Samy Schröder ist 24. Nichts außer ein Sarg hinter ihr verrät, dass sie gleich einen Toten zu seinem Grab fahren wird. Dabei war ihr schon in der Schule klar, dass sie Bestatterin wird.

Castrop-Rauxel

, 14.08.2018, 16:04 Uhr / Lesedauer: 4 min

Um kurz nach neun steuert Samy Schröder den Leichenwagen aus der kleinen Einfahrt des Bestattungshauses Friedrich. Sie trägt ein dunkelblaues Kleid zu schwarzen Sportschuhen, die blonden Haare streng zum Dutt zurückgebunden. Durch den Stoff schimmert ein buntes Tattoo auf ihrer Haut.

Bestatterin Samy Schröder begleitet Leben und Tod: „Der Trauer sind keine Grenzen gesetzt“

Bei der Dekoration für Trauerfeiern kann Samy Schröder ihre Kreativität ausleben. © Tobias Wurzel

Den Blick still auf die Straße gerichtet, geht es nach Marl. Neben der Bestatterin sitzt Praktikant Christian Stehling. Bei Überführungen Standard - sonst ist die Bestatterin alleine. Mit drei Mitarbeitern teilt sie sich die Arbeit in Castrop-Rauxel, Oer-Erkenschwick, Marl und Datteln auf. Absprachen sind unverzichtbar. Sie wirkt konzentriert, gut organisiert: „Ich bin lieber zu früh da“, sagt sie. „Man weiß nie, was einen erwartet.“

Zehn Jahre Berufserfahrung

Ankunft am katholischen Friedhof um 9.35 Uhr: Gekonnt manövriert die Bestatterin den großen Wagen über zwei kleine Seitenspiegel rückwärts durchs Friedhofstor und parkt vor der Trauerkapelle. Gemeinsam mit dem Praktikanten wuchtet sie den schweren Holzkasten aus dem Auto auf einen Wagen und rollt den toten Herren in die Kapelle vor die Stuhlreihen.

Samy Schröder blickt auf zehn Jahre Berufserfahrung zurück. Mit 14 hat sie über ein Schülerpraktikum erstmals Kontakt zu einem Bestattungshaus gehabt, direkt am ersten Tag mit einer Leiche gearbeitet. „Danach war klar, dass ich das machen will“, sagt sie. Ihre Familie sei anfangs nicht gerade begeistert gewesen, Freunde hingegen stets interessiert. Die Abwechslung, das „Gesamtpaket“ schätzt die junge Frau: die Fürsorge, die Last, die sie Angehörigen abnehmen kann, die kreative Deko-Arbeit. „Jeder Tag ist anders.“

Auf der Suche nach der Grabstätte

Heute haben die Angehörigen Blütenblätter bestellt, die sie ins Grab werfen wollen. Mit einem Metall-Korb ausgestattet, sucht Samy Schröder nach der Grabstätte. Sie sieht den Friedhofsgärtner und fragt nach. „Na, bei der Mutter Gottes“, raunt der nur. „Mit meinen 24 Jahren werde ich nicht immer ernst genommen“, gibt Samy Schröder zu, während sie sich erneut auf die Suche macht.

Auch bei Angehörigen sei ihr Alter ein Thema – nie negativ. So auch die Reaktion auf Piercings oder Tattoos. „Ich kann mein Septum ja in die Nase drehen“, sagt sie. „Aber dann habe ich gemerkt, dass das gar nicht nötig ist.“ Ihr Chef unterstütze sie. Nicht selbstverständlich: Andere Häuser hätten die junge Frau gebeten, lange Kleidung zu tragen und die Piercings zu entfernen. „Ich lasse mich in meiner Persönlichkeit nicht soweit einschränken - irgendwie macht mich das ja aus.“

Höchste Sorgfalt bei der Dekoration

In einer Ecke des Friedhofs ist das ausgehobene Grab zu erkennen. Während Samy Schröder den Korb abstellt, fährt die Floristin vor. „Mit der Deko warte ich immer auf die Blumen“, erzählt die Bestatterin. Bei wenigen Blumen schmückt sie die Kapelle aus, „damit das nicht so trist aussieht“. Für den verstorbenen Herren sind zwei große Kränze, ein Korb und Gestecke bestellt. Dazu nutzt die Bestatterin Tücher, gruppiert darauf Kerzen und Steine um die Blumen herum. Mit höchster Sorgfalt bringt sie den Sarg in Symmetrie zur Tür und einer hohen Kerze – bis sie zufrieden auf das stimmige Bild blickt.

Bestatterin Samy Schröder begleitet Leben und Tod: „Der Trauer sind keine Grenzen gesetzt“

Bei der Dekoration der Trauerfeier ist Samy Schröder genau. Auf ihrem Arm ist der Nürburgring tätowiert – Autos sind für die Bestatterin der perfekte Ausgleich zum Job. © Tobias Wurzel

Zurück im Auto geht Samy Schröder den Laufzettel mit den Daten zur Bestattung durch, spricht sich mit den Grabträgern ab. Zwischendurch blickt sie immer wieder auf ihr Smartphone. Darüber steht sie in ständigem Kontakt zu ihren Mitarbeitern. Und darüber wird sie heute die Musik steuern: „Viele Kollegen machen das noch Oldschool mit einer CD. Ich bin da eher so: Bluetooth, Box, Handy“, sagt sie lachend. Um 10.40 Uhr wird es dann ernst: eine letzte Absprache mit den Angehörigen. Dann zieht sich die 24-Jährige in die letzte Sitzreihe neben der Orgel zurück.

