Zorc erwartet keinen Transfer-Boom – BVB bindet Talente langfristig

dzBorussia Dortmund

International ruht der Transfermarkt. Borussia Dortmund macht in dieser Zeit seine Hausaufgaben und bindet seine Toptalente langfristig. Die nächste Generation klopft schon an.

Dortmund

, 10.05.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Während der Corona-Krise herrscht ein Ausnahmezustand, auch hinter den Kulissen des Profifußballs. Der Transfermarkt, auf dem es zwischen Februar und Mai sonst wild zugeht, ruht weitestgehend. Vertragsgespräche liegen überwiegend auf Eis. Insofern dürfen sich zwei BVB-Talente einer besonderen Wertschätzung erfreuen: Giovanni Reyna, mit 17 Jahren längst ein Bestandteil der Profimannschaft, und Nnamdi Collins (16), der Abwehrchef der U17 in der Junioren-Bundesliga, wollten die Macher der Schwarzgelben unbedingt langfristig an sich binden.

BVB-Sportdirektor Michael Zorc: „2020 kein Boom-Jahr auf dem Transfermarkt“

„Der Transfermarkt ist durch die Corona-Krise und den Lockdown in den Hintergrund gerückt, in dieser Hinsicht fehlt natürlich die Tagesaktualität in meinem Job“, berichtet BVB-Sportdirektor Michael Zorc im großen Interview mit den Ruhr Nachrichten (zu lesen ab Montag). Man müsse keine große Fantasie besitzen, „um vorauszusagen, dass 2020 kein Boom-Jahr auf dem Transfermarkt wird“.

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Das räumt Kapazitäten frei, andere Personalien rückten auf der Prioritätenlist nach oben. „Natürlich ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um transfertechnisch ins wirtschaftliche Risiko zu gehen“, sagt Zorc. „Wir haben uns in den vergangenen Wochen zum Beispiel intensiv mit unseren internen Top-Talenten beschäftigt.“

Bestätigung im Fall Reyna steht noch aus

Im Fall von Gio Reyna, der laut Kicker-Sportmagazin bis 2023 beim BVB unterschrieben hat, gibt es dafür keine offizielle Bestätigung. Reyna ist im vergangenen Sommer als noch 16-Jähriger vom New York City Football Club nach Dortmund gewechselt, durfte aufgrund seiner fehlenden Volljährigkeit aber noch keinen Vertrag mit mehr als dreijähriger Laufzeit eingehen. An der Wertigkeit, die er bereits jetzt für die Mannschaft von Trainer Lucien Favre besitzt, gibt es jedoch keine Zweifel. Und Reyna selber ist voll des Lobes und dankbar für die Chance, die ihm die Borussen – viel früher als prognostiziert – einräumen. Er hat sie eindrucksvoll genutzt. „Eine großartige Möglichkeit und eine perfekte Wahl für mich“, schwärmte der Youngster von Borussia Dortmund im Gespräch mit dieser Redaktion.

Ein anderer Nachwuchskicker, der seiner Zeit voraus ist, heißt Nnamdi Collins und spielt beim BVB als Jungjahrgang in der U17. Der Innenverteidiger gehört seit 2012 dem Klub an und hat jetzt einen Vertrag unterschrieben, der ihn bis 2023 bindet. Nachwuchskoordinator Lars Ricken kommentierte die Vertragsverlängerung so: „Wir sind sehr glücklich, dass wir mit Nnamdi ein herausragendes Talent des deutschen Nachwuchsfußballs langfristig an den BVB binden können.“ Sportdirektor Michael Zorc ergänzte darüber hinaus: „Wir wollen Nnamdi Schritt für Schritt an den Profibereich heranführen und ihm Zeit geben, sich zu entwickeln.“ Dessen Zusage sei, betonte Zorc, „keine Selbstverständlichkeit, weil der Junge bekanntlich bei mehreren europäischen Spitzenklubs auf der Wunschliste stand“.

Klubs aus England warben um Collins

Hinter den Kulissen, so viel zum ruhenden Transfermarkt, ging ein eifriges Werben um Collins vor sich. Klubs aus England lockten ihn dem Vernehmen nach mit lukrativen Vorschlägen auf die Insel. Dass der Abwehrmann, für sein Alter mit 1,86 Meter Größe und starkem Antritt körperlich extrem weit, nun der Borussia seine Zusage gegeben hat, hat auch mit dem Weg zu tun, den vor ihm viele andere Talente gegangen sind.

