Der Arzt Anton Preissig kümmert sich im Palliativnetzwerk darum, Menschen in den Tod zu begleiten. Nun ist er in Pflegeheimen auch mit der Impfspritze gegen Sars-CoV-2 unterwegs. Mit ihm sprachen wir über seine ersten Einsätze im alten Jahr. © Tobias Weckenbrock
Coronavirus

Corona-Impfarzt Preissig: Wenn man das mitbekommt, denkt man anders darüber

Dr. Anton Preissig war der Arzt, der Silvester in Castrop-Rauxel die ersten Impf-Spritzen gegen das Coronavirus setzte. Mit ihm sprachen wir über Ablauf, Ängste, Skepsis und ob er sich selbst impft.

Das Wilhelm-Kauermann-Seniorenzentrum der AWO an der Bahnhofstraße in Castrop-Rauxel machte an Silvester Schlagzeilen: In der Einrichtung mit rund 200 Bewohnern und Beschäftigten wurde der erste Impfstoff gegen Sars-CoV2 verabreicht. Dr. Anton Preissig war der Arzt, der die Spritzen setzte. Uns erklärte er nun im Interview, wie der Meilenstein-Impftag für ihn war und was die Patienten zu ihm sagten.

Herr Preissig, Sie haben im AWO-Seniorenzentrum Wilhelm Kauermann in Castrop-Rauxel die erste Impfung gegen Sars-CoV2 verabreicht. Wie kam es dazu, dass Sie als Arzt aus Herne das getan haben?

Das liegt daran, dass wir mit dem Haus über das Palliativmetzwerk eine gute Zusammenarbeit haben. Die AWO hat mich gefragt, und ich habe zugesagt. Dass sie als erste Einrichtung in Castrop-Rauxel dran war, war nun aber für mich natürlich Zufall. Jedes Haus darf in der ersten Impfwelle einen Wunscharzt angeben.

Sie haben zugestimmt. Warum?

Ich bin da einfach aktiv. Auch in Herne haben mich mehrere Häuser angegeben. Ich habe in Herne schon in vier Pflegeeinrichtungen geimpft, und es kommen noch weitere drei in den nächsten Tagen.

Wie viele Menschen haben Sie nun in Castrop-Rauxel konkret geimpft?

Wir haben 165 Patienten und Mitarbeiter geimpft. Dementsprechend war der Impfstoff auch rationiert und geliefert worden. Die Impfung ist freiwillig, es wird niemand gezwungen. Aber der Anteil derer, die nicht wollten, war relativ gering. Die meisten Bewohner und Mitarbeiter haben das dankend angenommen. Es besteht ja weitgehend Einigkeit, dass das gemacht werden muss, um die Pandemie in den Griff zu bekommen.

Wie läuft so ein Impftermin konkret ab?

Der Impfstoff wurde um 8 Uhr tiefgekühlt angeliefert. Dann taut er auf, wir bereiten ihn zu, dann muss er schnell verwendet werden. Wir wollen niemanden zwingen, aber alle, die es wollen, sollen es so schnell wie möglich bekommen. Aber der Aufwand ist größer, als man glaubt: Wir haben in Castrop-Rauxel elf Stunden gearbeitet. Bürgermeister Kravanja meinte vor Ort, das sei ja recht schnell gemacht. Das stimmt aber nicht.

Wie stehen Sie persönlich zur Impfung mit dem neuen Impfstoff von Biontech und Pfizer?

Ich habe anfangs selbst gedacht, dass das gar nicht so wichtig ist. Aber als ich die ersten drei Menschen gesehen habe, die an Corona gestorben sind, wie sie gelitten haben, arbeite ich aktiv daran, die Leute zu einer Impfung zu überzeugen. Die Ängste vor den Langzeitwirkungen sind da, die kann ich den Patienten auch nicht nehmen. Aber ich glaube, dass das Handling allgemein bekannt und auch erforscht ist. Es ist ja auch nicht der erste Impfstoff, der erfunden wurde.

Die Skepsis verstehen Sie also schon. In meinem privaten Umfeld sprechen Ärzte hinter vorgehaltener Hand darüber, dass sie selbst sich den Impfstoff noch nicht verabreichen würden, weil man zu wenig darüber wisse. Und aus einem Krankenhaus in einer anderen Stadt habe ich auch Skepsis beim Fachpersonal gehört…

Ich sage Ihnen dazu: Ich war in einem Pflegeheim, in dem 50 Prozent der Bewohner Corona-positiv waren und 60 Prozent des Personals. Es war klar, dass auf einer Station mit 20 Leuten drei oder vier sterben werden. Wenn man das dann mitbekommt, denkt man anders darüber. Den Leuten, die erkranken, geht es richtig schlecht. Ich will nicht schwarzmalen, aber ich habe Leute vorher gesehen, von denen hätte ich mir gar nicht vorstellen können, wie mies es ihnen mit Covid-19 erging.

Dann mal Hand aufs Herz: Sind Sie selbst geimpft?

Ja, ich bin auch selbst geimpft. Im ersten Haus in Herne, wo ich den Impfstoff verabreicht habe, sind drei Patienten kurzfristig abgesprungen. Sie haben die Einwilligung zurückgenommen. Also waren Impfdosen übrig. Dann haben meine Arzthelferin und ich gesagt, dass wir es selbst auch machen.

