Tuchel weckt Paris auf - doch der ehemalige BVB-Trainer steht gewaltig unter Druck

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Für BVB-Gegner Paris zählt nur die Königsklasse! Julien Moment moderiert die Champions League im französischen TV und weiß: Thomas Tuchel steht gewaltig unter Druck.

Dortmund

, 17.02.2020, 06:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Mit welchen Erwartungen geht PSG in das Achtelfinale gegen Borussia Dortmund?
Die Erwartungen in ganz Frankreich sind immer die gleichen, seitdem die Kataris eingestiegen sind: PSG soll in naher Zukunft die Champions League gewinnen. Doch dieses Ziel musste bisher in jedem Jahr abgeschrieben werden. In der vergangenen Saison sah man sich auf einem guten Weg, mit Trainer Thomas Tuchel kam frischer Wind, aber dann kam der Crash gegen Manchester United, der sehr geschmerzt hat. Ich denke, dass Borussia Dortmund sogar noch stärker einzuschätzen ist als ManU vor einem Jahr. Daher sind bei PSG alle sehr wachsam seit der Auslosung des Achtelfinales, gerade wegen der Serie von frühen Abschieden aus dem Wettbewerb. Sicher bin ich mir, dass wir vor zwei aufregenden, unterhaltsamen und wirklich offenen Spielen stehen.


Warum ist Paris in den vergangenen Jahren immer vorzeitig ausgeschieden? Und warum könnte es diesmal anders kommen?

Zuletzt kamen immer wieder andere Faktoren zusammen. Vor einem Jahr fehlte Superstar Neymar verletzt, er ist ein Schlüsselspieler. Gegen United hat PSG das Rückspiel verbockt, sich mit groben individuellen Fehlern das Leben schwer gemacht, obwohl man eigentlich in beiden Partien überlegen war. Das kann man durchaus als mentale Schwäche auslegen: Sobald sich PSG unerwarteten Widerständen gegenübersieht und richtig leiden muss, hat die Mannschaft Probleme mit dem Druck und dem psychischen Stress. Unter Ex-Trainer Unai Emery waren sich Mannschaft und Coach auch nicht immer einig über die Herangehensweise. Aber die riesige Qualität in diesem Kader muss sich irgendwann auszahlen. In dieser Saison sind in Ander Herrera und Idrissa Gueye noch zwei echte Teamplayer hinzugekommen. Und Tuchel hat mehrfach bewiesen, dass er mit seinen taktischen Kniffen auch in großen Spielen ein entscheidender Faktor sein kann.

Julien Moment moderiert die Champions League im französischen TV.

Julien Moment moderiert die Champions League im französischen TV. © privat

Wie würden Sie den Einfluss von Tuchel bei PSG beschreiben? Wie wird er in Frankreich eingeschätzt?

Ich würde sagen, dass er hier sehr positiv gesehen wird. Er hat von Anfang an versucht, mit den Superstars eine enge Beziehung aufzubauen. Mir persönlich gefällt es sehr, dass er detaillierte Einblicke in seine taktischen Gedanken preisgibt. Er hat sogar einmal in unserer Sendung Videomaterial aus seiner Zeit beim BVB gezeigt und Stärken und Schwächen analysiert. Ich bin sehr gespannt, was er sich für die Duelle mit seinem Ex-Klub einfallen lässt.


Die Champions League gewinnen oder fliegen - sind das die Optione n, die Tuchel hat?

Wie groß Tuchels Rückhalt im Klub ist, lässt sich nur schwer abschätzen. Unstrittig ist, dass ein schwaches Abschneiden in der Champions League als ein großes Versagen einzuordnen ist. In der Ligue 1 ist der Qualitätsunterschied zum Rest der Liga einfach zu groß, um dort nicht auf Platz eins zu landen. Voriges Jahr ist PSG aus dem Pokalwettbewerb ausgeschieden, das hat sofort Kratzer hinterlassen. Und wenn Paris in der Königsklasse nicht mindestens ins Halbfinale einzieht, wird Tuchel automatisch in Frage gestellt. Es käme allerdings auch auf die Art und Weise an, wie sich PSG aus der Affäre zieht.

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Wir kennen Neymar, Kylian Mbappe und andere Ausnahmekönner wie Angel Di Maria. Wie würden Sie die Mannschaft in Gänze beschreiben?
Neymar ist in herausragender Verfassung, Mbappe kann mit seinem horrenden Tempo ein Spiel jederzeit verändern. Mauro Icardi ist ein exzellenter Abschlussspieler, Thiago Silva immer noch ein sehr solider Verteidiger. Für diese Saison hat PSG sinnvolle Ergänzungen gemacht: In Keylor Navas kam ein großartiger und erfahrener Torhüter dazu, Herrera und Gueye sind gute Balleroberer, der Spanier Pablo Sarabia spielt sehr mannschaftsdienlich. Insgesamt wirkt der Kader sehr ausbalanciert und das Personal lässt Tuchel viele verschiedene taktische Möglichkeiten.


