Ludger Vollmer ist ein „Bionier“: Er gründete in den 80ern einen Bioladen und wurde Vorreiter in Sachen Umweltschutz in Castrop-Rauxel. Wie denkt er über FFF und den Unverpackt-Trend?

Castrop-Rauxel

, 30.10.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wir schreiben das Jahr 1981: Der Atomreaktor von Tschernobyl läuft seit ein paar Jahren auf Hochtouren. Fünf Jahre später wird er zum Katastrophenort und ein wenig auch zu einem Ausgangspunkt zum Umdenken in eine nachhaltigere Lebensweise.

Fünf Jahre zuvor, eben 1981, eröffnete Ludger Vollmer in Castrop-Rauxel einen Bioladen. Damals sprach man erstmals über das jährlich wiederkehrende Ozonloch in der Atmosphäre, das durch den Gebrauch von FCKW verursacht wurde.

Vollmer war der Zeit ein wenig voraus und Vorläufer einer Bewegung, die erst in den vergangenen Jahren so richtig Fahrt aufgenommen hat. Er ist der „Bionier“ oder Bio-Pionier von Castrop-Rauxel. Wir sprachen mit ihm über Fridays for Future, den Unverpackt-Trend und die 80er-Jahre.

Seit 1981 mit eigenem Bioladen in der Stadt: Dann sind Sie mir doch nicht böse, wenn ich Sie einen Öko-Pionier nenne, oder?

Ach, Ihr Kollege Michael Fritsch nannte mich anlässlich des 30-jährigen Betriebsjubiläums einen „Biosaurier“. Auch nett!

Als solcher angesprochen: Wie finden Sie, dass es nun eine Fridays-for-Future-Gruppe und ein Klimabündnis in Castrop-Rauxel gibt?

Das erste Klimabündnis gab es ja bereits in den 80er-Jahren. Frau Jürgens, ehemals wohnhaft an der Wilhelmstraße, und Christel Brandt vom Hohen Weg waren aktiv dabei. Seitdem sind wir übrigens als Korkensammelstelle bekannt.
Fridays for Future haben wir mit unserem Bioladen-Team symbolisch am 19. November beim bundesweiten Klimastreik unterstützt und uns mit ihren Zielen solidarisiert. Dafür haben wir den Laden für einige Stunden geschlossen. Das hat glaube ich sonst kein anderes Geschäft in Castrop-Rauxel getan.

Was, glauben Sie, können die Leute, die da mitmachen, bewegen?

Alle, die mitmachen, sensibilisieren sich und andere, unseren Lebensstil zu überdenken. Ein wenig erinnert das an die „Graswurzelrevolution“ der späten 70er-Jahre. Es müssen alle Konsequenzen ziehen, die da oben und wir hier unten. Und die Zeit, sie drängt wirklich.

Es gibt immer wieder Kritik an diesen Bestrebungen: von Liebhabern dicker Autos, von Menschen, die den Schülern unterstellen, sie wollten bloß schwänzen, und ganz arg von Klimawandel-Leugnern. Können Sie das verstehen?

Die Konsequenzen sind weder bequem noch billig. Es geht ja unter anderem um Verzicht, das macht nicht jedem Spaß. Politisch bietet die AfD, die ich eigentlich lieber mit kleinen Buchstaben schreibe, die Verdrängung bzw. die Leugnung der Probleme. Da müssen wir positiv und offen gegenhalten und um die Veränderung werben.

Ein Bestandteil aller Bemühungen ist das Stichwort „Unverpackt“: Was kann man ohne Verpackung bei Ihnen kaufen?

Der Kernbereich und Schwerpunkt mit weit über 50 Prozent des Bioladens Löwenzahn ist die Frische: Obst, Gemüse, Brot und Käse verkaufen wir lose in Papiertüten, bieten Leinenbeutel, Mehrweggläser und begrüßen auch das Mitbringen von Behältnissen.

Vieles davon bieten Discounter und Supermärkte ja inzwischen auch an. Es gibt aber auch Verpackung, die der Kunde nicht sieht, oder? Bei der Anlieferung zum Beispiel…

Die Dimension der Einsparmöglichkeiten in der Warenbeschaffung und Logistik ist um ein vielfaches höher als der persönliche Einsatz der Kunden und Kundinnen. Doch beides gehört zusammen. Im konventionellen Lebensmittel-Einzelhandel wird das zu wenig thematisiert und lieber mit Blick auf den Kunden individualisiert. Da muss man aufpassen, dass am Schluss nicht Symbolpolitik übrig bleibt.
Es gibt Untersuchungen zu CO2-Ersparnissen bei Transport und Großhandel-Mehrweg-Kisten. Der Löwenzahn, das kann ich stolz behaupten, ist auf dem Weg, sich als „CO2-frei“ zertifizieren zu lassen. Der Weg bis zum Ziel ist allerdings länger, als ich dachte...

Wie war das damals, als Sie angefangen haben mit dem Bioladen? Hatten Sie da ernsthafte Gegner, nur Leute, die Sie belächelt haben oder haben Sie vor allem Bewunderung geerntet?

Die Wurzeln des Bioladens Löwenzahn liegen in der Umwelt-, Anti-Atom- und Friedensbewegung. Beruflich schenkte mir mein Laden die Möglichkeit, positiv alternativ zu leben und zu handeln und darüber hinaus mit den besten Lebensmitteln versorgt zu sein. Ich bin sehr vielen Menschen sehr dankbar, dass der Bioladen in Castrop-Rauxel weiter blühen darf.

Bio-Pionier aus Castrop: „Einsparmöglichkeit in der Logistik ist um ein Vielfaches höher“

In diesem Ladenlokal an der Ecke Münsterplatz / Lönsstraße kauft man ökologisch ein. © Marcel Witte

Erleben wir gerade eine Zeitenwende?

Die Förderung des ökologischen Landbaus, die Achtung und der Respekt vor allen Lebewesen, die Erhaltung der Artenvielfalt, Ablehnung der Gentechnik und Unterstützung des regionalen, fairen und sozialen Handels ist in den letzten inzwischen schon fast 40 Jahren von so vielen unterschiedlichsten Menschen begleitet worden, dass ich optimistisch in die Zukunft blicke.
Aber ich nenne nur mal ein paar Stichwörter, die deutlich machen, dass noch sehr viel zu zun ist: „Club of Rome“, Rede von Häuptling Seattle, aktuelle Gesetzesvorschläge zur Tiermast, Gülleverordnung, Trinkwasserverseuchung, Biogasanlagen, Maisanbau, Glyphosatduldung. Wenn man danach geht, fangen wir vielleicht doch gerade erst an.

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