Sebastian Kehl bekommt es auf der BVB-Titelmission mit kniffligen Baustellen zu tun

dzBorussia Dortmund

Der BVB macht sich Druck. Die Meisterschale ist das erklärte Ziel. Doch nicht nur der Trainer und seine Profis müssen jetzt liefern. Auch Sebastian Kehl. Der Leiter der Lizenzspielerabteilung bekommt es auf der Titelmission mit einigen kniffligen Baustellen zu tun.

Dortmund

, 30.06.2019, 19:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

Schon als Spieler war Sebastian Kehl eine Führungskraft. Eine klare Ansprache, professionelles Verhalten auf und neben dem Rasen, leidenschaftlich im Zweikampf, extrem hohe Identifikation mit seinem Klub. All das verkörperte Kehl. Ein Glaubwürdigkeitsproblem hatte er also nicht, als er den neu geschaffenen Job bei der Borussia vor genau einem Jahr antrat.

Das Wir-Gefühl steht über allem

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Lizenzspieler-Leiter Kehl fungiert seitdem als Bindeglied zwischen der Mannschaft und den BVB-Bossen sowie Trainer Favre, er soll Entwicklungen im Team erkennen und aufkeimende Probleme lösen. Er soll sicherstellen, dass das Wir-Gefühl über allem steht. Dass die früheren, störenden Eskapaden von Egozentrikern wie Aubameyang und Dembele im aktuellen Kader nicht mehr vorkommen.

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Kein Hollywood in Dortmund. Was das angeht, hat Kehl bislang ganze Arbeit geleistet. Eine kleine Posse über den zum Tottenham-Spiel ins Teamhotel eingeflogenen Star-Friseur, vergessene Pässe zur Abreise am Flughafen, Gerüchte über Partybesuche des sportlich gerade schwächelnden Achraf Hakimi - mehr als das gab es nicht an Störgeräuschen in der vergangenen Saison. Da ging es in vielen Topklubs des Kontinents mitunter deutlich verrückter zu. Dank strikter Regeln holte sich der BVB die Disziplin zurück an Bord. „Ohne die funktioniert ein gutes Miteinander nicht, und der Erfolg wird gefährdet. Unter anderem sind Verspätungen, die Sprache und die Handynutzung wichtige Aspekte für uns“, hatte Sebastian Kehl zu seinem Dienstantritt erklärt.

Binnenklima in der BVB-Kabine passt

Und: Vor allem gab es in Kehls Debütjahr als Lizenzspieler-Chef kein großes Murren unzufriedener Profis. Im Gegenteil: Die Ersatzbank und die Power, mit der Einwechselspieler den BVB oft beflügelten, war über weite Strecken ein großes Pfund der Schwarzgelben. Das Binnenklima in Borussias Kabine passte, Kehl führte viele Einzelgespräche mit den Profis, war stets nah dran an der Mannschaft, im Training, auf Reisen, bei den Besprechungen vor und nach Spielen. Er wirkte als Motivator und vertraulicher Ratgeber.

„Ohne Disziplin funktioniert ein gutes Miteinander nicht, und der Erfolg wird gefährdet.“
Sebastian Kehl

Ein Zauberer aber ist Sebastian Kehl nicht. Als die BVB-Mannschaft nach einer fulminanten Hinrunde im Titelkampf ihre Leichtigkeit und teils ihre Gier verlor, konnte auch Kehl trotz all seiner Erfahrung und Maßnahmen das Ruder nicht herumreißen. Im DFB-Pokal war im Achtelfinale gegen Bremen Schluss, obwohl der BVB in der Verlängerung zweimal geführt hatte. Beim 0:3 in Wembley gegen Tottenham im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League verlor die Borussia nach der Pause völlig die Kontrolle - 0:3. Es war der 13. Februar, Kehls 39. Geburtstag. Der bittere Abend von Wembley stieß einen gefährlichen Trend an. Die Spieler stark zu reden, sie druckresistenter zu machen, es gelang plötzlich nicht mehr. Der BVB verspielte daheim eine 3:0-Führung gegen Hoffenheim, blamierte sich beim 0:0 in Nürnberg und 1:2 in Augsburg - und kassierte mit dem 0:5 in München einen extrem schmerzhaften K.o.

