100 Hühner tot: Ickerner Hof hat Problem mit Fuchs

Kein Jäger zuständig

Der Fuchs ist der Feind des Bio-Bauern: So wäre verkürzt die Geschichte, mit der sich Alut Brinkmann, Landwirtin in Ickern auf dem Hof Heidbauer, gerade herumschlägt. Wir sprachen mit ihr über den Tod von knapp 100 Hühnern im Laufe des vergangenen Jahres, die wirtschaftlichen Folgen und die Hintergründe.

ICKERN

, 11.10.2016, 16:50 Uhr / Lesedauer: 3 min
100 Hühner tot: Ickerner Hof hat Problem mit Fuchs

Das gehört eben auch zur Natur dazu: Es gibt Raubtiere, die Hühner jagen. Und wer die Hühner nicht vor Raubtieren schützt, muss eben damit leben, dass sie gerissen werden.

Als wir mit dem Auto auf den Hof Heidbauer in Ickern fahren, springen eine Henne und zwei Küken zur Seite und schlüpfen unter einem Brett hindurch ins Ziegen-Gehege. Alut Brinkmann bedient hinten im Hofladen eine Kundin. Die kauft Bio-Produkte. Oft auch Eier. Heute nicht – ausverkauft. Denn mit den Eiern gibt es ein Problem. Brinkmann beklagt zu viele tote Hühner in den vergangenen Monaten.

Seit einiger Zeit ist ihr auch klar, wo die Hühner abgeblieben sind: Der Fuchs hat sie geholt. Manchmal auch einfach gerissen, also getötet, und auf dem Hof liegen gelassen. Der Biolandhof Heidbauer hat ein Problem mit dem Raubtier. Denn die Hennen und ihre Küken und die beiden Hähne laufen auf dem Hof frei herum. Es gibt einen Hühnerstall, aber der ist offen. Und selbst nachts, wenn die Hühner schlafen sollten, sind nicht immer alle im Stall – „ausgeflogen“ sind einige.

Mit der Kamera auf die Schliche gekommen

Das möchte die Betreiber-Familie Brinkmann so, es gehört zu ihrem Konzept von Landwirtschaft dazu. Das Stichwort: Freiheit für die Tiere. 100 Hühner kauften sie vor ein paar Jahren ein, um den Bestand aufzustocken. Das kostete etwa 1200 Euro. Keine Riesen-, aber doch eine ordentliche Investition, die sich über den Eierverkauf im eigenen Lädchen refinanziert. Von den Hühnern sind aber inzwischen nur noch rund 60 übrig. Und das nicht durch natürlichen Tod.

 

Audio: Im Gespräch mit Alut Brinkmann:

 

Alut Brinkmann fand Kadaver auf dem Gelände, ließ das aber auch mal anders untersuchen: Eine Jägerin, die in der Nachbarschaft ein Revier gepachtet hat, installierte für einige Tage und Nächte eine Wildkamera auf dem Hof, die dann erst aufnimmt, wenn ein Bewegungsmelder auslöst. Ergebnis: Mehrfach tauchte der Fuchs auf. „Die Füchse geben sich von 19 bis 7 Uhr morgens die Klinke in die Hand“, sagte die Jägerin, die namentlich nicht genannt werden will, im Gespräch mit unserer Redaktion sogar.

Kein Jäger zuständig

Kreis-Jagdberater Josef Lehmkuhl, der im Ehrenamt die Untere Jagdbehörde, aber auch Jäger selbst berät, ergänzte auf Anfrage unserer Redaktion: „Ein Fuchs läuft nachts bis zu 15 Kilometer – und zwar dahin, wo es etwas für ihn gibt.“ Auch in Städten. „In London hat man vor Jahren mal gezählt und kam auf 15.000 Füchse“, so Lehmkuhl.

Von London zurück nach Ickern: Hier, hinter der Lärmschutzwand der A2, eigentlich idyllisch gelegen, wenn man den Weg von der Voerstestraße aus zum Hof gefunden hat, ist ein anderes Jagdrevier – und das ist derzeit nicht verpachtet. Das bestätigt Jochem Manz, Sprecher des Kreises Recklinghausen. Seit April sei das hier der Fall. Es gibt also keinen zuständigen Jäger, der hier auf den Bestand der Tiere achtet und als direkter Ansprechpartner taugt. Und im Zweifel eine Falle aufstellen oder den Fuchs erschießen dürfte.

Den Hof mit einem Zaun schützen?

