Start in die Vorbereitung: Das erwartet die BVB-Profis bei der Leistungsdiagnostik

dzBorussia Dortmund

Mit der Leistungsdiagnostik startet der BVB in die Vorbereitung. Im Interview spricht Professsor Alexander Ferrauti über Laktattests, einen Überfluss an Daten und individuelle Belastungssteuerung.

Dortmund

, 02.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Der BVB startet am Mittwoch mit einem Laktattest in die Sommervorbereitung. Warum wird das gemacht und welche Werte werden dabei bestimmt?
Die anstehenden Untersuchungen sind Bestandteil der Kooperation zwischen der Fakultät für Sportwissenschaft und Borussia Dortmund. Momentan steht die Ausdauerdiagnostik im Vordergrund. Sie kann unter Laborbedingungen auf dem Laufband durchgeführt werden - dann werden üblicherweise auch die Atemgase bestimmt, um beispielsweise die maximale Sauerstoffaufnahme zu ermitteln. Mit den Juniorenmannschaften erfolgen Feldstufentests auf der Laufbahn, weil in kurzer Zeit ein ganzer Mannschaftskader untersucht werden kann. Als zentraler Messwert wird hierbei neben der Herzfrequenz auch die Blutlaktatkonzentration bestimmt - von der man weiß, dass sie bei zunehmender Belastung ansteigt. Es gilt die einfache Regel: Bei gut Ausdauertrainierten erfolgt dieser Anstieg erst bei höheren Laufgeschwindigkeiten. Jeder Laufgeschwindigkeit können wir eine Laktatkonzentration zuordnen und daraus für jeden Spieler nicht nur die aktuelle Leistungsfähigkeit bestimmen, sondern auch Trainingsempfehlungen für das Ausdauertraining ableiten.

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Wie lange dauert die Auswertung?
Die Trainer möchten zu Beginn der Saisonvorbereitung die Ergebnisse natürlich so schnell wie möglich einsehen, denn sie liefern wichtige Orientierungen für die Trainingssteuerung. Auf der anderen Seite betreuen wir in der jetzigen Phase sehr viele Mannschaften - aber wir bemühen uns, die Ergebnisse bereits nach wenigen Tagen zur Verfügung zu stellen.


Welche Tests kommen darüber hinaus auf die Dortmunder Spieler zu?
Leistungsdiagnostische Untersuchungen erfassen neben der reinen Ausdauer beispielsweise auch andere athletische Fähigkeiten wie Schnelligkeit, Kraft und funktionelle Beweglichkeit. Die Profis werden außerdem im Lehrstuhl für Sportmedizin und Sporternährung unter der Leitung von Frau Prof. Petra Platen einer umfangreichen ärztlichen Gesundheitsuntersuchung unterzogen, weil es natürlich wichtig ist, dass das Herz-Kreislauf-System höchste Belastungen toleriert. Ein zusätzlicher Parameter ist beispielsweise auch die dynamische Sehleistung, die unter sehr sportartspezifischen Bedingungen in der Sportmedizin getestet werden kann.

Start in die Vorbereitung: Das erwartet die BVB-Profis bei der Leistungsdiagnostik

Hier zapft der Chef persönlich: Prof. Dr. Alexander Ferrauti (l.) beim Laktattest der BVB-U19 am Montag. © Groeger

Wie bewerten Sie die Entwicklung dieser sportwissenschaftlichen Verfahren in den vergangenen Jahren?
Grundsätzlich ist eine sportwissenschaftliche Unterstützung im Leistungsfußball von großer Bedeutung und die Verfügbarkeit praxisrelevanter Methoden nimmt zu. Während Feldstufentests zur Messung der Ausdauer schon seit den frühen 1990er-Jahren in der Bundesliga durchgeführt wurden, liegt das Bestreben heutzutage zusätzlich im Monitoring der täglichen Belastung. Unter der externen Belastung versteht man, welche Distanz die Spieler mit welcher Geschwindigkeit in Training und Wettspiel zurücklegen - das kann aus GPS-Daten inzwischen sehr genau festgestellt werden. Zusätzlich interessiert die Beanspruchung, der sogenannte Internal Load. Heißt übersetzt: Was geht im Athleten vor? Wie empfindet er die Belastung? Aber auch da lassen sich harte Daten - vor allem die Verweildauer in bestimmten Herzfrequenzzonen oder die Messung von Ermüdungsmarkern im Blut - über moderne Methoden feststellen.

Prof. Dr. Alexander Ferrauti ist Lehrstuhlinhaber für Trainingswissenschaft an der Fakultät für Sportwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum.


Lauern bei einer so großen Anzahl an Daten und Werten auch Gefahren?
Ja, die Gefahr besteht darin, dass es zu einem Überfluss an Daten kommt. Damit muss das Betreuerteam umgehen können. Folglich benötigt man zukünftig eine sportwissenschaftlich ausgebildete Schnittstelle zwischen Daten und Coach. Der Trainer muss ja in erster Linie das Kerngeschäft erfolgreich meistern. Zusätzliche müssen Experten aus der Datenflut die für die Praxis relevanten Daten filtern, so dass nur zweckmäßige Informationen für die Trainingssteuerung in den Prozess einfließen. Derartige Kompetenzteams entstehen zunehmend in den Profivereinen, aber der Entwicklungsprozess ist noch lange nicht abgeschlossen.


Beim BVB spricht man gerne und häufig von der individuellen Belastungssteuerung. Wie wichtig ist diese Form des Trainings?
Es ist die Zukunft, ganz klar. Jeder Athlet ist ein Unikat und bedarf einer eigenen Trainingssteuerung. Aus einer differenzierten Leistungsdiagnostik können individuelle Athletik-Trainingsprogramme maßgeschneidert verabreicht werden. Das bedeutet natürlich mehr organisatorischen Aufwand, man benötigt eine passende Trainingsstätte und mehr Trainer.

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Können Sie ein Beispiel für Individualisierung nennen?
Es gibt immer noch nicht ausgewiesene Torhüterdiagnostik. Es ist ja eindeutig, dass ein Torhüter anderen Anforderungen unterliegt als ein Feldspieler. Wir haben daher einen speziellen Torhütertest entwickelt, der in dieser Form international einmalig ist. Ein zweites Beispiel ist der Einwurf. Er ist ein wichtiges Element im Spiel, aber es gibt zu wenige auf Einwurf spezialisierte Spieler. Dies ist ein brachliegendes Potenzial. Man sollte somit zusätzlich die Einwurfleistung feststellen - und mit ausgewählten Spielern ein zusätzliches Training durchführen. Diese Maßnahme müsste bei bestimmten Aktionen vor dem gegnerischen Tor in Automatismen eingebunden werden. So stellen wir uns Individualisierung vor.

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