Und ewig fällt das Wembley-Tor! Ex-BVB-Torhüter Hans Tilkowski wurde vielen zum Vorbild

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Borussia Dortmund und alle Fußballfreunde in Deutschland trauern um Hans Tilkowski - einen großartigen Menschen und Torhüter, der vielen zum Vorbild wurde. BVB-Archivar Gerd Kolbe blickt zurück.

von Gerd Kolbe

Dortmund

, 06.01.2020, 19:09 Uhr / Lesedauer: 4 min

Zwischen dem Borsigplatz, der legendären Geburtsstätte des BVB, und dem Signal Iduna Park gibt es in Dortmund den „Walk of Fame“. Es ist ein „Sternenweg“ der wichtigsten Ereignisse und Persönlichkeiten aus der Geschichte Borussia Dortmunds. Es kann nicht verwundern, dass einer der in den Boden eingelassenen Sterne dem Mann gewidmet ist, der als der beste Torhüter in der gesamten BVB-Historie gilt: Hans Tilkowski, der jetzt im Alter von 84 Jahren nach längerer Krankheit verstorben ist. Der BVB und alle Fußballfreunde in Deutschland trauern um einen großartigen Menschen und Torhüter, der vielen zum Vorbild wurde.

Hans Tilkowski oder Paul Newman?

Der „schwarze Hans“, wie er wegen seines dunkel gehaltenen sportlichen Outfits gern von seinen Fans genannt wurde, hatte viel Ähnlichkeit mit dem Hollywood-Star Paul Newman, mit dem er bei einem Besuch in den USA sogar mehrfach verwechselt wurde.

Hans Tilkowski erblickte am 12. Juli 1935 im Dortmunder Vorort Husen das Licht der Welt. Nur einen Steinwurf von seiner elterlichen Wohnung in der Westicker Straße entfernt, befindet sich in Kaiserau die Sportschule des Fußball- und Leichtathletikverbandes Westfalen, die dem Keeper mit dem Hans-Tilkowski-Haus ein bleibendes Denkmal gesetzt hat. Ähnlich wie seine spätere Heimatstadt Herne, die nach ihm eine Schule benannte.

Tilkowski startet seine Karriere als Stürmer

Der Bergmannssohn Hans Tilkowski wuchs im Dunstkreis der Bahnlinie von Kamen nach Dortmund auf. Nach dem Besuch der Volksschule und den Wirren des Zweiten Weltkriegs absolvierte er ab 1950 eine Lehre als Stahlbauschlosser. 1959 heiratete er seine große Lebensliebe Luise, mit der er die Kinder Ralf, Uwe und Susanne bekam.

Schon 1946 trat Hans Tilkowski dem SV Husen bei und tummelte sich zunächst als Stürmer auf dem rechten Flügel. Einer seiner Mitspieler hörte auf den später ebenfalls klangvollen Namen Adi Preißler. Dann fehlte eines Tages der Torwart, Tilkowski vertrat ihn, und von Stund an hatte er einen neuen Stammplatz gefunden. Auf sein gutes Auge und seine exzellenten Reflexe konnte er sich auch als junger Faustkämpfer beim „Boxring Kaiserau“ verlassen.

Herberger vermerkt Tilkowski in seinem berühmten Notizbuch

1949 folgte der Wechsel zum SuS Kaiserau, wo seine eigentliche Karriere als Torhüter begann. Der begabte junge Mann wurde in die Westfalenauswahl berufen und profitierte von den Lehrgängen des Fußballverbandes in der neuen Sportschule in Kaiserau, die schon damals eine wichtige Talentschmiede war. Es folgten Einladungen des Westdeutschen Fußball-Verbandes in Duisburg mit Schulungen unter Dettmar Cramer, der Tilkowski weiter formte und prägte.

Bald schon wurde die Oberliga auf den stellungssicheren Nachwuchsmann aufmerksam. Schalke hätte sein erster Klub als Vertragsspieler werden können, wenn dort nicht Manfred Orzessek bereits die Nummer eins im Tor gewesen wäre. Also führte Tilkowskis Weg zu Westfalia Herne. Im ersten Jahr bei der Westfalia kam der Neuling bereits auf 26 Einsätze. Sepp Herberger vermerkte Tilkowski in seinem berühmten Notizbuch. Testspiele im DFB-Trikot folgten, Einsätze in der B-Nationalmannschaft und im April 1957 sein Nationalelf-Debüt in Amsterdam gegen die Niederlande.

Große Enttäuschung für Tilkowski vor der WM in Chile

Tilkowskis herausragende Leistungen waren die Grundlage dafür, dass Herne 1959 Westdeutscher Meister wurde und an den Spielen um die „Deutsche“ teilnahm. Letzteres gelang auch in den beiden folgenden Jahren.

Eine der großen Enttäuschungen brachte die Fußball-WM in Chile. Sepp Herberger stellte den Ulmer Wolfgang Fahrian ins WM-Tor. Der Erfolg war bescheiden - und Tilkowski sauer. Der Dortmunder soll sogar seine Enttäuschung am Mobiliar seiner WM-Unterkunft ausgelassen haben. Mit Herberger gab es einen Bruch, der erst 1964 gekittet wurde.

