Einen Autokorso mit 109 Autos veranstalteten Querdenker am 10.1.2021 in Castrop-Rauxel. Sie fuhren durch Castrop, Rauxel, Merklinde, Schwerin und Ickern, hier auf dem Foto die Vinckestraße. Eine Kundgebung gab es am Europaplatz vorm Rathaus. © privat
Coronavirus

Bekannter Neonazi streamt Corona-Querdenker-Autokorso von Castrop-Rauxel

Ein Autokorso von Querdenkern hat Sonntag in Castrop-Rauxel für Aufsehen gesorgt. Ein Teilnehmer streamte zweieinhalb Stunden live bei Youtube. In der Neonazi-Szene ist er kein Unbekannter.

Wenn ein Lautsprecher auf einem Auto durch die Straßen fährt, die Stadt damit laut beschallt und hinter diesem Auto eine Kette von über 100 weiteren Pkw eine Kolonne bildet, dann sorgt das für Aufsehen. Das ist klar. Über ein Kilometer lang ist diese Kette am Sonntag (10.1.) in Castrop-Rauxel.

Dass sie Aufsehen erregen, ist auch den Leuten klar, die hinter dieser Demonstration stecken. Ein Castroper-Rauxeler Bürger hatte sie ganz gewöhnlich bei der Polizei angemeldet. Aber wer demonstrierte da? Und wogegen eigentlich?

Ein Teilnehmer sagt im Vorfeld des Korsos, der sich ab 13 Uhr auf dem Parkplatz zwischen der Sporthalle der Gesamtschule, McDonald‘s und dem Sportforum formierte: „Der Autokorso ist das effektives Mittel, um Botschaften in die Bevölkerung zu transportieren, insbesondere, wenn die Bevölkerung eingeknastet in ihren Wohnungen sitzt. Dann transportieren wir die Botschaften und die Hoffnung des Widerstandes bis vor die Haustür.“ Man könne dem Veranstalter aber nichts, denn der halte sich mit diesem Mittel an die „Isolations-Vorschriften in unseren Autos“.

Sprecher: „Für Frieden, Freiheit, Demokratie“

Es sei ein Autokorso für „Frieden, Freiheit, Demokratie“ erklärt der offensichtliche Organisator durch sein Megafon um kurz vor 14.30 Uhr. Er trägt eine gelbe Warnjacke. Aus den Boxen eines anderen Fahrzeugs klingt Musik mit Liedern wie dem von Alex Olivari mit dem Titel „Deutschland zeig Dein Gesicht!“ („Lass deine Kinder wieder frei“…). Dann wird die Nationalhymne abgespielt. Der Korso setzt sich in Bewegung. Vor dem Rathaus stoppen die 109 Autos an einer improvisierten Redner-Bühne. Von dort spricht erst eine Frau.

„Wir blicken sorgenvoll in die Zukunft“, sagt die Sprecherin und zählt auf, was alles nicht sein könne (geschlossene Geschäfte, Freude im Keim erstickt, Kinder mit Jacken in Schulklassen bei geöffneten Fenstern). Sie zählt Studien, allerdings in der Fachwelt sehr umstrittene, zum Maskentragen auf.

Sie rechnet in ihrer Rede vor, dass nach Zahlen der WHO „nur“ 68 Castrop-Rauxeler am Coronavirus sterben, wenn alle Einwohner angesteckt würden. Nach etwa zehn Minuten ist ihre Rede beendet. Ein zweiter Redner zitiert an die „Quer- und Klardenker“ gerichtet im Anschluss aus einem besorgten Brief „an meinen Bürgermeister“. Er ist offenbar der Anmelder der Demo und kündigt an, dass er gezwungen sei, Strafanzeige „wegen Nötigung, unterlassener Hilfeleistung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung“ gegen Kravanja zu erstatten. Er bekommt dafür Applaus.

Zwischen- und Gegenrufe am Rathaus

Am Rande der Kundgebung gibt es Zwischen- und Gegenrufe, sagt die Polizeisprecherin am Montag auf Anfrage unserer Redaktion. Auch Gegen-Transparente seien zu sehen gewesen. Aber von Randale oder Übergriffen keine Spur, die Polizei habe nicht eingreifen müssen.

Ein Vertreter der Demo ist „der liebe Kevin“: So nennt sich der Youtube-Streamer Kevin Gabbe, der die Demo zweieinhalb Stunden live ins Internet streamte. Er ist einigen anderen Teilnehmern offensichtlich bekannt, denn sie sprechen sich namentlich an.

