Inan Acar, Betriebsleiter im Haus Oestreich auf Schwerin und im Gleis 4 am Hauptbahnhof in Rauxel: Der gebürtige Schweriner (43) ist dankbar für die Corona-Hilfen und positiv gestimmt. © Tobias Weckenbrock
Coronavirus

Castrop-Rauxeler Wirt gegen den Mainstream: Corona-Hilfen retten uns

Viele Gastronomen klagen, der Lockdown sei ihr K.o., die Coronahilfe des Bundes sei kompliziert oder komme nicht. Ein Wirt aus Castrop-Rauxel sieht das anders: Sie habe seine zwei Läden gerettet.

Wer Inan Acar trifft, der hat kein Mitleid: Der 43-Jährige sieht zwar aus wie jemand, dem der Corona-Lockdown die Frisur etwas versaut hat. Doch er ist guter Laune. Der Vater eines einjährigen Jungen freut sich, dass sich unsere Redaktion für die beiden Gastro-Betriebe interessiert, die er als Betriebsleiter managt. Zwei echte Marken in Castrop-Rauxel, zwei Locations, die fehlen würden, wenn sie weg wären. Aber davon, sagt er, sind sie auch trotz des Coronavirus weit entfernt.

Wie macht das das Haus Oestreich auf Schwerin, eine alte Gaststätte mit Saal, Biergarten, Tresen und eigener Küche? Wie macht das das Gleis 4, eine Art Club am Hauptbahnhof, der normalerweise am Wochenende ab Mitternacht erst so richtig aufdreht? Inan Acar hat etwas mehr Zeit als normalerweise, weil die Läden quasi geschlossen sind. Er nimmt sie sich und packt aus.

„Nein, die Läden sind ja nicht zu“, korrigiert er uns direkt: „Wir haben im Haus Oe die Küche, machen Essen auf Bestellung zum Abholen und liefern auch aus“, sagt er. Und im Gleis 4 habe man ein Cocktail-Taxi etabliert, das sicherlich im Sommer erfolgreicher gewesen sei als jetzt, aber das das Lokal immerhin am Leben hält. „Wir haben gut zu tun“, sagt er. Er meint damit sich, den angestellten Betriebsleiter, und die Mitarbeiter in der Küche und im Ausschank, die alle zu tun hätten. Kurzarbeit sei aktuell kein Thema.

„Man muss die Buchhaltung machen, die Einkäufe, ich liefere mit aus, wir haben Flyer verteilt, renovieren hier auf Schwerin weiter …“: Er würde noch mehr auflisten, wenn wir ihn nicht gestoppt hätten. Einkäufe? „Ja, die sind aufwändiger geworden, denn wir schauen genau, wo wir sparen können“, sagt Inan Acar. Man kaufe nicht in großen Mengen beim Großhändler ein wie sonst – er schaut sich Prospekte der Discounter und Einzelhändler an und kauft im Angebot.

Derzeit gehen rund 60 Essen pro Woche raus

Auf 50 bis 60 Essensbestellungen pro Woche komme das Haus Oe, die uralte Kneipe auf Schwerin, heute. „Das ist noch nicht so viel im Moment. Wir haben das erst intensiv auf Facebook und Instagram beworben, auch mit Geld, aber da hatten wir 20 Essen pro Woche. Flyer sind viel effektiver, haben wir festgestellt.“ So habe man auf Schwerin, in Frohlinde, Merklinde und Castrop inzwischen rund 4000 Flugblätter in Briefkästen verteilt. Er ist überzeugt: Im Februar wird noch mehr bestellt.

Zwei Personen sind dafür mittwochs bis sonntags im Einsatz. Eine Köchin fest, eine Hilfskraft. Freitag und Samstag liefert der Betriebsleiter zum Teil selbst aus. Dafür hat er hochwertiges Warmhalte-Geschirr eingekauft. „Wir müssen direkt liefern, können auch keine Bestellungen zu einer Fahrt zusammenlegen – wir brauchen länger bei der Zubereitung, aber es muss schneller gehen als bei Pizzadiensten mit der Auslieferung“, sagt Acar und wirkt sehr zufrieden.

