Wohin des Weges, Mario Götze?

dzBorussia Dortmund

Mario Götzes Vertrag bei Borussia Dortmund läuft im Sommer aus. Eine Verlängerung wird es nicht geben. Bayer Leverkusen beschäftigt sich mit Götze, aber es bleiben viele Fragezeichen.

Dortmund

, 25.03.2020, 16:54 Uhr / Lesedauer: 4 min

Im Sommer ist Schluss, zum zweiten Mal. Mario Götze wird Borussia Dortmund erneut verlassen. 2013 hat er das schon einmal getan, damals wechselte er für 37 Millionen Euro zu Bayern München, eine Ausstiegsklausel machte es möglich, der Aufschrei, der Frust und die Empörung der Fans waren groß.

Das Wunderkind aus dem eigenen Stall, das damals vielleicht so verzückend Fußball spielte wie danach nie wieder, wechselte zum Erzrivalen in den Süden, ausgerechnet nach München. Für den BVB war das ein Stich ins Herz, für Götze war es rückblickend, auch wenn er das selbst anders sieht und bis heute verneint, womöglich die falsche Entscheidung.

Mario Götze beim BVB vor Abschied – ohne großen Aufschrei

Nun, sieben Jahre später, wird Götzes zweiter Abschied aus Dortmund keinen großen Aufschrei zur Folge haben, er wird auch keine 37-Millionen-Euro-Überweisung zur Folge haben. Der Mittelfeldspieler wird ablösefrei weiterziehen. Es wird ein stiller Abschied – und das nicht nur wegen des Coronavirus und der leeren Stadien. Es wäre auch bei einem regulären Saisonende ein stiller Abschied geworden, denn Götze spielt sportlich nur noch eine Nebenrolle beim BVB.

Die Wunderkinder sind mittlerweile andere. Jadon Sancho und Erling Haaland zum Beispiel. Oder der erst 17-jährige Giovanni Reyna, der mit seinem unbekümmerten Spiel sogar ein bisschen an den Götze aus früheren Tagen erinnert.

Mario Götze ist unbedeutend für Borussia Dortmund geworden

Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht, wie unbedeutend Götze für Borussia Dortmund auf dem Fußballplatz geworden ist. In den 37 bisherigen Pflichtspielen dieser Saison stand der 27-Jährige insgesamt 596 Minuten auf dem Rasen, im Schnitt sind das gut 16 Minuten pro Partie. Zum Vergleich: In der Vorsaison waren es im Schnitt 50 Minuten, in der Rückrunde, als Götze mit sechs Treffern und vier Torvorlagen einer der Lichtblicke beim BVB war, sogar 74 Minuten. Götze ist in Dortmund nur noch Ergänzungsspieler.

Die Frage lautet eigentlich nicht mehr, ob Götze im Sommer wechselt, sondern nur noch, wohin er wechselt. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Verantwortlichen des BVB und das Götze-Lager in den Gesprächen über eine mögliche Vertragsverlängerung, die es in den vergangenen zwölf Monaten immer mal wieder gegeben hat, unterschiedliche Gehaltsvorstellungen vorgetragen haben, mittlerweile aber in erster Linie an der fehlenden sportlichen Perspektive Götzes in Dortmund – und deswegen besteht inzwischen Einigkeit, dass es wohl das Beste für beide Seiten ist, wenn sich die Wege ab Juli trennen.

Mailand hatte Interesse an Götze – dann kam das Coronavirus

Im vergangenen Sommer zeigte Inter Mailand gesteigertes Interesse, doch Götze blieb, auch wegen der positiven Eindrücke aus der Rückrunde, beim BVB. Etwas mehr als ein halbes Jahr später ist Italien zum Epizentrum der Corona-Krise geworden. Wann das Land und der italienische Fußball wieder auf die Beine kommen werden, ist unklar. Ganz allgemein stellt sich im Fußball die Frage, wie sich der Transfermarkt im Sommer verändern wird.

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Götze ist als ablösefreier Spieler sicher in einer guten Position, wenn es darum geht, einen neuen Verein zu finden. Dass er auch in einer guten Position ist, um seine Gehaltsvorstellungen durchzudrücken, muss stark bezweifelt werden.

Viele Fragezeichen bei Mario Götze

Wie geht es also weiter? Was will Götze selbst? Und welcher Klub kann, welcher Klub möchte sich einen Götze, bei dem niemand so genau vorherzusagen vermag, wie wertvoll er noch mal für einen Verein werden kann, in der kommenden Saison noch leisten? Dabei sind Götzes Qualitäten trotz seiner Tempodefizite unbestritten.

Es gibt nicht viele Spieler auf der Welt, die mit so viel Talent gesegnet sind wie er, doch die vergangenen Jahre mit mehr Abs als Aufs haben Interessenten vorsichtig werden lassen, die Corona-Krise wird sie bei Transferentscheidungen noch vorsichtiger werden lassen.

