Es gab viele Grubenunglücke. Aber eines, an das man sich sehr genau erinnern kann, weil es in einem neuen Buch von Friedhelm Wessel gewürdigt wird. Die Rettung des Hauers Fritz Wienpahl.

von Friedhelm Wessel

Ickern

, 21.11.2018, 11:45 Uhr / Lesedauer: 5 min

Hinweis der Redaktion: An einer Stelle im Text war die Rede von Victor Ickern 1/2. Es handelt sich aber um Victor 1/2.

„Dem Tode entrissen“, titelte im Dezember 1930 die „Gewerkschaftliche Rundschau“, als sie über ein Grubenunglück auf der Castrop-Rauxeler Zeche Victor 1/2 berichtete. Hier war am 28. November gegen 4 Uhr morgens in Revier 5 in Flöz „Geitling“ ein Bruch gefallen. Zwei Kumpels wurden danach im Bereich des Ortes 6 – der Kohlenabfuhrstrecke – vermisst. Der ehemalige Victor-Steiger Pelzing hat diese außergewöhnliche Rettungsaktion, die erst nach 183 dramatischen Stunden endete, dokumentiert. Ergänzt wurden diese Aufzeichnungen später durch persönliche Anmerkungen des geretteten Hauers Fritz Wienpahl.

Dokumentiert sind die fast 100 Jahre alten Erzählungen im Buch „Gerettet! Grubenunglücke im Revier“ von Friedhelm Wessel, einem ehemaligen Ruhr-Nachrichten-Redakteur von Jahrgang 1944. Mit Genehmigung des Wartberg-Verlages dürfen wir den entsprechenden Text daraus hier erneut veröffentlichen.

Steiger Pelzing schilderte zunächst die Situation, kurz nachdem der Bruch in Geitling zwischen den Orten 5 und 6 gefallen war. Sein Augenzeugenbericht, den wir hier dokumentieren, beginnt am 28. November gegen 4 Uhr:

An diesem Morgen ist ein Steiger im Ort 5 unterwegs, als ihm ein Hauer entgegenkommt und von einem dumpfen Gebirgsschlag berichtet. Der Aufsichtsbeamte geht zurück und findet die Bruchstelle. Auf dem Rückweg, kommt ihm ein einsamer Förderwagen entgegen. Dahinter – ein Hauer, der, weil er keine Lampe mehr besitzt, den Wagen als Orientierungshilfe nutzt. Dieser Kumpel berichtet dann dem Steiger von dem Bruch auf Ort 6. „Ich konnte mich nur mit Hilfe dieses Wagens bis zum Fördergesenk retten, stieg in der Dunkelheit hinauf, schnappte mir dort erneut einen Wagen, um mich im darüber liegenden Ort umzusehen. Diese Wagen waren meine Führer in der Dunkelheit“, erzählt der Bergmann seinem Vorgesetzten.

Inzwischen haben aber andere Kumpels aus dem gesamten Revier damit begonnen, die Bruchstelle zwischen den beiden Orten zu begutachten. Bei einer Überprüfung stellt sich schnell heraus: Es fehlen zwei Hauer. Vermisst werden die Bergleute Wienpahl und Gatzmann.

Im Ort 6 nehmen die Retter ihre Arbeit auf. Weil die Luftleitung, die durch den Bruch heruntergefallen ist und auf der Sohle liegt, aber wohl intakt ist, versucht man, wie in solchen Situationen üblich, sie als „Fernsprecher“ zu nutzen. Doch keine Reaktion. Wienpahl, der hinter der Bruchstelle vermutet wird, antwortet nicht. Auch Klopfzeichen sind nicht zu hören. Aber die Retter geben nicht auf.

Nun arbeiten sie zweigleisig: Auf Ort 5 und Ort 6. Doch auf Ort 5 werden die Arbeiten bereits nach kurzer Zeit aus sicherheitstechnischen Gründen wieder eingestellt. Nun wird versucht über ein Abhauen von Ort 4 aus die Verschütteten zu erreichen. Beide Rettungsstellen sind zu diesem Zeitpunkt mit je 16 Mann belegt, die sich alle sechs Stunden vor Ort ablösen. Ein schweißtreibendes Unterfangen. Auf Ort 6 unterbrechen die Helfer währenddessen die sich dort befindliche noch unter Druck stehende Luftleitung, es soll nämlich an einer undichten Flanschverbindung eine defekte Dichtung ersetzt werden.