Was sind die Stärken dieser Mannschaft? Und welche Schwächen zeigt sie?

Die größte Stärke ist offensichtlich die herausragende individuelle Qualität der Offensivspieler. Neymar spielte zuletzt in Topform, Mbappe sehe ich als einen der besten Stürmer Europas. Icardi ist eine super Ergänzung zu ihm, Di Maria bringt zusätzliche Kreativität ein. Diese Mannschaft kann mit Positionsspiel glänzen, sehr schnell umschalten oder aus der Defensive heraus agieren dank ihrer individuellen Klasse, der angreifenden Flügelspieler oder schneller Kombinationen. Vor allem die Konter sind brandgefährlich, wenn Neymar und Di Maria mit tödlichen Zuspielen Mbappe in Szene setzen, dem aufgrund seines Tempos schon kleine Lücken im Abwehrverbund reichen. Als entscheidend stellt sich immer die Frage nach der defensive Balance heraus: Wenn die „Fantastischen Vier“, also Neymar, Mbappe, Di Maria und Icardi, zusammen auf dem Platz stehen, geht die Kompaktheit verloren. Dann ist die Mannschaft zweigeteilt. Ob sie gegen Dortmund besser gemeinsam verteidigen? Können die vier Spieler vorne ausreichend gut pressen, um ihre Defizite in der Defensivarbeit zu kompensieren? Tuchel muss mit seiner Aufstellung die Antwort darauf geben, ob Chancen oder Risiken überwiegen.

Vor welchen Borussen hat man denn in Paris Respekt?

Auch in Frankreich verfolgen wir sehr genau die ersten Spiele von Erling Haaland beim BVB. Mit seiner herausragenden Abschlussqualität kann er in den beiden K.o.-Spielen ein entscheidender Faktor sein. Die Aufmerksamkeit muss sich Haaland mit Jadon Sancho teilen mit seiner großen Begabung und der Qualität im Eins-gegen-Eins. Mich persönlich beeindrucken auch der Speed von Achraf Hakimi und das Spielgeschick von Julian Brandt. Und ich bin gespannt, ob Neuzugang Emre Can in Dortmunds Defensive eine bedeutende Rolle übernehmen kann.


In Deutschland wird PSG sehr kritisch beäugt wegen der hohen Investitionen aus Katar und der Verletzungen des Financial Fair Plays der UEFA. Wie wird das in Paris gesehen?

Dieser Punkt wird immer als erster genannt, wenn es um Kritik an PSG geht und um die Erfolge des Klubs im vergangenen Jahrzehnt. Die unangefochtene Vorherrschaft in Frankreich wird von einigen als Problem für die französische Liga betrachtet. Es ist ja eindeutig, dass PSG als ein Werkzeug der Kataris genutzt wird, die auch an anderen Stellen groß in Paris investieren. Die Vorwürfe werden aber von manchen Klubs auch als Ausrede missbraucht für ihre eigenen Verfehlungen. Wer sagt, bei PSG könne man halt nicht mithalten, macht es sich zu leicht. Ein Spitzenklub in Paris erklärt nicht die strukturellen Defizite und die fehlenden Visionen an anderen Orten. Die fehlende nationale und internationale Konkurrenzfähigkeit haben sich die Klubs hinter PSG auch selbst zuzuschreiben.

Thomas Tuchel (l.) pflegt einen engen Draht zu den PSG-Superstars - hier Kylian Mbappe.

Thomas Tuchel (l.) pflegt einen engen Draht zu den PSG-Superstars - hier Kylian Mbappe. © dpa

Wer kommt ins Viertelfinale?

Ich erwarte zwei sehr ausgeglichene Spiele. Wenn die Partien offen verlaufen, dann sehe ich Paris aufgrund der höheren individuellen Klasse leicht im Vorteil. Die Stabilität von Dortmunds Defensive dürfte ein Schlüsselfaktor werden: Kann der BVB in der Abwehr dem Druck standhalten und Fehler vermeiden, dann wird dieses Achtelfinal-Duell sehr eng. Also, ich sehe Paris ganz leicht im Vorteil, aber ich würde Dortmunds wundervolle Mannschaft niemals vorher abschreiben.

Alle Infos rund um BVB gegen PSG gibt‘s in unserem News-Ticker.

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