Gedanken während der Trauerfeier

Um 11 Uhr erklingt zum Einzug der Trauergemeinde das Steigerlied – ein Bergmann wird begraben. Schluchzen geht durch die Reihen. Samy Schröder bleibt konzentriert, steuert die Musik. Den Kopf leicht geneigt, verfolgt sie die Messe. „Das ist für Angehörige emotional, ich bin da distanziert.“ Doch seit Anfang des Jahres denke sie öfter an ihren Opa. Der habe klar gesagt: „Leute, ich will nicht mehr.“ Wer ihn einmal bestatten wird, ist für die 24-Jährige klar: „Da kommt kein anderer. Wenn dann hole ich meinen Opa ab.“

Manchmal hält die 24-Jährige Trauerreden. Dann setzt sie sich mit den Angehörigen zusammen, redet über die Verstorbenen, versucht Geschichten zu erfahren, mit denen der Abschied leichter fällt. Geschichten, die den Trauernden vielleicht sogar ein Lächeln schenken. Je nach Alter der Verstorbenen, sind diese Gespräche auch für die Bestatterin emotional. „Bei Älteren haben sich die Angehörigen oft schon darauf eingestellt“, erklärt sie. Manchmal sei der Tod eine Erlösung - aber eben nicht immer.

"Mein Verhalten ist unser Aushängeschild"

Religion spiele bei Bestattungen immer seltener eine Rolle. „Was ich immer anbiete, ist, das Vater Unser zu beten“, betont die junge Frau. „Ich spreche Gebete mit.“ Ansonsten passe sie sich an. „Mein Verhalten auf der Beerdigung und im Gespräch ist unser Aushängeschild“, sagt Samy Schröder. Eine gute Bindung zu den Angehörigen ist wichtig. Nicht selten komme es zu einem Wiedersehen.

Nach der Messe wird der Sarg aus der Kapelle getragen. Um die Blumen kümmert sich spontan ein Gärtner. So bleibt nach der Rückfahrt noch etwas Zeit im Bestattungshaus. Dann kommt die Nachricht: Eine ältere Dame kann nun „eingesargt“ werden. Samy Schröder wählt einen Sarg und verschwindet mit Christian Stehling in der Kühlkammer. Kurze Zeit später fahren sie die Dame auf einem Rollwagen ins Haus. Der starre, zierliche Körper ist mit Nachthemd und Windel bekleidet. Der Mund der Toten steht offen.

Gutes Gewissen beim Umgang mit einer Toten

Am Fuß des Sarges liegt Kleidung. Behutsam heben die beiden abwechselnd Arme und Beine, um die Frau zu kleiden. Sie arbeiten schnell und sorgfältig, rätseln darüber, wie die Dame wohl ihr Tuch getragen hat. Samy Schröder massiert die kalten Hände der Toten, faltet sie im Schoss übereinander und setzt sanft ein Kuscheltier auf die Schulter der Dame. „So kann ich mit gutem Gewissen sagen, sie sieht friedlich aus.“ Niemand wird die Dame so sehen, wenn der Sarg geschlossen ist. Trotzdem ist Samy Schröder dieser Umgang wichtig: „Jeder kriegt die gleiche Behandlung, egal wie viel Geld da ist.“ Manche Angehörige äußerten spezielle Wünsche. So hat Samy Schröder schon Menschen in Trainingsanzug, oder „Star Wars“-Kostüm bestattet. „Der Trauer sind keine Grenzen gesetzt“, sagt sie.

Bestatterin Samy Schröder begleitet Leben und Tod: „Der Trauer sind keine Grenzen gesetzt“

Mit Praktikant hebt die junge Bestatterin den schweren Sarg aus dem Auto. Manchmal muss sie das auch alleine schaffen. © Tobias Wurzel

Der Körper ist in einem guten Zustand. Bestatter müssen sich aber auch um Menschen sorgen, bei denen die Verwesung begonnen hat, bevor sie jemand entdeckt. Oder um diejenigen, die bei Unfällen oder Mord ums Leben kommen. „Das war das, was mich am meisten gereizt hat“, sagt die 24-Jährige. Denn eigentlich wollte sie Gerichtsmedizinerin werden, wofür ihr Abschluss jedoch nicht reichte. Das Nachforschen, die Zusammenarbeit mit der Kripo – „Blöde gesagt, ist das total spannend.“

Um 14 Uhr steht eine Urnen-Verabschiedung an - ohne Zeremonie. Dazu wieder Dekoration, später lässt Samy Schröder die Angehörigen herein. Dann geht es ins Büro: Telefonate mit Ämtern, Versicherungen, Friedhöfen, Ärzten, Angehörigen oder Floristen gehören ebenfalls zum Job. Zwischendurch könnte jederzeit die Kripo anrufen und eine Leiche melden. Daher gilt für die Bestatterin, die Formalitäten so schnell wie möglich abzuarbeiten. Schließlich sei in der Arbeit mit dem Tod nichts planbar. Nur die Bestattungstermine geben eine Orientierung.

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Wie wird man eigentlich Bestatter? Die Ausbildung zum Bestatter dauert in der Regel drei Jahre. Ein hoher Schulabschluss ist nicht nötig, allerdings sollte man für den Beruf einiges mitbringen:
  • Belastbarkeit
  • Flexibilität
  • Einfühlungsvermögen
  • Kreativität
  • Spontanität
  • Zuverlässigkeit
Zu den Inhalten der Ausbildung gehören ein kaufmännischer Teil, Religionslehre, Trauerpsychologie und Warenkunde zu Särgen, Urnen und Zubehör. Im praktischen Teil lernen die Auszubildenden etwa den Grabaushub, hygienische Versorgung, die Dekoration auf Trauerfeiern und die Fertigung von Särgen.
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