Bayer Leverkusen beschäftigt sich mit Mario Götze

Nach Informationen dieser Redaktion beschäftigt sich Bayer Leverkusen mit der Personalie Götze, allerdings vor allem für den Fall, dass Kai Havertz die Werkself im Sommer verlässt, was angesichts der Corona-Epidemie plötzlich längst nicht mehr als so sicher gilt wie noch vor ein paar Wochen. Götze sei, so heißt es unterm Bayer-Kreuz, in der engeren Auswahl für eine mögliche Havertz-Nachfolge. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Als Fürsprecher Götzes in Leverkusen gelten dabei auch die Trainer Peter Bosz und Hendrik Krüzen, die Götze aus der kurzen gemeinsamen Zeit in Dortmund kennen und schätzen. 2017 war das. Götze, der unter Bosz im Schnitt 75 Minuten pro Spiel auf dem Rasen stand, wenn er fit war, und damit so viel Spielzeit sammelte wie unter keinem anderen BVB-Trainer seit seiner Rückkehr aus München, kam damals nach überstandener Stoffwechselkrankheit zurück aus einer langen Pause – und zeigte unter dem Niederländer schnell eine aufsteigende Formkurve, bis er sich schließlich im November beim 4:4 im Derby gegen Schalke 04 einen Bänderriss im Sprunggelenk zuzog und erst wieder Fußball spielen konnte, als Peter Bosz längst durch Peter Stöger auf der Dortmunder Trainerbank ersetzt worden war.

Götze und Bosz würde erneut passen

Noch ein paar Tage vor diesem denkwürdigen Derby hatte Götze den beim BVB zunehmend in die Kritik geratenen Bosz in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ verteidigt. Man müsse Bosz Zeit geben, hatte er gefordert. „So eine Philosophie, so ein offensives System findet man nicht häufig. Mir liegt und gefällt das sehr. Viel Ballbesitz, offensives Denken, schnelles Umschalten bei Ballbesitz, das finde ich sehr gut“, sagte Götze damals. Bosz sei „ein toller Trainer“.

25. September 2017: Dortmunds Trainer Peter Bosz (l.) und Mario Götze sitzen bei einer Pressekonferenz auf dem Podium.

25. September 2017: Dortmunds Trainer Peter Bosz (l.) und Mario Götze sitzen bei einer Pressekonferenz auf dem Podium. © picture alliance / Bernd Thissen

Tatsächlich scheint Bayer Leverkusen die vermutlich einzige ernst zu nehmende Option für Götze innerhalb der Bundesliga zu sein. Nicht so zahlungskräftig wie der BVB, aber immerhin. Nicht so sicher in der Champions League dabei wie der BVB, aber immerhin. Und obendrein ein ruhiges Umfeld mit einem Trainer, der an Götze glaubt und eine Spielidee predigt, die dem ballsicheren und spielintelligenten Götze durchaus entgegenkommt.

Hertha hatte Interesse an Götze

Zuletzt geisterte darüber hinaus auch immer mal wieder ein vermeintliches Interesse der Hertha aus Berlin an Götze durch die Gerüchteküche. Götze solle ein zentraler Baustein auf Herthas Weg zum „Big City Club“ sein, angetrieben von den Finanzspritzen des Investors Lars Windhorst. Doch spätestens seit Jürgen Klinsmanns spektakulärer Facebook-Flucht aus der Hauptstadt scheint diese Spur kälter zu sein als sibirische Winter. Dazu passt die jüngste Aussage von Herthas Manager Michael Preetz. Seiner Kenntnis nach, erklärte Preetz gegenüber der „Bild“, habe es Klinsmann im Winter „zumindest bei Mario Götze versucht“. Er habe „da aber keine Rückmeldung bekommen“.

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Götze selbst hat der Öffentlichkeit noch keine Rückmeldung gegeben, wo er seine Zukunft sieht. Mit 27 Jahren ist er im besten Fußballeralter. Er ist fit und er ist gesund. Trotzdem liegt der Verdacht nahe, dass die Topklubs in Europa nach den Eindrücken dieser Saison im Sommer nicht zwangsläufig Schlange stehen und um Götzes Hand anhalten werden.

Götze wird wohl weniger Geld als in Dortmund verdienen

Der ehemalige Nationalspieler muss für sich die Frage beantworten, ob er nach zehn Jahren im Profigeschäft noch den Ehrgeiz verspürt, sich in der Bundesliga zu beweisen und es seinen Kritikern noch einmal zu zeigen – auch für weniger Geld als in Dortmund. Vielleicht ja in Leverkusen. Oder ob er eher Lust auf das Ausland hat – vielleicht ja sogar auf ein richtiges Abenteuer. Ein bisschen Zeit bleibt Götze zum Glück noch, um den Markt zu sondieren.

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