Helmut Grünung demonstriert Bürgermeister Rajko Kravanja die Kraft des Wassers, die ein Kanalnetz überfordern kann. © Ronny von Wangenheim
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Castrop-Rauxeler Forscher und die Stadt: Gemeinsam gegen Klima-Katastrophen

Heftige Unwetter, Hochwasser, Überflutungen und deren Folgen – dazu forscht der Castrop-Rauxeler Helmut Grüning. Die Europastadt möchte nun vom Wissen des Professors profitieren.

So verheerend wie im Ahrtal oder in Hagen hat sich das heftige Unwetter im Juli in Castrop-Rauxel nicht ausgewirkt. Doch es hat gezeigt, wie sich das Klima ändert. In Henrichenburg lebt Helmut Grüning, Professor an der Fachhochschule Münster. Von seinen Forschungen könnte auch seine Heimatstadt profitieren.

Das Technikum für Hydraulik und Stadthydrologie auf dem Steinfurter Campus der FH ist einen Besuch wert, wie eine Delegation der Stadt Castrop-Rauxel feststellte. Wie Wasser sich in einem Kanalnetz ausbreitet, wie Überflutungen entstehen, das kann Helmut Grüning eindrucksvoll demonstrieren.

Von einer riesigen Spielwiese zu sprechen, ist nicht ganz falsch. Bürgermeister Rajko Kravanja und Stadtbaurätin Bettina Lenort konnten sich sogar als „Regenmacher“ an einer riesigen Sandkiste ausprobieren. Korrekt ausgedrückt ist es eine „Augmented Reality Sandbox“, in der ohne einen Tropfen Wasser Überflutungen nachgebildet werden können.

Wasser rauscht durch ein gläsernes Kanalnetz

Im Technicum in Steinfurt ist zu sehen, was sonst unsichtbar in der Erde liegt. Hier gibt es eine Trinkwasserleitung mit Hydranten oder ein Wasserwerk. Grüning lässt blau eingefärbtes Wasser durch ein Kanalnetz aus Acrylglas rauschen, zeigt, welche Kraft dieses Wasser hat. „Kein Kanalnetz kann letztlich solche Regenmengen aufnehmen“, sagt er sichtlich erfreut, welchen Eindruck seine Demonstration macht.

Helmut Grüning zeigt an der Augmented Reality Sandbox, wie sich Überflutungen entwickeln.
Helmut Grüning zeigt an der Augmented Reality Sandbox, wie sich Überflutungen entwickeln. © Ronny von Wangenheim © Ronny von Wangenheim

An diesem Vormittag geht es um einen ersten Gedankenaustausch. EUV-Chef Michael Werner erzählt vom unterirdischen Vortrieb für die Hochwassertrasse des Landwehrbaches auch unter dem Gondelteich hindurch im Stadtgarten. Bettina Lenort kann dem Castrop-Rauxeler Forscher von Klimaprojekten wie dem Dachbegrünungsprogramm berichten.

Umgekehrt stößt vor allem ein Projekt Helmut Grünings auf Interesse: Es geht um die Baumrigole. Es ist eine der Ideen, mit denen das Ruhrgebiet, mit denen Castrop-Rauxel zur Schwammstadt gemacht werden soll. Einer Stadt also, in der wie bei einem porösen Schwamm Niederschlagswasser aufgenommen und gespeichert und genutzt werden kann. In Castrop-Rauxel gibt es solche Rigolen, aber nur vereinzelt. In anderen Städten werden ganze Straßenzüge damit ausgestattet.

Baum wird zu einem dezentralen Rückhaltebecken

Jeder Baum mit Rigole wird damit zu einem dezentralen Rückhaltebecken. In diesem System, zu dem ein Substrat mit 35 Prozent Poren gehört, kann Wasser aufgenommen und gespeichert werden. Das ergibt Sinn gerade in den versiegelten Innenstädten, in denen Wasser nicht versickern kann und in die Kanalisation abfließt, die bei Starkregen dann an ihre Grenzen kommen kann. Zum anderen kann der Baum aus diesem Speicher in Trockenzeiten versorgt werden.

Helmut Grüning stellte der Castrop-Rauxeler Delegation sein Forschungsprojekt vor. Dazu gehört die Baumrigole. Sie kann Wasser speichern, wenn es zu viel davon gibt, und Wasser abgeben, wenn dem Baum Trockenheit droht.
Helmut Grüning stellte der Castrop-Rauxeler Delegation sein Forschungsprojekt vor. Dazu gehört die Baumrigole. Sie kann Wasser speichern, wenn es zu viel davon gibt, und Wasser abgeben, wenn dem Baum Trockenheit droht. © Ronny von Wangenheim © Ronny von Wangenheim

„Es ist eine ideale Möglichkeit, um mit Klimaproblemen umzugehen“, sagt Helmut Grünung. In Nottuln testet er für sein Forschungsprojekt „BeGrüKlim“ („Entwicklung eines Bewässerungskonzeptes von urbanem Grün während klimatisch bedingter Trockenphasen“) gerade diese Baumrigolen, unter anderem auf die Größe des Speichers hin.

„Wir suchen noch Stellen, wo wir sie ausprobieren können“, erzählt er der Castrop-Rauxeler Delegation. „Was bringt das für eine ganze Stadt?“ Diese Frage möchte er genauer klären. Da horcht Bettina Lenort auf. „Wenn Sie noch Standorte brauchen…“

Gesamtgesellschaftlicher Nutzen soll betont werden

Auch Bürgermeister Kravanja denkt laut darüber nach, wie so etwas zu realisieren sei. Klimabeirat oder Arbeitsgruppe könnten sich mit dem Thema beschäftigen. Eine politische Debatte sei wichtig. Aber auch die Finanzierung hat er bereits im Auge. Wer zahlt dafür, wenn statt eines Straßenbaums, Kosten etwa 1000 Euro, ein Baum mit Rigole, Kosten etwa 4500 Euro, gewählt wird?

Im Technicum kann Prof. Helmut Grüning Starkregen und seine Folgen simulieren.
Im Technicum kann Prof. Helmut Grüning Starkregen und seine Folgen simulieren. © Ronny von Wangenheim © Ronny von Wangenheim

Fördermittel wie zum Beispiel über die „Zukunftsinitiative Wasser in der Stadt von morgen“ aber auch Gebühren werden beim Gang entlang an den Apparaturen und Installationen im Technicum schon mal angesprochen. Aber auch der gesamtgesellschaftliche Nutzen. Rajko Kravanja betont: „Die wissenschaftliche Begleitung ist notwendig, damit man zeigen kann, der Mehraufwand lohnt sich.“

Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen

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