Furioser Konkurrenzkampf zwischen Tilkowski und Wessel

Als die Fußball-Bundesliga 1963 eingeführt wurde, gehörte Herne nicht zu den auserwählten Vereinen der großen 16. Deshalb wechselte Tilkowski zu Borussia Dortmund und bestritt einen furiosen Konkurrenzkampf mit dem bisherigen Stammtorwart Bernhard Wessel, den der Mann aus Husen letztlich zu seinen Gunsten entschied.

Und ewig fällt das Wembley-Tor! Ex-BVB-Torhüter Hans Tilkowski wurde vielen zum Vorbild

Mit dem BVB gewann Tilkowski (r.) 1966 den Europapokal der Pokalsieger © imago/United Archives International

Es folgten die legendären Spiele gegen den Europapokalsieger Benfica Lissabon. Das Hinspiel verloren die Borussen mit 1:2. Hans Tilkowski avancierte mit seinen tollkühnen Robinsonaden zum „Helden von Lissabon“. Mit dem 5:0-Rückspielsieg in Dortmund wurde ein Fußballwunder geschaffen, das noch heute als unzerstörbare Legende taufrisch wirkt.

Erst Pokalsieger mit dem BVB, dann das legendäre WM-Finale

1965 wurde der BVB mit seinem mittlerweile international renommierten Torwart, der in diesem Jahr als erster Keeper überhaupt Deutschlands Fußballer des Jahres wurde, DFB-Pokalsieger. Das war die Grundlage für die Teilnahme am Europapokal der Pokalsieger im Jahr danach, den Borussia Dortmund als erste deutsche Mannschaft mit Hans Tilkowski im Tor am 5. Mai 1966 in Glasgow gegen den FC Liverpool mit 2:1 gewann. „Tilkowski hatte mit seinen Paraden im Endspiel und auf dem Weg dorthin entscheidenden Anteil“, sagte BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball.

Folgerichtig nahm Herberger-Nachfolger Helmut Schön vier Borussen - Hans Tilkowski, Wolfgang Paul, Lothar Emmerich und Siggi Held - mit zur WM nach England. Hier avancierte Tilkowski zum Weltstar, der als Meister des Stellungsspiels in einem Atemzug mit Lew Jaschin (UdSSR) und Gordon Banks (England) genannt wurde.

„Und ewig fällt das Wembley-Tor“

Im WM-Endspiel gegen Gastgeber England fiel dann das Tor, über das die Fußballwelt seit fast 50 Jahren erbittert diskutiert. Gemeint ist das angebliche 3:2 für England von Geoff Hurst, von dem man heute weiß, dass es irregulär erzielt wurde, weil der Ball noch vor der Torlinie aufschlug. Da „Til“ auf diese Situation tausende Male angesprochen wurde, heißen seine Memoiren auch folgerichtig „Und ewig fällt das Wembley-Tor“. Seine Zeit im DFB-Dress endete 1967 in Dortmund mit dem EM-Qualifikationsspiel gegen Albanien. Mit 39 Länderspielen auf dem Buckel war er damals Rekord-Nationaltorwart des DFB.

Und ewig fällt das Wembley-Tor! Ex-BVB-Torhüter Hans Tilkowski wurde vielen zum Vorbild

Das legendäre Wembley-Tor erlebte Hans Tilkowski hautnah. © dpa

Nach seiner aktiven Zeit, die in Frankfurt endete, wurde Tilkowski Trainer. Das Trainerdiplom an der Sporthochschule in Köln bestand er mit der Note „sehr gut“. Zu den von ihm betreuten Vereinen gehörten der TSV München 1860, der 1. FC Nürnberg, mit dem er 1976 nur knapp am Bundesliga-Aufstieg (gegen den BVB) scheiterte, Werder Bremen, Saarbrücken und AEK Athen.

Tilkowski schaut über den sozialen Tellerrand hinaus

Schon zu seiner aktiven Zeit als Fußballer schaute Hans Tilkowski gern über den sozialen Tellerrand hinaus. Seinen eigenen sportlichen und gesellschaftlichen Erfolg sah er nie als selbstverständlich an. So spielte er fast ein Jahrzehnt in der Uwe-Seeler-Elf für wohltätige Zwecke. Danach begann er, eigene soziale und caritative Aktionen zu organisieren. Zu den herausragenden Benefiz-Initiativen gehörte 1989 das Spiel einer Ruhrgebiets-Auswahl gegen eine Weltelf. 300.000 D-Mark kamen im Stadion Rote Erde für Unicef zusammen.

Hilfsaktionen für leukämie- und tumorkranke Kinder folgten, Hans Tilkowski wurde Ehrenbotschafter der Organisation „Friedensdorf International“. Und, und, und.... Da kann es nicht verwundern, dass der „schwarze Hans“ für sein vorbildliches Engagement auch mehrfach ausgezeichnet wurde. Hier seien nur das Bundesverdienstkreuz am Bande, der Verdienstorden des Landes NRW und das Bundesverdienstkreuz erster Klasse erwähnt.

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