Er arbeitet mit, nimmt Bestellungen entgegen, liefert aus, führt die Bücher, regelt die Einkäufe: Das Tresen-Geschäft von Haus Oe ist heute ein anderes als vor einem Jahr.
Er arbeitet mit, nimmt Bestellungen entgegen, liefert aus, führt die Bücher, regelt die Einkäufe: Das Tresen-Geschäft von Haus Oe ist heute ein anderes als vor einem Jahr. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Dabei müsste ihm eigentlich mies zumute sein. Viele Gastronomen klagen, dass die Hilfen schwer zu beantragen sind, dass sie zu spät ausgezahlt werden, dass sie nur ein Tropfen sind auf dem heißen Stein. Der Lockdown wird immer wieder verlängert, die Infektionslage bessert sich nur langsam. Zumal man das Haus Oe erst 2020 von Alfred „Corny“ Hilpert, dem Unikat und Urgestein hier hinterm Tresen, übernommen hat. Es ging an den Start, als Corona kam.

„Es macht uns einfach Spaß hier“

„Nein, ehrlich, die Stimmung ist gut“, sagt der gebürtige Schweriner, dessen Vater als 15-Jähriger aus Anatolien in eine Pflegefamilie kam und später als Bergmann unter Tage arbeitete. „Wir sind positiv auf den Laden gestimmt und überzeugt, dass er gut laufen wird. Die Küche ist sehr gut, der Biergarten ist gelungen. Das kann im Sommer sehr erfolgreich sein. Das Haus hat Tradition, das macht uns einfach Spaß hier.“ Es rauscht aus seinem Mund wie eine helle Rakete nach der anderen aus der Silvester-Böller-Batterie.

Dabei mussten sie viele Veranstaltungen absagen. 15 waren seit Oktober 2020 geplant. Private Feiern wie runde oder 18. Geburtstage, Jahrestage. Dafür hatte man den Saal, der eigentlich ein muffiger Konzertsaal war, umgebaut, mit Profi-Equipment für Musik und Licht ausgestattet. „Man muss hier nur sein Smartphone anschließen, dann kann jeder wie ein DJ eine Nacht lang auflegen“, sagt Inan Acar. Absagen? „Nein, die sind alle nur verschoben.“ Die Hoffnung bleibt, dass es besser wird mit der Pandemie. „Die kommen alle dieses Jahr“, sagt der ASG-Absolvent.

Man will weg von Konzerten mit 200 bis 300 Leuten. Dafür sei der Laden zu klein. Und Eckkneipe? „Nicht mehr zeitgemäß“, so Acar. Lieber sonntags ein Brunch-Büfett, das sei geplant, für kleines Geld, zweimal im Monat, 10 bis 14 Uhr. Aber man schaue nicht mehr in die Glaskugel: „Mindestens bis Mai glauben wir an gar nichts mehr. Aber wir sind ab Mitte oder Ende Februar bereit für alles“, sagt der Betriebsleiter.

November 2019 im Gleis 4: Was würden viele dafür geben, wieder Partys wie zu Halloween im Gleis 4 zu feiern. Ausgelassen, ohne Masken und Abstände, ohne Sorgen. Das Lokal am Hauptbahnhof hat 90 Prozent Umsatzeinbruch durch die Corona-Pandemie.
November 2019 im Gleis 4: Was würden viele dafür geben, wieder Partys wie zu Halloween im Gleis 4 zu feiern. Ausgelassen, ohne Masken und Abstände, ohne Sorgen. Das Lokal am Hauptbahnhof hat 90 Prozent Umsatzeinbruch durch die Corona-Pandemie. © Christian Püls © Christian Püls

Fürs Gleis 4 sei das alles schwerer. Durch die Hygieneregeln, die im Sommer 2020 für Gastronomie galten, durfte man dort am Bahnhof nur zwölf Gäste reinlassen. Und als sich am Fenster beim Straßen-Cocktailverkauf zu viele Leute tummelten, kam einmal der Ordnungsdienst vorbei und schickte die Leute 50 Meter weg. Das war die Regel. „Die waren freundlich und machen echt einen guten Job“, sagt Inan Acar.

„Ich weiß gar nicht, worüber sich die Leute beschweren“

Aber was hält die beiden Läden nun über Wasser? „Wir sind sehr zufrieden mit dem, was der Staat für uns tut“, sagt Acar. „Soforthilfe, Novemberhilfe, Dezemberhilfe, Überbrückungshilfe: Ich weiß gar nicht, worüber sich die Leute beschweren. Klar haben wir Umsatzeinbußen, das fängt die Kosten auch nicht auf. Aber mit dem ergänzenden Geschäft passt das schon. Wenn Lockdown sein muss, dann ist das halt so. Wir würden gern wieder unser eigenes Geld verdienen, aber können nicht sagen, dass Land, Stadt oder Bund uns im Stich lässt.