„Das Sicherste wäre, die Hühner in einem Terrain zu halten, wo Beutegreifer keine Chance haben“, rät Jagdberater Lehmkuhl. Drähte oder Zäune also – Dinge, die Alut Brinkmann eben nicht möchte. „Da muss der Landwirt dann seinen Weg finden“, sagt Jochem Manz, der aber selbst auf die Kosten für den Bauern verweist, wenn er sein ganzes Hofgelände einfriedet.

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So ist das Tierleben auf Bioland-Hof Heidbauer in Ickern

150 Hühner hatte der Bioland-Hof Heidbauer in Ickern vor zwei Jahren. Inzwischen sind nur noch rund 60 Hennen übrig. Das liegt daran, dass Raubtiere die Hennen reißen oder holen - sie laufen nämlich frei herum auf dem ganzen Hofgelände. Das ist die Strategie des Hofes, auf dem auch viele Ziegen leben und wo die Produkte - unter anderem selbst gemachter Ziegenkäse - vor Ort verkauft werden. Wir haben einen kleinen Rundgang mit Alut Brinkmann gemacht.
10.10.2016
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Die Hühner und Küken laufen auf dem Hof Heidbauer frei herum. Das ist absolut Bio - aber es ist für die Tiere auch gefährlich.© Foto: Tobias Weckenbrock
Für die Zertifizierung mit dem Bioland-Prädikat ist es gut, wenn man Tiere offen hält. Das ist bei den rund 200 Ziegen und den Hühnern bei Brinkmanns in Ickern so. Es geht um den Ausschluss von Gentechnik, den effizienten Energie-Einsatz, Luft-, Boden und Wasserschutz, Dünge- und Futtermittel, soziale Bedingungen für Angestellte und bei der Tierhaltung um Dinge wie den Platz pro Tier.© Foto: Tobias Weckenbrock
Alut Brinkmann ist Agrar-Ingenieurin. Sie wuchs auf dem Hof Heidbauer in Ickern auf. Heute betreibt sie ihn zusammen mit ihrem Mann. Sie sind der einzige Hof weit und breit, der selbst Ziegenmilch-Produkte herstellt und im Hofladen verkauft.© Foto: Tobias Weckenbrock
Bioland-Hof heißt: Dieser Hof unterliegt strengsten Kontrollen auf eine nachhaltige und ökologische Herstellung der Produkte. Bioland zählt zu den strengen Siegeln und geht weiter über das EU-Bio-Siegel hinaus.© Foto: Tobias Weckenbrock
Etwa 200 Ziegen sind auf dem Hof Heidbauer hinter der Autobahn in Ickern zu Hause. Sie haben Auslauf und werden zweimal am Tag gemolken. Die Brinkmanns sind rund fünf Stunden täglich allein im Melkstand beschäftigt. In der hauseigenen Käserei wird dann Ziegenkäse gemacht.© Foto: Tobias Weckenbrock
150 Hühner: So groß war der Bestand auf dem Hof Heidbauer vor einigen Jahren. Alut Brinkmann erinnert sich noch gut daran, als man die Tiere einkaufte. Damals investierte sie um die 1000 Euro für die Tiere. Nun sind ihr nur noch etwa 60 geblieben, sagt sie. Und für ihre Kundschaft hat sie inzwischen kaum noch genug Eier.© Foto: Tobias Weckenbrock
Alut Brinkmann und ihre Hühner: Die Frau möchte gern, dass ihre Hennen frei auf dem Hofgelände laufen können. Diese Freiheiten schätzen eben auch die Kunden am Hof so sehr. Für den Tierbestand ist das aber ein Problem.© Foto: Tobias Weckenbrock
Das gehört eben auch zur Natur dazu: Es gibt Raubtiere, die Hühner jagen. Und wer die Hühner nicht vor Raubtieren schützt, muss eben damit leben, dass sie gerissen werden.© Foto: Tobias Weckenbrock
Gut geht es den Hühnern auf dem Hof Heidbauer.© Foto: Tobias Weckenbrock
In diesem Bauwegen (hinten) fühlen sich die Hühner wohl, wenn sie Unterschlupf suchen. Aber auch sonst steht ihnen der Rest des Hofgeländes zur Verfügung. Sie haben vollen Auslauf.© Foto: Tobias Weckenbrock
Diese Hühner picken Körner am Rande eines Ziegengeheges. Die Tiere leben hier nebeneinander und miteinander.© Foto: Tobias Weckenbrock
Ihre Eier verkauft Alut Brinkmann am Hof. Absolute Bio-Eier direkt aus der Nachbarschaft. Aber inzwischen sind es nicht mehr genug Eier für die Nachfrage ihrer Kunden.© Foto: Tobias Weckenbrock
Ziegen sind eines der Hauptgeschäfte des Bio-Hofes am Ortsrand von Ickern: Die Produkte aus Ziegenmilch werden am Hof verkauft. Auch die Futtermittel macht der Hof auf seinen mehr als 50 Hektar Wiesen und Feldern selbst.© Foto: Tobias Weckenbrock
Weitläufig ist das Hofgelände. Alut Brinkmann holt für ein Foto für uns extra eine Henne.© Foto: Tobias Weckenbrock
Alut Brinkmann hat in den vergangenen Wochen viel mit der Unteren Jagdbehörde und Jagdberatern gesprochen. Denn sie würde sich wünschen, dass ein Jäger den Fuchs fängt oder schießt, der ihr die Hühner vom Hof holt.© Foto: Tobias Weckenbrock
Was tun gegen den Fuchs? Alut Brinkmann hat sich Rat aus der Nachbarschaft geholt, installierte mit einer Jägerin eine Wildkamera. Die zeichnete eindeutige Bilder auf: Der Fuchs ist hier nachts unterwegs.© Foto: Tobias Weckenbrock
Der Hofladen hinten links gehört auch zum Hof Heidbauer: Die Produkte werden hier direkt verkauft. Das ist sparsam, das ist öko.© Foto: Tobias Weckenbrock
Diese Dinge kann man auf dem Hof kaufen. Milch und Käse werden selbst gemacht.© Foto: Tobias Weckenbrock
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Eine Option wäre eine Art Verschlag für die Hühner im Freien: Man müsste einen recht engmaschigen Drahtzaun aufstellen, aber dieses Gehege auch vor Raubvögeln sichern – also es von oben zu machen. Option zwei: Man müsste zumindest den Hof einfrieden. Zum Teil ist er durch eine Mauer oder einen Zaun nach außen getrennt. An der Zufahrt gibt es ein Tor. Aber der Hof Heidbauer will offen sein. Das ist irgendwie DNA, das ist Hof-Philosophie des Bioland-Hofes mit eigenem Verkauf und eigener Käserei für Ziegenmilch-Produkte.