Was sagen Sie denn zu der von mir angebrachten Impfskepsis unter medizinischem Fachpersonal? Es heißt auch, dass sich manche Pflegekräfte aus Kliniken nicht impfen lassen wollen, damit sie nicht die ersten sind, die auf Covid-19-Stationen im Vollstress arbeiten müssen…

Ganz ehrlich: Ich habe aus dem Evangelischen Krankenhaus in Herne schon die Anfrage bekommen, ob wir Impfstoff übrig haben. Denn die Pfleger auf den Intensivstationen haben keinen und sind nach dem allgemeinen Impfkonzept auch noch nicht dran. Ich habe zugesagt: Wenn in den Häusern Impfstoff übrig bleibt, weil einzelne Leute ausfallen, dann bin ich bereit, auch die Intensivpfleger jetzt schon zu impfen. Denn im Krankenhaus laufen die schlimmsten Szenen ab, nicht in Pflegeheimen.Und noch etwas anderes: Es ist eine herzliche, eine pflegereiche, eine gesellschaftlich wichtige und am Ende auch erfüllende Aufgabe, sich um Covid-19-Patienten zu kümmern.

In Castrop-Rauxel haben die Impfungen gegen das Coronavirus begonnen. Heike Klosa (Arzthelferin), Senta Preissig (Auszubildende), Marius Preissig (Praktikant), Dr. Anton Preissig (Arzt) und Mathias Müller (Einrichtungsleitung des Kauermann-Seniorenzentrums) freuen sich mit Bürgermeister Kravanja, dass es nun mit dem Impfen losgehen kann.
In Castrop-Rauxel haben die Impfungen gegen das Coronavirus begonnen. Von links nach rechts freuen sich Heike Klosa (Arzthelferin), Senta Preissig (Auszubildende), Marius Preissig (Praktikant), Dr. Anton Preissig (Arzt) und Mathias Müller (Einrichtungsleitung des Kauermann-Seniorenzentrums) mit Bürgermeister Rajko Kravanja, dass es nun mit dem Impfen losgehen kann. © Stadt Castrop-Rauxel © Stadt Castrop-Rauxel

Vielleicht sind die von mir angebrachten Skeptiker auch nur Ausnahmen. Erleben Sie selbst auch solche Leute?

Ich war am Anfang selbst jemand, der dachte, Covid-19 sei wie die Grippe mit dem Unterschied, dass sich für die Grippe-Toten niemand interessiert. Aber ich habe umgeschwenkt, nachdem ich den elendigen Tod an Covid-19 gesehen habe. Allein über zehn jetzt verstorbene Menschen kannte ich, die aufgrund ihres gesundheitlichen Zustandes vor der Corona-Infektion noch lange nicht hätten sterben müssen.

Wie sind denn die bisherigen Impfungen, die Sie vorgenommen haben, angekommen?

350 habe ich bislang durchgeführt, nächste Woche kommen noch mal 300 dazu. Ich habe bisher bei noch niemanden gesehen, der Nebenwirkungen hatte. Und das sind ja alles ältere Leute, 85, 95, 99 Jahre alt. Wir hatten bisher überhaupt keine Probleme.

Was sagen die Patienten zu Ihnen?

Das, was ich ganz häufig erlebe, ist die Angst, falsch geimpft zu werden. Man muss ja aus einem Impfstoff-Döschen, wie es angeliefert wird, fünf einzelne Impfspritzen aufziehen. Ein Fall aus ich glaube Sachsen-Anhalt hat medial die Runde gemacht, bei dem versehentlich die fünffache Ladung an einen Patienten verimpft wurde. Die Leute haben alle irgendwie Angst vor mir, ist mein Gefühl. Aber hinterher sagen sie alle: Das war gut, es war kein Problem, ich habe die Spritze gut vertragen.

Vielleicht im Frühjahr soll dann ja in Impfzentren die Allgemeinheit geimpft werden. Sind Sie dann als Arzt wieder dabei?

Ja, zumindest habe ich mich im Freiwilligennetzwerk der Kassenärztlichen Vereinigung registriert. Ich glaube, das ist eine ganz wichtige Aufgabe. Und die richtigen Aufgaben kommen ja noch auf uns zu: 60 bis 80 Prozent der Gepflegten leben zu Hause, nicht in Pflegeheimen. Sie können mit dem Impfstoff aber nicht von Haus zu Haus fahren. Er ist zu sensibel: Wenn Sie ihn einmal schütteln, ist er hinüber. Wir haben also locker noch ein halbes oder ein ganzes Jahr damit zu tun, es ist noch viel Arbeit.

Glauben Sie, wir können das Coronavirus so besiegen?

Es ist gut, dass wir intensiv daran weiter arbeiten. Wir müssen auch aushalten, dass 20 bis 30 Prozent der Menschen sich nicht impfen lassen, und erreichen trotzdem die Herdenimmunität. Danach darf man sich dann gerne auch wieder um hohen Blutdruck kümmern…

Wie meinen Sie das?

Naja, die Menschen kommen nicht mehr mit solchen Dingen meine Praxis. Ich habe einen Rückgang von 30, 40 Prozent dieser Patienten-Besuche. Diabetes und andere Krankheiten sind ja aber nicht weg, sie müssten eigentlich weiter therapiert werden.

Glauben Sie an eine Entspannung 2021 oder erst 2022?

Das wird sicher ein Thema sein, das auch 2022 noch da ist. Aber viel können wir 2021 davon abarbeiten. Nur frage ich mich auch: Was passiert mit Covid-20? Was mit Covid-21? Oder Influenza-25? Sie sehen ja in England, was passiert, wenn sich das Virus verändert. Und das wird es ja. Was machen wir dann? Wird es dann wieder Lockdowns geben? Oder haben Politiker so überhaupt den Mut, zu sagen: Wir machen die Kindergärten wieder auf?

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock

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