„Dann habe ich direkt den Feuerball gesehen“: Retter der Kinder aus dem Reisebus erzählt

dzBusbrand auf der A2

André Tiago Manuel war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Er fuhr auf der A2 mit seinem Transporter hinter dem Bus, in dem 65 Kinder und zwei Lehrer saßen, sah Rauch und reagierte.

von Daniel Maiß

Henrichenburg

, 29.06.2019, 14:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn André Tiago Manuel von dem erzählt, was sich am Montagvormittag gegen 10 Uhr auf der A 2 kurz vor Anschlussstelle Henrichenburg abspielte, bekommt man Gänsehaut. „Ich war ein Stück hinter dem Reisebus, als ich den Rauch sah“, erinnert sich der 36-Jährige. Zunächst vermutet er ein Motorproblem oder eins mit den Reifen. „Ich bin aus beruflichen Gründen viel unterwegs und hab auch schon einiges erlebt. Vielleicht bin ich deshalb besonders wachsam“, sagt er.

„Dann habe ich den Feuerball gesehen“

Er fährt näher an den Bus heran - und „dann habe ich den Feuerball gesehen“.

Ab da geht alles rasend schnell. „Ich habe direkt überholt, wie ein Verrückter gehupt und dem Fahrer gezeigt, dass er sofort ranfahren soll. Danach habe ich sogar noch ein bisschen gedrängelt.“

„Dann habe ich direkt den Feuerball gesehen“: Retter der Kinder aus dem Reisebus erzählt

Die Identität des Mannes, der auf der A2 durch ein Überholmanöver 65 Schülern aus Herten das Leben rettete, ist gelüftet: Es war André Tiago Manuel (36) aus Bochum. Er fotografierte sich kurz selbst am Unglücksort, half aber vor allem, dass den Kindern nichts passiert. © Manuel

Der Bus hält schließlich auf dem Seitenstreifen. Manuel steigt aus seinem Transporter und spurtet zum Fahrer: „Ich hab ihn angeschrien: Dein Bus brennt, die Kinder müssen da sofort raus.“

Jetzt lesen

André Tiago Manuel ist gelernter Elektriker. Er wusste, dass jetzt jede Sekunde zählt. „Wenn das Feuer die Elektrik zerstört hätte, wäre die Automatik-Tür des Busses eventuell nicht mehr aufgegangen. Und wenn der Fahrer dann die Tür hätte von Hand öffnen müssen...“ Auch drei Tage später möchte der 36-Jährige diesen Gedanken nicht fortführen.

Er hebt einige Kinder über die Leitplanke

Die Tür öffnet, und der gebürtige Angolaner hilft dabei, die Kinder aus dem Doppeldecker-Bus zu schaffen. Er hebt sie über die Leitplanke, damit sie sich in Sicherheit bringen können. „Ich bin dann noch einmal rein nach oben und hab kontrolliert, ob alle raus sind.“ Als alle vollzählig sind, habe er erstmals ein wenig durchgeatmet: „Das war so ein unglaubliches Glück.“

Jetzt lesen

Der Busfahrer habe im Anschluss versucht, die Flammen mit Feuerlöschern zu bekämpfen. „Das war aber hoffnungslos, dafür hat es viel zu stark gebrannt“, so Manuel. Kurz darauf kommt die Feuerwehr.

Der 36-Jährige bleibt aber vor Ort und kümmert sich um die Kinder. „Einige habe ich getröstet, so gut das ging.“ Erfahrung damit habe er reichlich, Manuel hat selbst vier Söhne und eine Tochter. „Eigentlich müssten wir denen dankbar sein, denn wegen ihnen war ich zu diesem Zeitpunkt an dieser Stelle auf der Autobahn und konnte das Feuer überhaupt bemerken.“

Eigentlich wäre er schon um 4 Uhr losgefahren

André Tiago Manuel liefert für das Unternehmen „JF Transporte“ japanische Lebensmittel im kompletten Bundesgebiet aus. Am Montag sollte es nach Berlin gehen. Der Familienvater wohnt in Bochum. „Normalerweise fahre ich um 4 Uhr morgens los. Da wäre ich gegen 10 schon in Berlin gewesen.“

Da ihn aber seine Kinder tags zuvor lange auf Trab hielten, entschloss er sich, länger zu schlafen. Somit war er auf seinem Weg nach Berlin gegen 10 Uhr erst bis Henrichenburg gekommen.

Jetzt lesen

André Tiago Manuel wurde in Luanda, der Hauptstadt Angolas, geboren und kam 1995 nach Deutschland. Er musste nach eigener Aussage als Kind aus politischen Gründen aus dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Land in Südwest-Afrika flüchten. „Viel weiß ich aus dieser Zeit allerdings nicht mehr“, erklärt er. Er wuchs bei einer Familie in Berlin auf.

„Es fühlte sich an, als wären das meine Kinder“

„Ursprünglich wollte ich Polizist werden“, erklärt der Familienvater, „oder beim Rettungsdienst arbeiten.“ Eine wichtige Voraussetzung dafür hat er: Er hilft, ohne zu zögern. „Das war für mich aber auch keine Frage. Ich musste einfach helfen. In diesem Moment hat es sich für mich so angefühlt, als wären das meine Kinder, die da im Bus sitzen.“

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt