Sportdirektor Michael Zorc über BVB-Fans: „Ein ganz besonderes Plus“

dzExklusiv-Interview

BVB-Sportdirektor Michael Zorc spricht im Exklusiv-Interview über Personal-Planungen, Geisterspiele und Herausforderungen. Über seine Zukunft möchte er nicht nachdenken.

Dortmund

, 11.05.2020, 05:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Michael Zorc, wie haben sich Ihre Arbeitstage und Aufgaben in den vergangenen sieben Wochen geändert aufgrund der Corona-Krise?

Der Transfermarkt ist durch die Corona-Krise und den Lockdown in den Hintergrund gerückt, in dieser Hinsicht fehlt natürlich die Tagesaktualität in meinem Job. Ich habe stattdessen vor allem an langfristigen Themen und vorbereitenden Tätigkeiten für Tag X gearbeitet, also für den Tag, an dem der Ball wieder rollt. Es gab genug zu tun. Ich war fast täglich im Büro und habe die aktuelle Virus-Nachrichtenlage gesichtet.


Sie sind oberster Personal-Planer des BVB. Wie sehr hat Sie die Tatenlosigkeit zurückgeworfen im Bestreben, den Kader zur neuen Saison zu optimieren?

Die allermeisten Klubs in Europa haben eine ähnliche Situation wie wir. Und andere Branchen sind von der Pandemie genauso, teilweise noch viel stärker betroffen. Es gibt für uns im Fußball keinen Grund zum Jammern. Wir alle sind gefordert, das Beste aus der Situation zu machen. Natürlich ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um transfertechnisch ins wirtschaftliche Risiko zu gehen. Wir haben uns in den vergangenen Wochen zum Beispiel auch intensiv mit unseren internen Top-Talenten beschäftigt und nun den Vertrag mit Abwehrspieler Nnamdi Collins verlängert. Das war keine Selbstverständlichkeit, weil der Junge bekanntlich bei mehreren europäischen Spitzenklubs auf der Wunschliste stand.

Jetzt lesen

Bis zum ersten Spiel bleibt nur noch eine knappe Woche Zeit zur Vorbereitung. Welche Herausforderungen bringt das für den Trainer, das Team und den gesamten Klub?

Oberste Priorität ist es nach dieser sehr langen Pause, die Spannung wieder hochzufahren. Es ist für uns alle eine neue Situation, ohne Zuschauer zu spielen. Wir haben in der Champions League in Paris ja jüngst ein einziges Mal die Erfahrung gemacht. Ich muss sagen: Das ist schon alles ein wenig surreal. Was die großen Herausforderungen der vergangenen Wochen angeht, möchte ich ein großes Kompliment an unsere medizinische Abteilung um Dr. Markus Braun richten, der ja auch das DFL-Konzept als Mitglied der Task Force mit entwickelt hat. Unsere Mediziner haben exzellente Arbeit geleistet. Auch Sebastian Kehl, der Leiter unserer Lizenzspieler-Abteilung, hat in der Zusammenarbeit mit allen Fachbereichen einen überragenden Job gemacht. Ich freue mich darüber hinaus sehr, dass uns ab sofort Dr. Philipp Laux als Sportpsychologe dabei helfen wird, kommende Herausforderungen zu bewältigen. Ich kenne ihn noch aus seiner Spielerzeit sehr gut und schätze seine Expertise, zum Beispiel im Bereich der Potentialentwicklung. Ursprünglich hatten wir geplant, das Thema Sportpsychologie im Profibereich erst im Sommer zu implementieren. Aufgrund der besonderen Situation rund um das Virus haben wir dies nun vorgezogen.


Man muss es schaffen, nicht nur den Körper, sondern auch den Geist wieder „hochzufahren“. Wie wirken Sie einem möglichen Spannungsabfall entgegen?

Wie schon gesagt: Es geht um Spannungsaufbau! Wir haben bisher ja vor allem kontaktlos und individuell trainiert. Jetzt muss es ein Schwerpunkt sein, wieder schnell ins echte Mannschaftstraining zu kommen. Die Inhalte sind extrem wichtig, dazu zählen nun auch wieder Zweikämpfe oder Standardsituationen.


Borussia Dortmund ist eine Mannschaft, die aus der Unterstützung durch die eigenen Fans auf den Rängen enorme Energie zieht. Diese Energie wird aber nun bei Geisterspielen fehlen. Wie groß ist ihre Sorge, dass das ein entscheidender Faktor werden könnte im Titelkampf?

Unsere Fans sind natürlich ein ganz besonderes Plus. Gerade bei Heimspielen, das weiß jeder und das zeigt schon ein flüchtiger Blick auf unsere starke Bilanz im Signal Iduna Park. Es wird jetzt in unserer Mannschaft ein sehr hohes Maß an Eigenmotivation und Gruppendynamik erforderlich sein, um Erfolg zu haben und unsere sportlichen Ziele zu erreichen. Denn die bleiben ja die gleichen.

Jetzt lesen

Welche Ziele sind das konkret?

(Lacht) Wir sind aktuell Tabellenzweiter und möchten uns selbstverständlich nicht verschlechtern.