Dann wird er konkret:

  • Soforthilfe: Es gab 9000 Euro fürs Gleis 4, ohne weiteres, direkt vom Staat ausgezahlt.
  • Novemberhilfe: Haus Oe, 5000 Euro
  • Dezemberhilfe: beantragt für Haus Oe.
  • Erlass von 3 Prozent der Umsatzsteuer bis Ende 2020.
  • Überbrückungshilfe: Sie wird bemessen an den Umsatzeinbußen von 50 Prozent oder 30 Prozent. Das Gleis 4 ist hier besonders betroffen. Es kostet 1250 Euro Pacht im Monat. Von Juni bis August war es geöffnet, aber es durften nach dem Hygieneplan nur zwölf Leute rein und musste um 23 Uhr schließen. „Wir brauchten viele Latex-Handschuhe, von denen haben wir früher 100 für 4,95 Euro bekommen. Sie kosten heute 13,49 Euro. Wir brauchten Desinfektionsmittel: 10-Liter-Kanister früher 30 Euro, phasenweise 200 Euro, heute 70 Euro. Wir brauchten Masken für die Mitarbeiter. Sobald ein Kunde aufs WC ging, mussten wir hinterher rennen zum Desinfizieren. Das war mehr Arbeitsaufwand für weniger Gäste“, sagt Inan Acar. So habe das Gleis 4 im Vergleich zum Vorjahr 90 Prozent Umsatzeinbruch gehabt, denn hier geht es samstags ja eigentlich erst ab Mitternacht richtig los.

„Warum ärgern oder wundern sich die Kollegen?“, fragt sich Inan Acar: „Die Hilfen kommen zwar spät, aber sie kommen. Die Erfahrung haben wir gemacht. Und jeder, der behauptet, er hätte 20 Jahre erfolgreich gewirtschaftet und stehe nun vor der Insolvenz, der lügt oder hat vielleicht beim Personal oder anderen Dingen nicht immer alles korrekt über die Bücher abgerechnet.“ Der könne nun eben für die Anträge nicht alles belegen.

Andere Kneipen hielten sich nicht an die Regeln

Im Gleis habe man Stammgäste verloren, weil man sich an alle Regeln gehalten habe, zum Beispiel die gesperrte Theke oder die Sperrstunde. „Anderswo ging es auch an die Theke oder über 23 Uhr hinaus“, sagt Acar. Darüber ärgert er sich, denn unter den Lockdowns wegen hoher Infektionsraten litten am Ende alle zusammen.

Doch alle Angestellten hätten Familien. Der Chef, Pächter Christian Pachholleck, habe die Fixkosten. Er sei zum Glück als Dachdecker in einer Firma beschäftigt, also nicht zwingend auf die beiden Betriebe angewiesen. „Natürlich sollte man nicht mit dem Lohn und Brot anderer Menschen spielen“, findet Acar. „Wir haben Einbußen, hängen hier nicht am goldenen Zapfhahn. Aber diese Zeit verlangt das nun mal.“

Inan Acar glaubt, dass „die Menschen das Negative einfach für sich brauchen“, dieses Sichaufregen über andere. Er selbst brauche das nicht. Er lebt lieber zufrieden und dankbar.

Freund hat Bar in Izmir: „Ich glaube, da geht alles kaputt“

Dann erzählt er noch von einem seiner besten Freunde in der Türkei. Da, wo seine Wurzeln sind, wo sie ihn aber „Deutschländer“ nennen. Der Freund hat einen „Irish Pub“ in Izmir an der Ägäis-Küste. Bei 60.000 Lira Pacht (knapp 7000 Euro) im Monat habe er ein einziges Mal 1000 Lira Hilfen (115 Euro) vom türkischen Staat erhalten. Und Steuern erlassen bekommen. „Er geht nun in die Insolvenz. Ich glaube, da geht alles kaputt“, sagt Acar.

Und er selbst? „Ich glaube, dass das hier im Haus Oe für uns eine langfristige Geschichte wird. Dieses Jahr würden wir Corona noch durchhalten, danach müssten wir ohne Hilfen auch zu machen.“ Aber das will er nicht. Er freut sich lieber darauf und glaubt daran, dass diese fiese Pandemie endet.

Inan Acar verabschiedet uns. Mit einem „Auf Wiedersehen“, einem „Glückauf“ und einem Lächeln.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock

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