Ein Friedensaktivist hat Ärger mit der Castroper Marktaufsicht. Siggi Hellig ist seit Jahren für den Friedenskreis aktiv. Was tut die Gruppe eigentlich? Wir sprachen mit einer Aktivistin.

Castrop-Rauxel

, 10.08.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Nachricht über die Aktion rund um Siegfried Hellig hat zuletzt für Aufregung gesorgt. Die Linkspartei setzte sich für die Aktivisten ein. Eine von ihnen ist die Friedenskreis-Sprecherin Leonore Schröder. Wir sprachen mit der Henrichenburgerin über Kriege, den Ärger mit dem Markt in der Fußgängerzone, über Anerkennung und Widerhall und die alte Eiche.

Frau Schröder, warum gibt es die Aktionen des Friedenskreises eigentlich?

Uns gibt es seit Urzeiten. Konkret haben wir 1999 angefangen, als die Bundeswehr meinte, sie müsste Serbien bombardieren. Das war der erste Tabubruch der Bundesrepublik, sich nach dem Zweiten Weltkrieg wieder an Kriegen zu beteiligen – ausgerechnet unter Rot-Grün.
Wir – also ich, Freunde und Bekannte – haben gedacht: Es muss was getan werden. Auf die Parteien kann man sich nicht verlassen. Von da an war nämlich der Bann gebrochen, dass Kriege zu führen für Deutschland tabu ist. In kurzer Zeitabfolge haben die USA Kriege angefangen: in Afghanistan 2001 und im Irak 2003. Als der Krieg gegen Afghanistan auf der Basis des großen Verbrechens von New York am 11. September 2001 begonnen wurde, haben wir uns regelmäßig getroffen. Es war offensichtlich, dass Afghanistan mit dem Attentat in New York nichts zu tun hatte.

War das die Hochphase Ihrer Arbeit?

Die kam dann. Das zweite Großereignis war der USA-Krieg gegen Irak 2003. Damals haben noch viele Menschen aus Castrop-Rauxel bei einer öffentlichen Protestveranstaltung mitgemacht. Auch die SPD, auch der Bundestagsabgeordnete Frank Schwabe. Wir hatten eine große Kundgebung am Lambertusplatz, die Kirchen und Schulen beteiligten sich. Da waren mehrere hundert Leute dabei, es wurden Reden gehalten, Schüler trugen Gedichte vor. Der Konsens in der Stadt war damals, dass es nicht geht, Kriege gegen andere Staaten zu führen. Begründet wurde der Krieg mit angeblichen Massenvernichtungswaffen, die vom Irak aus die Ostküste der USA erreichen können, und mit der Behauptung, dass der Irak Israel vernichten wollte. Niemand hat aber jemals diese Waffen gefunden. Der Krieg sollte einfach geführt werden. 2003 war noch zu vermitteln, dass Krieg ein Verbrechen ist.

Sie sind bis heute aktiv, einmal im Monat stehen Sie samstags am Rande des Castroper Wochenmarkts. Kann man nicht sagen: Das, was Sie tun, ist überflüssig – weil Sie aus CAS eh nichts erreichen können?

Das ist ja das bedauernswerte. Dass im Mittleren Osten ein Krieg nach dem anderen geführt wird, ist Alltag. Niemand begehrt dagegen auf. Frau Merkel sagt, es gehe uns so gut wie nie. Frieden ist aber nur im Reden der Politik ein Thema. In der Praxis beteiligt man sich an Kriegen und verbotenen Auslandseinsätzen. Aufklärung vor Ort ist dringend nötig, weil auch die Politik vor Ort sich mit dem Thema nicht beschäftigen will. Zumindest nicht ernsthaft, indem man macht, was wir tun: aufklären darüber, wer die Kriegstreiber sind.
Mit den Jahren sind wir weniger Aktive geworden und werden von der breiten Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Auch die Medien haben entscheidenden Anteil daran: Weil wir thematisch weggeschnitten werden. Wenn wir erklären, warum wir einen Stand machen, warum der Iran zum Beispiel jetzt ein Thema ist, wer die Kriegstreiber sind, werden diese Aussagen wegen fehlenden örtlichen Bezugs aus Pressemitteilungen weggestrichen. Das ist in allen Städten so.

Was tun Sie dagegen: Sie gehen auf die Straße. Wie ist der Widerhall?

Inzwischen gering. Viele gehen einfach vorbei. Vielen ist es ungemütlich, mit Kriegsproblemen konfrontiert zu werden, zum Beispiel mit dem, was gerade im Iran passiert. Ein klassisches Beispiel für die Verdrehungen, die medial in der Schuldfrage vorgenommen werden. Iran hat sich nichts zuschulden kommen lassen.

20 Jahre voller Kriege: Wie es ist, als Friedensaktivist in Castrop-Rauxel zu arbeiten

Der Friedenskreis demonstriert regelmäßig mit einem Infostand in Castrop-Rauxel. Hier Leonore Schröder (l.) und Jörids Land © Friedenskreis


Wie gehen Sie vor von Ihrem Stand aus?

Wir haben immer ein Flugblatt mit aktuellen Themen dabei. Wir sprechen die Leute an, keiner muss es mitnehmen. Es ergeben sich Gespräche, manche mit Ablehnung unserer Thesen. Manche sagen uns aber auch, dass sie unser Engagement gut finden.

Wie viele sind Sie regelmäßig am Stand?