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Als vor einigen Wochen das Buhlen um Collins öffentlich wurde, durfte der U17-Spieler kurzerhand mal bei den Profis im Training reinschnuppern. Die Botschaft: In Dortmund bekommt der Nachwuchs die Möglichkeit, sich auch auf höchstem Niveau zu beweisen. Wie einst Mario Götze, Christian Pulisic oder Gio Reyna. Auf dem Beweisfoto, das Collins nach seinem „Probetraining“ postete, grinste er breit an der Seite von Thorgan Hazard, Achraf Hakimi oder Manuel Akanji.

Was aus den Talenten wird, ist oft ungewiss

Was jeder einzelne aus diesen raren Gelegenheiten macht, wem von den „high potentials“ der Durchbruch gelingt, bleibt schwer vorauszusagen. U17-Trainer Sebastian Geppert beschrieb es als „nicht seriös“, einem 15-Jährigen eine Profikarriere vorauszusagen. Seit vier Jahren hat er die Aufsicht über die U 17 und betont beim Blick auf seine Schützlinge: „Wie viele Spiele sie letztlich in unserer Profimannschaft bestreiten, ob sie überhaupt in der Bundesliga ankommen, das kann niemand vorhersagen.“

Gio Reyna, bereits jetzt ein Schnäppchen, weil er kaum Ablöse gekostet hat, gelang das in als 16-Jährigem in Windeseile. Leonardo Balerdi inzwischen bereits 21 und bei seinem Wechsel nach Deutschland 15,5 Millionen Euro schwer, knabbert immer noch an der Umstellung auf europäischen Fußball. Selbst ein Dan-Axel Zagadou benötigte knapp zwei Jahre, ehe er unumstritten zum Stamm gehörte und auftrumpfte. Andernorts hätte man ihn womöglich abgeschrieben. Nicht so in Dortmund.

BVB-Talent begeistert von der Perspektive in Dortmund

Nnamdi Collins, der mit deutschem und nigerianischem Pass ausgestattet ist und als neunfacher U-Nationalspieler auch schon die schwarz-rot-goldene Binde am linken Oberarm trug, ist laut BVB-Mittelung entsprechend begeistert von der Perspektive bei den Westfalen: „Mein Ziel ist es, beim BVB Profi zu werden und irgendwann vor der ,Süd‘ spielen zu können.“ Im nächsten Zwischenschritt soll er das zweite Jahr in der U17 überspringen und in der nächsten Saison bereits in der U19 zum Einsatz kommen. Garniert wird das Ausbildungsprogramm von gelegentlichen Trainingseinheiten mit den Profis. Geppert erklärt, was die BVB-Trainer den Talenten zusagen können: „Wenn die Anlagen vorhanden und die Fantasie berechtigt ist, werden wir alles investieren.“

Dank der Neuregelung dürfte Collins – wie Supertalent Youssoufa Moukoko ab November - in der nächsten Spielzeit sogar schon Bundesliga spielen, die neuen Statuten geben das her. Doch so weit in seiner Entwicklung sehen ihn die Experten noch nicht. Physisch und in der Luft gilt der Innenverteidiger als extrem stark, in der Ballbehandlung und im Passspiel kann er sich noch weiter verbessern.

Borussia Dortmund: Toptalente durften bei Favre vorspielen

Ohnehin ist schwer absehbar, wie sich die besten Teenager beim Übergang zum Spitzenbereich durchsetzen oder eben nicht. Derzeit hängen in der U19 und U23 Nachwuchskräfte in der Warteschleife, denen eine klare Profiperspektive eingeräumt wurde. Toptalente aus dem Meister-Jahrgang der U19 durften bei Favre mehrfach vorspielen. Richtig überzeugen konnten die hochgelobten Tobias Raschl, Immanuel Pherai oder Alaa Bakir bei den Senioren noch nicht. Und andere, wie Gio Reyna, überspringen im Nu diverse Entwicklungsstufen und schlagen „oben“ ein.

Doch der BVB, der sich in Sachen Nachwuchsförderung weltweit einen Namen gemacht hat, bringt die nächsten Kandidaten in Stellung. So wie jetzt Nnamdi Collins aus der U17 oder vielleicht bald dessen Teamkollegen Bradley Fink und Dennis Lütke-Frie. Genauso gut könnte einer aus der zweiten Reihe der U19 mit einem Leistungssprung durchstarten. Das ist ungewiss. Sicher ist nur: Wer sich im Nachwuchs bei Borussia Dortmund durchsetzt, bekommt auch eine Chance ganz oben.

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