So will Daniel Farke mit Norwich City die Premier League rocken

dzEhemaliger BVB-Trainer

Mit Norwich City gelingt Daniel Farke sensationell der Aufstieg in die Premier League. Im Interview spricht der ehemalige Trainer des BVB II über Mentalität, gebrochene Regeln und den Auftakt gegen Liverpool.

Dortmund

, 23.07.2019, 06:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Idylle pur in Harsewinkel. Ein Supermarkt mit Bäckerei, eine Eisdiele und ein Imbiss der alten Schule zieren den Ortskern. Wenige Hundert Meter weiter hat ein Landmaschinen­konzern seinen Hauptsitz.

Internationales Flair in Harsewinkel

Und doch herrscht in dem beschaulichen Ort im Kreis Gütersloh regelmäßig internationales Flair: Das Sporthotel Klosterpforte macht‘s möglich. An einem besonderen Ort hat sich in der vergangenen Woche ein besonderer Fußballverein auf das große Abenteuer Premier League vorbereitet. Norwich City hat in der Spielzeit 18/19 alle Regeln gebrochen und ist souverän in die höchste englische Spielklasse aufgestiegen.

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Vater des Erfolgs ist Daniel Farke. Der ehemalige BVB-II-Trainer hat in den vergangenen Monaten eine Mannschaft mit großer Mentalität geformt. Im Interview mit Florian Groeger spricht der 42-Jährige über einen wilden Ritt, die vielen deutschen Spieler im Kader sowie das Auftaktspiel beim FC Liverpool.


Herr Farke, warum kauft Norwich City die Bundesliga leer?

(lacht) Mit den Top-Vereinen der Bundesliga können wir natürlich nicht um die besten Spieler konkurrieren, wenn man sich unsere Transfers der Spieler aus Deutschland anschaut. Bei Josip Drmic beispielsweise ist der Vertrag in Mönchengladbach ausgelaufen. Wir haben seine Entwicklung verfolgt und wussten, dass er aufgrund einiger Verletzungen schwierige Jahre hinter sich hatte.


Für Aufsehen hat die Verpflichtung Ralf Fährmann gesorgt …

Seine sportliche Situation auf Schalke war schwierig, nachdem er als langjähriger Kapitän und Vereinslegende seinen Status als Nummer eins verloren hat. Da müssen wir als Verein kreativ sein. Wir sind aber weit davon entfernt, die Bundesliga leer zu kaufen (lacht).

So will Daniel Farke mit Norwich City die Premier League rocken

Wagt den Neustart bei Norwich City: Ralf Fährmann. © imago

Haben Sie schon die Entscheidung gefällt, wer als Nummer eins in die neue Saison gehen wird?

Nein. Es war für uns wichtig, noch einen Torhüter mit richtig viel Qualität zu holen. Und mit Ralf haben wir einen sehr, sehr guten Griff getan. Für mich ist er einer der besten deutschen Torhüter. Er hat jahrelang auf Schalke bewiesen, dass er mit Drucksituationen umgehen kann. Für ihn ist es nichts Neues, vor 60.000 Zuschauern zu spielen. Auch von seiner Persönlichkeit her passt er hervorragend in die Truppe. Wir haben ein extrem erfahrenes Torhüterteam mit Ralf, Tim Krul und Michael McGovern - da sind wir top besetzt.


Nach drei Jahren Championship haben Sie Norwich im Mai zurück in die Premier League geführt. Kann man die Saison 18/19 als wilden Ritt bezeichnen?

Es war eine unheimlich intensive Saison, kräfte- und nervenzehrend. Die Abschlusstabelle lügt nicht und man steht auf der Position dann zurecht. Wenn man 94 Punkte holt, fast 100 Tore erzielt, mit fünf Punkten Vorsprung Meister wird und elf Zähler Vorsprung auf Rang drei hat, dann ist das sicher kein Zufall. Unser Aufstieg war verdient. Und diese Erfahrungen und das Selbstvertrauen müssen wir auch mitnehmen in die neue Saison. Wir wissen, dass wir alle Regeln gebrochen haben und es in den Augen vieler Fußballfans eine Sensation war, unter diesen Umständen eine solche Serie zu spielen. Mit der Premier-League-Rückkehr liegen wir vielleicht drei, vier Jahre vor der eigentlichen Zeitplanung des Vereins. Trotzdem nehmen wir das gerne mit und werden unseren Weg, unsere Philosophie nicht verlassen. Jetzt versuchen wir, den nächsten 8000er anzugehen.


Konnten Sie das Geschehene in der Sommerpause verarbeiten oder wird dieser Aufstieg erst richtig greifbar, wenn am 9. August an der Anfield Road wieder der Ball rollt?

Nein. Es war schon so, dass das allen Beteiligten bewusst geworden ist bei den Szenen, die sich nach dem Aufstieg in der Stadt abgespielt haben. Als wir mit unserem Bus-Korso unterwegs waren und man sich mal die Zeit genommen hat, in die Gesichter der Fans zu schauen, hat man schon realisiert, welche Bedeutung dieser Aufstieg und generell dieser Verein im Leben darstellt. Dann wird man demütig und fühlt, welche Verantwortung man in dieser Position hat. Es ist eine unfassbar hohe Wertigkeit des Fußballs im Alltagsleben. Wir hatten eine relativ lange Sommerpause und konnten das in Ruhe sacken lassen.

Viele Spiele wurden in der Nachspielzeit gedreht. Was macht Ihre Mannschaft besonders?