Plötzlich hören die Retter ein Geräusch, dann ist es plötzlich still im Ort, als sie aus dem getrennten Rohr eine Stimme hören. „Hallo, hallo, wer ist da. Hier ist Hauer Wienpahl. Ich habe Hunger, ich habe Durst, gebt mir Milch“, tönt es den erfreuten Rettern nun entgegen.

Das Buch „Gerettet! Grubenunglücke im Revier“ erschien in diesem Jahr im Wartberg-Verlag. Autor ist Friedhelm Wessel, 1944 geboren, der als Redakteur viele Jahre in verschiedenen Redaktionen der Ruhr Nachrichten arbeitete. Seit 2007 ist der Autor aus Herne auf Spurensuche im Revier: Er schrieb inzwischen mehr als zwei Dutzend Bücher über die Ks des Ruhrgebiets - Kicker, Kohle, Kumpel und Kolonie. Nur an die Kirche, sagt Wessel, habe er sich noch nicht herangetraut. Im Buch „Gerettet!“ hat er Dokumente über verschiedene Grubenunglücke zusammengetragen und Zeitzeugen getroffen. Es geht um Vorfälle in Ickern 1930 und 1952, in Herne 1944, 1956 und 1958 und viele andere Ruhrrevier-Unglücke von Bochum über Gelsenkirchen, Essen, Bottrop, Recklinghausen bis Brambauer, Bergkamen und Dortmund. Das Buch erschien 2018. 64 Seiten, mit vielen Farbfotos, gebunden, 12,90 Euro.

Aufatmen und Freude bei der Ortsmannschaft. Schnell schildert der Verschüttete den Rettern seine Lage: „Ich bin unverletzt, aber ich hocke hier ohne Licht in einem etwa fünf Kubikmeter großen Verlies“. Von nun an dient dieses intakte Eisenrohr abwechselnd als Telefonverbindung, Versorgungsleitung und zur Bewetterung. In seinem dunklen Gefängnis hat Wienpahl nämlich den Schlauch, der sich am Ende der Leitung befand, mit einem Socken umwickelt, weil hier zischend die Luft entwich. Als plötzlich der Druck abfällt, kappt der Verschüttete den Schlauch und schreit hinein. Seine Rufe werden gehört.

Durch diese metallene Verbindung schickt man von nun an per Luftdruck Brühe, Milch und Mineralwasser mit Schnaps. Weil Fritz Wienpahl aber kein entsprechendes Auffangutensil zur Hand hat, opfert er seinen rechten Schuh. Der dient ihm nun während der langen Wartezeit als Trinkgefäß.

Am 3. Dezember gegen 23 Uhr haben die Helfer bereits 14 Meter des Bruchs beseitigt und noch weitere acht Meter sollten nach Berechnungen der Werksleitung vor ihnen liegen. Plötzlich werden die Arbeiten kurzzeitig unterbrochen, dann man ist auf den Hauer Gatzmann gestoßen. Als die Victormannschaft ihn findet, steht der Hauer tot im Bruch, seine unversehrte Grubenlampe hängt an einem Riemen um den Hals. Die Lampe wird Tage später dem Toten mit ins Grab gegeben.

Die Retter sprechen ein kurzes Gebet, weitere Bergleute bringen den toten Gatzmann nach Übertage, während in der schwarzen Tiefe die Arbeit unverdrossen weiter geht. Die Bergleute treiben nun einen etwa ein Meter hohen Tunnel durch den Bruch, das anfallende Material wird in Eimern von Hand zu Hand weiter gereicht, denn immer nur ein Hauer kann aus Platzgründen in diesem Gang arbeiten.