Er wolle fleißig dokumentieren und zeigen, „dass was passiert in Deutschland“, sagt Gabbe in die Kamera eines anderen Teilnehmers, der den Spitznamen „Birdie“ trägt und eine Jacke des 1. FC Köln. „Unsere Regierung muss weg, ne?“

„Warum bist du hier?“, fragt der Smartphone-Filmer mit dem Spitznamen „Birdie“ einen anderen. „Um zu zeigen, dass es so nicht mehr weiter geht“, sagt der so Befragte.

„Der liebe Kevin“: Neonazi unter Teilnehmern bekannt

Kevin Gabbe ist offensichtlich oft dabei: Er postet mindestens einmal wöchentlich Streams auf seinem Youtube-Kanal von Corona-Leugner-Demonstrationen vor allem in NRW. Am 8.1. aus Hamm, am 4.1. und 5.1. aus Krefeld, am 3.1. aus Düsseldorf.

Er gilt in der Szene als bekannter Krefelder Neonazi, Unterstützer der Partei „Die Rechte“, Gelbwesten-Protestler und Anhänger der Essener Hooligan-Szene. Profilbilder seiner eigenen Kanäle im Internet (zum Beispiel auf einem von zwei wegen rechtsextremistischer Inhalte gesperrten Twitter-Accounts) zeigen den Anfang-40-Jährigen mit einer Reichskriegsflagge in der Hand. Er habe kein Problem damit, zu Gewalt gegen Politiker aufzurufen, sagte er bei einer Demo im November gegenüber dem Videonews-Portal „Blaulicht-News Krefeld“ vor laufender Kamera.

Bei der Demo in Castrop-Rauxel tragen die Teilnehmer zum Teil T-Shirts mit Aufschriften wie „Stoppt Corona-Pandemie-Lüge + Impfzwang fordert Untersuchungs-Ausschuss“, haben Poster auf ihren Motorhauben oder an den Seiten mit Slogans wie „Grundgesetz schützen“ und „Stop Gen-Impfung“. Die meisten von ihnen sehen nicht aus wie Neonazis; eher ist es eine gemischte Gruppe aus Impfgegnern, Gelbwesten, „besorgten Bürgern“ – und zumindest einem Neonazi.

Aluhüte: Nur zum Spaß oder ernst gemeint?

„Glaube wenig, prüfe alles, denke selbst“ hat jemand auf einen DIN-A3-Bogen in Schriftgröße 200 ausgedruckt und in die Autoscheibe geklebt. Eine Frau trägt auf der Jacke einen Aufnäher „Gib Gates keine Chance“ als Anlehnung an das bekannte Logo „Gib Aids keine Chance“. Auf einer Motorhaube heißt es: „Die Welt gehört denen, die sich trauen, anders zu denken.“ Am Rathaus tauchen auch „Aluhüte“ auf: Eine handvoll Menschen tragen aus Alufolie zusammengebastelte Hauben. Ob es ein Spaß sein soll oder ernst ist, lässt sich nicht belegen.

Teilnehmer kommen aus dem Kreis Recklinghausen und Castrop-Rauxel, aber auch aus Dortmund, dem Kreis Unna, dem Ennepe-Ruhr-Kreis, wie die Autokennzeichen verraten, aus dem Kreis Coesfeld, aus Herne, Münster, Essen und Duisburg. An den Antennen hängen kleine Deutschlandfahnen, aber auch US-Flaggen. Ein Mann mit einer Mütze der „Corona-Rebellen Düsseldorf“ ist dabei und Anhänger eine Bewegung mit dem Namen „Freiheitsfahrer“, die Autokorsos wie diesen in Deutschland organisiert.

Applaus und Gebrüll vom Straßenrand

Die Autos erregen Aufmerksamkeit. Manchmal gibt es Applaus (am Ickerner Knoten zum Beispiel klatscht eine Familie), manchmal Protest wie am Rathaus, manchmal Wut und Ärger bei denen, an denen sie vorbeifahren. Der Autokorso fährt durch Castrop, Ickern, Rauxel, Schwerin und Merklinde. Ein Augenzeuge aus Merklinde berichtet, es habe wütendes Gebrüll vom Straßenrand gegeben.

Ein Teilnehmer mit einer Donald-Trump-Flagge am Auto merkt vor der Abfahrt an, er habe auf seiner Fahrt von Herten durch Recklinghausen und nach Castrop-Rauxel „fünf Fuck-Finger“ vom Straßenrand bekommen und lacht, als er die Fahne einrollt. Dafür habe er von der Polizei soeben keine Zulassung bekommen, erklärt er.

Polizei: Keine besonderen Vorkommnisse

In seinem Rücken auf dem Parkplatz hinter der Willy-Brandt-Gesamtschule haben sich vor dem Start rund ein Dutzend Mannschaftswagen der Polizei formiert. Sie begleiten den Zug, von dem letztlich um 17.30 Uhr nichts mehr übrig ist. Sie verzeichnen keine besonderen Vorkommnisse.

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