So um die zehn Leute am Stand und in der Stadt. Nun haben wir die schwierige Situation, dass der Markt in der Fußgängerzone ist. Wir stehen am Rand und werden weniger wahrgenommen. Darum schwärmen unsere Leute aus, zum Busbahnhof und zum EKZ. Wir sind dann auseinandergerissen. In der Fußgängerzone dürfen wir die Blätter nicht verteilen.

Wissen Sie, warum?

Auf dem Wochenmarkt darf nach der Marktordnung keine politische Propaganda stattfinden, um den Handel nicht zu beeinträchtigen. Solange der Markt nicht dorthin verlagert wird, wo er hingehört, also auf den Marktplatz, solange haben wir verringerte Chancen. Der Lambertusplatz, wo wir früher unbehelligt stehen konnten, ist von Marktständen belegt.

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Ihr Kollege Siegfried Hellig hatte kürzlich Ärger, den er in einem offenen Brief kundtat.

Ja, wir standen am Reiterbrunnen. Da ist das große Publikum aber nicht. Um uns Aufmerksamkeit zu verschaffen, hat Herr Hellig sich ein Plakat umgehängt und ist durch die Fußgängerzone gegangen. Da gab es eine Konfrontation mit der Marktmeisterin.

Wie ist der Fall Hellig ausgegangen?

Das ist geklärt. Es gibt Vereinbarungen, dass wir uns in der Fußgängerzone nicht mehr zeigen und keine Blätter verteilen. Das macht es schwieriger, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

20 Jahre voller Kriege: Wie es ist, als Friedensaktivist in Castrop-Rauxel zu arbeiten

Siggi Hellig war Lehrer, protestiert seit 20 Jahren gegen den Krieg und ist jetzt in der Innenstadt mit einer Marktmeisterin aneinandergeraten. © Friedenskreis


Folgen Sie den Weisungen?

Ja, was sollen wir machen? Wenn wir es nicht tun, haben wir jedes Mal Ärger. Das ist nicht das Ziel unserer Aktionen.

Sind Sie enttäuscht vom EUV?

Nein. Wenn man die Marktordnung hat, dann muss der EUV sich daran halten – und wir uns auch. Das Problem ist die Sperrung des Marktplatzes für den Markt. Eigentlich nur in Castrop möglich. Der Bürger hat mit seiner freien Meinungsäußerung dann außen herum zu stehen.

Ist das und der Fakt, dass Sie seit 20 Jahren arbeiten, aber die Kriege weitergehen, nicht frustrierend?

Es ist frustrierend, dass die Politik sich nicht ändert. Wir sind ja nicht die einzigen, in jeder Stadt gibt es Friedenskreise. Die Friedensbewegung ist groß, aber sie spielt bei der Politik keine Rolle. Die spielt in Berlin in einer eigenen Welt selbstgeschaffener internationaler Beziehungen und Abhängigkeiten.

Wie lange machen Sie weiter?

Ich sehe für die Zukunft große Risiken für Deutschland und Europa: Man kann voraussehen, was in den nächsten Jahren alles zusammenbrechen wird. Da muss man nur die Entwicklungen auf vielen Gebieten, aber aus unserer Sicht die Außen-oder Friedenspolitik verfolgen. Das wird nicht gut aussehen. Wenn wir nur ein bisschen mehr von dem Bewusstsein erreichen können, dass alle Bürger sagen: „In kriegerische Aktionen mischen wir uns nicht ein, wir ziehen die Bundeswehr aus den Auslandseinsätzen zurück und bauen vernünftige internationale Beziehungen auf“ – dann wäre schon etwas erreicht.

Schlussfrage: Sie sind nicht nur Friedensaktivisten, sondern auch Vorsitzende des Vereins „Rettet die alte Eiche“. Welches Engagement überwiegt zurzeit?

Ich habe 1984 die Grünen in Castrop-Rauxel mitgegründet, von 1984 bis 1999 saß ich im Rat. Die Grünen waren für mich genau die Partei, die ich für nötig hielt, weil sie sich für den Gesamtkomplex Bewahrung der Schöpfung, der Welt, der sozialen Frage, dem Schutz der Natur und selbstverständlich das Ende der Kriegsmaschinerie eingesetzt hat. Das ist für mich die ökologische Sicht nach dem Wortstamm Oikos, dem Weltkreis.
Frieden und Umwelt sind nicht verschiedene Dinge, sie gehören zusammen. Die Sache mit dem Eichenverein ist keine Spinnerei, wir werden dabei bleiben. In den 80er-Jahren waren wir mit der Rücksichtnahme auf die Natur schon weiter. Bei der Landesinitiative IBA Emscherpark wurden damals Grünzüge zwischen der Bebauung geschaffen, damit man ordentliche Luft ins Ruhrgebiet bekommt. Diese Fortschritte spielen heute keine Rolle mehr. Der Eichenverein wird sich mit diesen Dingen beschäftigen: Wir passen ein bisschen auf, oder besser gesagt: ein bisschen viel. Grüngebiete als Frischluftschneisen dürfen nicht zugebaut werden.

Hier trifft man den Friedenskreis

Der nächste Aktionsstand steht am Samstag, 10. August, von 10.30 bis 12.30 Uhr am Reiterbrunnen. Dort liegen viele Bücher und Infos aus, um zu unterstreichen, dass der Friedenskreis mit seriösem Hintergrund aktiv ist. In diesem Monat geht es traditionell um das Gedenken der Opfer der Hiroshima-Katastrophe.
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