Das Konzept der DFL-Task Force sieht vor, dass Spieler selbst entscheiden können sollen, ob sie während der Corona-Pandemie spielen wollen oder ob ihnen das Risiko zu groß ist. Wie gehen Sie beim BVB mit den Sorgen der Spieler um?

Wenn wir das Hygienekonzept der DFL stringent umsetzen, sehe ich in diesem Beruf ein höchstmögliches Maß an Sicherheit dafür, dass auf dem Platz nur gesunde Spieler gegeneinander antreten. Es gibt Hygiene-Maßnahmen, regelmäßige Tests, Eingriffe in den häuslichen Bereich der Profis. Und auch die vielen Aufklärungsgespräche unserer medizinischen Abteilung mit einzelnen Profis sowie in Gruppen tragen sicher dazu bei, dass kein Spieler ein Problem darin sieht, seinem Beruf nachzugehen. Mein Eindruck ist: Alle BVB-Spieler wollen sehr gerne wieder ihrem Job nachgehen. Unser Mannschaftskapitän Marco Reus hat genau das ja auch jetzt betont.


Welche Auswirkungen wird die Corona-Krise Ihrer Einschätzung nach auf den Transfermarkt im Sommer haben?

Das ist in Gänze noch nicht absehbar. Aber man muss keine große Fantasie haben, um vorauszusagen, dass 2020 kein Boom-Jahr auf dem Transfermarkt wird. Entscheidend dürfte auch sein, ob und falls ja wie und wann es in den anderen großen Ligen weitergehen kann. Die Transferperiode wird ohnehin sicher leicht nach hinten rutschen.


Ganz generell hat sich der Fußball in den vergangenen Wochen viele Vorwürfe anhören müssen. Wo sehen Sie die zentralen Probleme? „Was hat der Fußball in den letzten Jahren falsch gemacht?“, um DFL-Chef Christian Seifert zu zitieren.

Ich habe bei aller berechtigten Kritik ehrlich gesagt den Eindruck gewonnen, dass der Fußball aus der einen oder anderen Interessensgruppe heraus latent mit pauschalen Vorurteilen konfrontiert wurde. Einfach, weil es gerade dem Mainstream entsprach und selten wirklich sachlich unterfüttert. Ich habe immer schon gesagt, dass der Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft ist und er sowohl die guten als auch die schlechten Facetten abbildet. Zugegeben, manchmal in beide Richtungen mit extremeren Ausschlägen. Wir müssen ja gar nicht darüber diskutieren, dass es kein Zeichen von Bodenständigkeit ist, wenn man sich ein Goldsteak bestellt und das auch noch postet - dazu gibt es keine zwei Meinungen. Aber der vielfach kolportierte Eindruck, dass 450 Bundesligaprofis ständig Goldsteaks essen und sich auch sonst nicht ordentlich benehmen, der trägt doch Züge genau jener Oberflächlichkeit, die man an unserer Branche so gerne kritisiert. Zweifellos wird es in Zukunft aber eine große Aufgabe des Profifußballs sein, seiner Vorbildfunktion insbesondere bezogen auf untere Spielklassen und Jugendmannschaften verstärkt gerecht zu werden.

Jetzt lesen

Um ein Signal für mehr Bodenständigkeit zu senden, gibt es den Vorschlag, wie im US-Sport eine Gehaltsobergrenze, den sogenannten „Salary Cap“, in der Bundesliga einzuführen. Was halten Sie davon?
Ein Salary Cap? Prinzipiell herzlich gerne, aber das geht dann nur im europäischen Konsens und vor dem Hintergrund europäischer Rechtsprechung. Dieser Wunsch ist ja Teil einer grundsätzlichen Diskussion, die Anleihen am nordamerikanischen Profisport nimmt. Wir reden beim US-Sport aber über ein Franchise-System. Das bedeutet unter anderem, dass der sportliche Wettbewerb in weiten Teilen ausgeschaltet wird, es gibt zum Beispiel keinen Auf- und keinen Abstieg, um die wirtschaftliche Planbarkeit für alle sicherzustellen. Dort ziehen Klubs auch einfach mal um und ändern ihren Namen. Man stelle sich vor, der BVB würde seine Franchise-Lizenz verkaufen, seinen Namen ändern und plötzlich irgendwo in Niederbayern spielen ...


Gern ein weiteres Jahr in Dortmund spielen würde Routinier Lukasz Piszczek. Darf er?
Lukasz war vor der Pause sportlich sehr stabil, einer unserer Leistungsträger. Er ist sehr integer, schon lange eine Führungsfigur. Wir werden in den kommenden Wochen sicher miteinander sprechen.


Ihr eigener Vertrag bei Borussia Dortmund läuft bis zum Sommer 2021. Können Sie sich ein Leben ohne einen Arbeitsvertrag des BVB nach über 40 Jahren im Verein überhaupt vorstellen - und falls ja: Auch schon so bald?

Das ist in dieser aktuellen Situation nun wirklich nicht wichtig. Ich habe mir noch keine finalen Gedanken dazu gemacht.

Lesen Sie jetzt