Eine Herkulesaufgabe für Kehl

Dann der Tiefpunkt: Die Derby-Pleite im Signal Iduna Park gegen Schalke, inklusive der Platzverweise für Marco Reus und Marius Wolf. Der BVB hatte seine Nerven nicht mehr im Griff. Am Ende durfte die Borussia zwar eine starke Saison verbuchen - der ersehnte Titel aber war futsch.

Aus den harten Erfahrungen der vergangenen Spielzeit wird Sebastian Kehl seine Lehren ziehen. Ziehen müssen. Denn der Job in der neuen Saison wird nicht leichter werden. Die Erwartungshaltung ist gewachsen, die Borussia will sich endlich wieder die Meisterschale greifen. Also wird auch Kehl noch mehr von den Spielern fordern und sie noch gezielter fördern müssen. Ohne den engen Draht zu ihnen zu verlieren. Eine Herkulesaufgabe, denn die Baustellen haben es in sich.

BVB-Youngster werden nach einer ehrlichen Perspektive fragen

Der BVB verfügt über einen extrem gut besetzten Kader. Stand jetzt ist er mit 38 Spielern sogar noch viel zu groß, um überhaupt geordnet damit arbeiten zu können. Selbst wenn es dem Klub gelingt, noch sieben oder acht Profis abzugeben, wird der Moderator und Diplomat Kehl unterstützend für Trainer Lucien Favre gefordert sein. Denn unzufriedene Profis dürfte es im Saisonverlauf nicht wenige geben. Abdou Diallo droht wegen des Hummels-Einkaufs die Ersatzbank, ebenso wie den Verteidiger-Kollegen Dan-Axel Zagadou und Ömer Toprak. Marius Wolf oder Julian Weigl werden sich zumeist in der Ersatzrolle wiederfinden. Auch einer der ambitionierten Stürmer Paco Alcacer und Mario Götze. Der eine oder andere Star wird auch mal nur auf der Tribüne sitzen. Es wird also viel Fingerspitzengefühl und eine kluge Kommunikation brauchen, um Konflikte oder zu großen Frust zu umschiffen.

Sebastian Kehl bekommt es auf der BVB-Titelmission mit kniffligen Baustellen zu tun

Als Lizenzspieler-Leiter fungiert Sebastian Kehl als Bindeglied zwischen der Mannschaft und den BVB-Bossen sowie Trainer Lucien Favre. © Bielefeld

Auch mit Blick auf die Youngster. Jacob Bruun Larsen, Leonardo Balerdi, Sergio Gomez und die kürzlich mit Profiverträgen aus der U19 hochgezogenen Patrick Osterhage und Tobias Raschl werden die Frage nach einer ehrlichen Perspektive stellen. Ist mehr drin als das Training mit den Profis?

Hummels wird seine Meinung deutlich vertreten

Diese Fragen werden auch die neuen kompetenten Männer an der Schnittstelle zum Juniorenbereich umtreiben: Michael Skibbe und Otto Addo. Sie sollen verlässlich Talente aus Borussias erfolgreicher Nachwuchsschmiede nach oben bringen. In Kehls Lizenzspielerkader.

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Das sagen die BVB-Fans zur Hummels-Rückkehr

Ein immens wichtiger Mosaikstein ist zudem die neue Team-Hierarchie des Meisterschaftsanwärters aus Dortmund. Marco Reus bleibt der Kapitän. Dahinter aber wird es spannend. Ex-Kapitän Mats Hummels wird seine Meinung deutlich vertreten. Auch die gestandenen Nationalspieler Thorgan Hazard, Julian Brandt und Nico Schulz dürften Gehör finden. Dafür rücken die mannschaftsintern bislang so einflussreichen Routiniers Lukasz Piszczek (34) und Marcel Schmelzer (31) sportlich nach hinten. Das zuvor gut funktionierende Wir-Gebilde intakt zu halten und trotzdem neu zu ordnen, wird eine von Sebastian Kehls Schlüssel-Aufgaben werden.

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