Und Option drei, tatsächlich ein Vorschlag: den Fuchs mit Wasserspritze verjagen. Alut Brinkmann muss grinsen, als sie von dieser Idee erzählt. Wie soll man das denn machen? Nachts dem Fuchs auflauern? Dafür stellt das Tagesgeschäft – fünf Stunden dauert das Melken der Ziegen zum Beispiel jeden Tag – zu viele Aufgaben an die Familie.

„Zäune möchte ich nicht“, sagt Alut Brinkmann. Auch den Kunden gegenüber will sie wohl vermitteln, dass die Tiere hier wertgeschätzt werden, dass sie hier Auslauf haben. Bio-Kunden legen darauf eben wert und sind auch deshalb einverstanden mit einem höheren Preis als im Supermarkt.

In dem Fall tut sich etwas

„Für mich ist klar: Hier muss gejagt werden“, sagt die Jägerin, die Alut Brinkmann auch Kontakte vermittelte. Zur Unteren Jagdbehörde des Kreises Recklinghausen, Endlich mit Erfolg aus ihrer Sicht: Nachdem unsere Redaktion mit der Recherche begann, die Brinkmann selbst mit einem Anruf in unserer Lesersprechstunde angeleiert hatte, kam richtig Bewegung in den Fall.

Zusätzliche Infos:


Die zuständige Mitarbeiterin der Unteren Jagdbehörde im Kreis Recklinghausen war mit Josef Lehmkuhl am Montag noch einmal auf dem Hof. „Ja, wir haben uns unterhalten“, bestätigte er. Wie die Lösung lautete, verriet Lehmkuhl nicht. Alut Brinkmann sagte bei einem Telefonat mit unserer Redaktion am Montagnachmittag aber recht freudig: „Das Jagdrevier wird möglicherweise bald wieder verpachtet.“ Dann könnte es dem Fuchs an den Kragen gehen – damit die freien Hühner sich wieder nur noch vor den Autos der Kunden in Sicherheit bringen müssen.

Josef Lehmkuhl versteht die Sorgen von Alut Brinkmann. Seiner Ansicht nach sei es aber doch so: „Wenn ich einen großen Hof habe und mein Geflügel frei laufen lasse, dann biete ich allen Beutegreifern, also den sogenannten Predatoren, einen gedeckten Tisch: Habicht, Fuchs, Steinmarder, Iltis, Wiesel, Hermelin, Katzen – all diese Tiere finden ihre Beute. Das ist einfach so und damit muss man rechnen.“  

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