„Die Körper bebten, die Nerven vibrierten, Schweiß geschwängerte Luft und wahnsinnige Hitze füllten den engen Maulwurfsgang. Das Lampenlicht verwand in dickem Kohlenstaub“, umschreibt Steiger Pelzing den gefährlichen Einsatz des Rettungstrupps. Nun drängt plötzlich der Eingeschlossene. „Es wird hier immer enger, Kohle rutscht nach. Holt mich hier heraus!“

Dann endlich, am Freitag gegen 18.45 Uhr, räumen die Retter die letzten Kohlenbrocken weg – Wienpahl kann durch den engen Tunnel in das Ort kriechen. Er fällt den Rettern, darunter einem Onkel, in die Arme, es fließen Freudentränen. 183 Stunden hat der Bergmann in seinem dunklen Verlies gehockt. Der Schuh, der ihm während der unterirdischen Gefangenschaft als Trinkgefäß gedient hat, erhält danach einen Ehrenplatz in einer Vitrine auf Victor. Nach der Schließung des Pütts im Jahre 1973 wird dieses Relikt dem Deutschen Bergbau-Museum in Bochum überlassen.

Dieser mehrseitige und detaillierte Rettungsbericht wird noch ergänzt durch eine Niederschrift des Verschütteten.

Fritz Wienpahl war am 27. November mit der 22 Uhr angefahren, sein Arbeitsbereich war das Flöz Geitling. Als der Bruch am 28. November gegen 4 Uhr fiel, befand sich der Bergmann vor Ort. Er entschloss sich durch den kurzen Streb bis zu Ort 6 herabzusteigen. Doch hier blieb er in seinem Verlies hängen. Der umsichtige Bergmann hatte jedoch nicht nur seine Lampe, sondern auch seine Taschenuhr und sein Beil mitgenommen. Aber wenige Stunden später, als die Helfer auf den beiden Örtern nach den Vermissten suchten, erlosch Wienpahls Lampe bereits. Als der Suchtrupp den Vermissten per Rohrleitung erreichte, da hatte Wienpahl bereits 48 Stunden in dem Bruch verbracht. „Die Verpflegung klappte gut, auch für Unterhaltung wurde gesorgt, denn Herren des Oberbergamtes, des Bergreviers, alle Steiger der Zeche mit unserem Direktor an der Spitze sprachen mir immer wieder Mut zu“, so Wienpahl.

Dabei verlor Wienpahl aber nicht seinen Humor. So führte er mit Steiger Pelzing ein wohl außergewöhnliches Gespräch – auf Plattdeutsch: „Wat mäkst denn eigentlich?“, fragte der Steiger, worauf Wienpahl antwortete: „Eck holl min Winterschloop, üm miene Gesundheit wähn se besorgt un schickten mir sogar en Doktor vom Pütt“.

Der Lärm der Rettungsarbeiten rückte immer näher, dann ein faustgroßes Loch, das bald immer größer wurde. „Ich erkannte einen alten Kumpel, Stolaski,“ erinnert sich Wienpahl, der im Ort zum Schutz der Augen eine farbige Brille erhielt, und neu eingekleidet wurde. „Die Freude war groß, aber ich wollte nicht zum Schacht getragen werden. Auf einen Stock gestützt ging es über das Gesenk bis zur 3. Sohle und ein Personenzug brachte uns zum Schacht und sofort nach Übertage“.

Hier wurde Fritz Wienpahl zunächst in die Verbandsstube gebracht, wo er gewaschen wurde, anschließend erfolgte eine Untersuchung durch zwei Mediziner. Wienpahl war gesund. Beim Ankleiden halfen zwei Kumpels. „So guatt heff eck et in mein Liäm noch nich hat“, witzelte der Hauer, der dann eine Milchsuppe serviert bekam. „Melk un Boullion gift et nu nich miär,“ meinte der begleitende Steiger. Wienpahl antwortete: „Jezzt gift et dicke Brocken.“

Mit einem herzlichen Glückauf verabschiedete sich Fritz Wienpahl von seinem Helferkreis auf dem Pütt, er vergaß aber auch nicht, ihnen seinen Dank für den unermüdlichen Einsatz auszusprechen. Ein Werksarzt kutschierte den Bergmann, der 183 Stunden lang in dunkler Nacht auf seine Rettung warten musste, anschließend mit dem Auto nach Hause, wo es ein freudiges Wiedersehen gab.

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