Schicksalstag 1. Mai 1921: Wie der BVB in letzter Sekunde gerettet wurde

Zeitspiel

Borussia Dortmund ohne eigenes Stadion - das ist heute unvorstellbar. Vor 100 Jahren sorgte aber genau diese Diskussion für einen Zwist. Mittendrin: BVB-Gründer Franz Jacobi.

Dortmund

von Gerd Kolbe

, 01.05.2021, 12:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
BVB-Gründer Franz Jacobi.

BVB-Gründer Franz Jacobi. © Repro: Kolbe

Als der BVB-Vorstand 1919 das Amtsgericht Dortmund aufsuchte, um den Klub ins Vereinsregister eintragen zu lassen, hatte das einen ganz konkreten Grund: Man wollte als „e.V.“ Rechts- und Geschäftsfähigkeit erlangen, um einige richtungweisenden Vereinsprojekte angehen zu können und dafür die vereinsrechtliche Grundlage zu haben.

BVB ohne Stadion: Franz Jacobi will den „Borussia-Sportplatz“

So beabsichtigten Franz Jacobi und sein Geschäftsführer Heinrich Schwaben beispielsweise, die „Weiße Wiese“ mit eigenen Geldmitteln und erheblicher körperlicher Eigenleistung zum „Borussia-Sportplatz“ auszubauen, um die Verbandsvorgaben für Platzanlagen der angestrebten höheren Ligen zu erfüllen.

Generell war die Sportplatzsituation zur damaligen Zeit in Dortmund schwierig. Die erste Anlage, die die Bezeichnung „Sportplatz“ verdiente, war um 1900 die „Hobertsburg“ am Fredenbaum. Danach hatte sich der DFC 95 im Jahr 1908 einen vereinseigenen Sportplatz zugelegt und die Stadt 1913 den Mendespielplatz errichtet, auf dem mehrere Nord-Klubs kickten. Das war es aber auch schon. Nach dem Ersten Weltkrieg hörte man darüber hinaus von Sportplatzprojekten von Alemannia 05 und BC Sportfreunde 06. Auch der BVB war ambitioniert in Sachen „Sportplatz.“ Hier gestaltete sich die Situation aber schwieriger.

Als aus dem BVB beinahe die „Dortmunder Kickers“ wurden

Als Jacobi und Schwaben im Herbst 1920 mit ihren Stadionplänen konkreter wurden und ihre Absichten offenlegten, war die gern zitierte homogene BVB-Familie auf einmal gespalten. Viele Mitglieder hielten das Projekt finanziell für zu risikoreich und wollten deshalb mit dem Sportverein 08, der ebenfalls in Gelb und Schwarz spielte und auf dem Mendespielplatz zu Hause war, zu den „Dortmunder Kickers“ fusionieren.

Der BVB-Vorstand wurde offiziell beauftragt, mit den Kollegen von 08 entsprechende Verhandlungen zu führen, was auch geschah. Die Gespräche gediehen schneller als gedacht. Der 1. Mai 1921, ein Sonntag und damals noch nicht „Feiertag der Arbeit“, wurde ausgeguckt, um in Mitgliederversammlungen final über die Fusion zu befinden. Jacobi und Schwaben zogen im Vorfeld alle Register, um ihre Mitglieder in letzter Minute von einem Votum pro Zusammenschluss abzuhalten. Um 18 Uhr tagten die Borussen im „Wildschütz“ in der Oesterholzstraße, die 08er um 19.30 Uhr in der „Schmiedingslust“ des Fredenbaums.

Borussia Dortmund wäre beinahe ad acta gelegt worden

Die BVB-Mitglieder stimmten mit knapper Mehrheit für die Fusion, wollten also „Borussia Dortmund“ ad acta legen und damit auch den Namen aus der Sportgeschichte ersatzlos streichen. Die Mitglieder von 08 hingegen votierten völlig überraschend dagegen. Damit rettete der SV 08 die Existenz der Borussia als eigenständigen Verein.

Wie Franz Jacobi kurz vor seinem 90. Geburtstag im Gespräch offenbarte, hatte er gemeinsam mit Heinz Schwaben bei den 08ern „hintenrum“ Stimmung gegen seinen BVB gemacht und so das Abstimmungsverhalten des SV 08 im Sinne einer Ablehnung beeinflusst. Man merkte schnell, dass er ungern über diese Episode und seine Handlungsweise sprach. Immerhin hatte er einem Beschluss der BVB-Mitgliederversammlung zuwider gehandelt. Das war nicht wirklich vereinbar mit seiner Ehre als Hüttenbeamter, auch wenn er dadurch letztlich die Existenz seines Klubs gerettet hatte.

Jacobi kittete den Riss mitten durch die BVB-Familie

Den entstandenen Riss mitten durch die viel beschworene „BVB-Familie“ kitteten Jacobi und Schwaben mit viel diplomatischem Geschick und verstanden es sogar, die Vereinsmitglieder wieder hinter sich und ihren progressiven Stadion-Ideen zu versammeln, sodass man den Ausbau der „Weißen Wiese“ zum „Borussia-Sportplatz“ 1923 angehen und schließlich 1924 realisieren konnte.

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