Das hat natürlich auch mit einem gewissen Fitnesslevel zu tun, viele Tore in der letzten Viertelstunde oder der Nachspielzeit zu erzielen. Noch wichtiger ist aber die unfassbare Mentalität. An dieser Geisteshaltung, dieser Siegermentalität haben wir extrem viel gearbeitet. Dieser Spirit war einer der ausschlaggebenden Faktoren. Zudem haben wir eine unheimlich hohe Qualität in Ballbesitz, da haben wir sämtliche Statistiken dominiert. Viele Spieler haben immer wieder Schlüsselrollen übernommen, dadurch konnten wir Verletzungen und Sperren sehr gut kompensieren. Dass das Team größer ist als jeder einzelne Spieler - das hat die Mannschaft verinnerlicht.


Sie haben Ihren Vertrag im vergangenen März bis 2022 verlängert. Daniel Farke und Norwich - das passt sehr gut, oder?

Ich fühle mich extrem wohl und total am richtigen Ort. Ich habe meinen Vertrag ganz bewusst verlängert und mich zu dem Verein bekannt. Ich gehe die nächsten Aufgaben voller Vorfreude an.

„Ich bin und war darauf vorbereitet, auf Top-Niveau zu arbeiten.“
Daniel Farke


Wie bewerten Sie Ihren bisherigen Werdegang von Lippstadt über Dortmund II in die Premier League?

Ich bin da nicht so im Analysemodus (lacht). Es ist ja nicht so, dass das alles auf Knopfdruck passiert. Man entwickelt sich. Wenn ich eine neue Aufgabe angegangen bin, war ich da immer total drauf vorbereitet. Auch jetzt mit dem Aufstieg in die Premier League: Es ist nicht so, dass man da total aufgeregt reingeht. Norwich City habe ich jetzt schon bei über 100 Pflichtspielen betreut. In den Pokalwettbewerben haben wir schon gegen absolute Top-Teams wie Arsenal und Chelsea gespielt. Es ist nicht so, dass man in eine total andere Welt kommt. Ich bin und war darauf vorbereitet, auf Top-Niveau zu arbeiten.


In der neuen Saison wird es deutlich weniger Siege geben als zuletzt …

Das wird man sehen. Ich würde gerne wieder 94 Punkte nehmen - das würde dann bestimmt für Platz zwei reichen (lacht). Wir sind nicht naiv. Aufgrund unserer finanziellen Möglichkeiten sind wir wahrscheinlich Favorit auf Platz 20. Wenn ich sehe, was unser Mit-Aufsteiger Aston Villa bislang finanziell veranstaltet - da können wir nicht mal ansatzweise konkurrieren. Wir haben bislang fast nur ablösefreie Spieler verpflichtet oder ausgeliehen. Wir haben einen Transfer getätigt (Sam Byram, Anm. d. Red.), der sich bei der Ablösesumme im sechsstelligen Bereich bewegt. Wir liegen bei den Transferausgaben auf dem letzten Platz und haben eh die jüngste Truppe. Aber wir werden nicht die weiße Fahne hissen und denken, dass wir in einem Jahr wieder in der Championship (2. Liga, Anm. d. Red.) an den Start gehen. Wir wollen unseren Fußball auf den Platz bringen, das ist unser Hauptmerkmal.


Hat sich die Aufstiegsmannschaft dieses Premier-League-Jahr verdient oder ist das Wunschdenken eines Fußballromantikers?

Verdient haben sie es sich, aber wir können das realistisch einschätzen. Wenn man zwei, drei Spiele in Folge verliert, wird der Druck in kurzer Zeit relativ groß. Dann wird es auch mal Zweifler geben und Leute, die Dinge hinterfragen. Das ist aber normal in diesem Geschäft, da darf man sich nicht von beirren lassen. Man muss bei sich bleiben. In der vergangenen Saison haben wir jede Niederlage mit einem Sieg beantwortet - das ist ein Zeichen von Mentalität. Klar ist auch, dass das jetzt nicht immer gelingen wird.

So will Daniel Farke mit Norwich City die Premier League rocken

Von Lippstadt in die Premier League: Daniel Farke. © imago

Machen Sie sich als Trainer über so ein Szenario Gedanken?

In diesem Geschäft muss man darauf vorbereitet sein. Wenn man die Interna nicht kennt, wird man nur an Ergebnissen gemessen. Die Resultat-Fixiertheit ist in England noch größer ausgebildet als in Deutschland, da können Presse und Fans schon sehr scharf sein. Trotzdem ist das nichts, was meine Arbeit beeinflusst. Ich denke nicht an Punkte und Resultate, die wir holen müssen in einem gewissen Zeitraum, sondern bin voll fokussiert auf die Inhalte.


Das Eröffnungsspiel der neuen Saison heißt FC Liverpool gegen Norwich City. Cool, Oder?

Ja, aber sehr, sehr schwierig (lacht). Ich bin weit davon entfernt, da zu viel rein zu interpretieren. Wenn man sich einen Saisonverlauf ausmalen könnte, würde man Liverpool gerne zwischen zwei Champions-League-Spielen haben, wenn der Fokus in der Liga nicht ganz so da ist. Es ist ein cooles Erlebnis, klar. Aber wir wissen auch, dass Liverpool seit zwei Jahren kein Heimspiel mehr verloren hat. Es ist auch das erste Spiel nach dem Final-Triumph gegen Tottenham - die Jungs werden also total fokussiert sein. Es gibt kaum schwierigere Aufgabe, aber bei uns überwiegt die Vorfreude. Wir werden nicht den Bus vor dem eigenen Tor parken und versuchen, Zeit von der Uhr zu nehmen.

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