kraft für die Schüler.“ Die vorhanden Hilfsprogramme würden nicht genügen, um weitere Monate zu überbrücken, weswegen Wege gefunden werden müssten, den Unterrichtsbetrieb unter Wahrung des Infektionsschutzes wieder aufzunehmen, so Müller.

Arnfried Rosenkranz bietet seinen Schülern Unterricht via Skype an.

Arnfried Rosenkranz bietet seinen Schülern Unterricht via Skype an. © Arnfried Rosenkranz

„Wie geht es weiter?“

Das sieht auch auch Musiklehrer Arnfried Rosenkranz so - und hat sich die Idee von Video-Unterricht zu Nutzen gemacht. „Ich stecke noch in keiner existentiellen Krise, aber ich frage mich, wie es in Zukunft weiter geht“, so der Betreiber der Musikschule Oktavo. Daher würde er nun einige seiner Schüler per Skype unterrichten - auf Probe.

„Ich hab mir vor Augen gehalten, dass ich keine Einnahmen mehr haben werde, wenn ich alles absage. Da kam ich auf die Idee, es mal mit Skype zu versuchen. Bevor ich das ins Rollen gebracht hatte, kamen schon die ersten und haben angefragt“, freut er sich. Die Testphase laufe gut, auch Dank seiner Schüler, die ihn in diesen schwierigen Zeiten nicht hängen ließen, so Rosenkranz.

Nicht den Mut verlieren

„Gitarre zu unterrichten ist dabei leichter als beispielsweise Klavier“, erklärt Rosenkranz. Doch er sieht auch die Vorteile des Video-Unterrichts. „Man kann einen Mitschnitt der Stunde machen, den man sich noch einmal anschauen kann, um den Unterricht Revue passieren zu lassen. Zudem kann ich die Stunde als Videonachricht zusammenfassen und meinen Schülern zuschicken, damit sie sich noch einmal vor Augen halten können, was wir gelernt haben.“

Rosenkranz versuche, den Mut nicht zu verlieren. „Aber trotzdem habe ich den Kaffee auf! Alle sprechen von Hilfen in Milliardenhöhe für die Künstler, aber da ist nichts gekommen.“ Sein Antrag wurde abgelehnt - mit der Begründung, der Fonds sei erschöpft. Daher sei er um so mehr erfreut darüber, dass seine Schüler zu ihm halten.

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