Sancho, Hakimi und Co.: Lob für Proteste - Sanktionen unwahrscheinlich

Borussia Dortmund

Die BVB-Profis Jadon Sancho und Achraf Hakimi setzen nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd ein Zeichen gegen Rassismus. Sanktionen sind kaum zu erwarten. Dennoch bleiben offene Fragen.

von dpa

Dortmund

, 02.06.2020, 17:53 Uhr / Lesedauer: 3 min
Drei Spieler, eine Botschaft (v.l.): Achraf Hakimi, Marcus Thuram und Jadon Sancho.

Drei Spieler, eine Botschaft (v.l.): Achraf Hakimi, Marcus Thuram und Jadon Sancho. © dpa

Die Sympathie für die Spielerproteste in der Fußball-Bundesliga nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd in den USA ist groß. Die Neigung zur Bestrafung des Schalkers Weston McKennie, der Dortmunder Jadon Sancho und Achraf Hakimi oder anderen wegen ihrer Bekundungen gegen Rassismus ist eher gering - auch wenn die Profis gegen Statuten verstoßen haben.

FIFA zeigt Verständnis „für die tiefen Gefühle und Sorgen“

„Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass der Kontrollausschuss das Thema mit Besonnenheit und Augenmaß behandeln wird“, sagte Hans E. Lorenz, der Vorsitzende des Sportgerichts des Deutschen Fußball-Bundes, am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Selbst der Weltverband FIFA plädierte dafür, dass Solidaritätsgesten von Fußballern in Zusammenhang mit dem nach einem Polizeieinsatz gestorbenen Floyd ungestraft bleiben.

Bei der Anwendung der Regeln solle man sich des „gesunden Menschenverstandes“ bedienen. Die FIFA habe Verständnis „für die tiefen Gefühle und Sorgen, die viele Fussballer angesichts der tragischen Umstände des Falls George Floyd zum Ausdruck gebracht haben“. In den Regeln des DFB heißt es, dass die Spieler keine Unterwäsche mit „politischen, religiösen oder persönlichen Slogans“ zeigen dürfen.

Schalkes McKennie will die Konsequenzen tragen

„Wenn ich die Konsequenzen tragen muss, um meine Meinung zu äußern, meine Gefühle auszudrücken, für das einzustehen, woran ich glaube - dann muss ich das tun“, sagte der 21 Jahre alte Schalker McKennie dem US-Magazin „Forbes“. Der Amerikaner hatte eine Armbinde mit „Justice for George“ im Spiel gegen Werder Bremen getragen. Sancho und Hakimi hatten T-Shirts unter ihren BVB-Trikots mit der Aufschrift „Justice for George Floyd“ (Gerechtigkeit für George Floyd) gezeigt. Gladbachs Marcus Thuram ging symbolisch in die Knie. Und auch Kölns Anthony Modeste schloss sich den Protesten beim 2:4 gegen RB Leipzig mit einer Geste an.

Lob gab es für die Aktionen von höchster Stelle. „Ich habe großen Respekt vor Spielerinnen und Spielern, die Haltung haben und ihre Solidarität zeigen, solche mündigen Spielerinnen und Spieler wünsche ich mir, auf sie bin ich stolz“, sagte DFB-Präsident Fritz Keller. „Moralisch kann ich die Aktionen am vergangenen Wochenende absolut verstehen. Was in den USA passiert ist, kann niemanden kalt lassen.“

Wo ist die Grenze bei politischen Äußerungen?

Es ist somit sehr unwahrscheinlich, dass McKennie und die anderen Spieler mit Strafen rechnen müssen. Zumal der DFB und auch die FIFA selbst immer wieder Kampagnen gegen Rassismus initiieren und eine Bestrafung im Widerspruch stehen würde. Doch eine Frage bleibt: Wo ist die Grenze bei politischen Äußerungen von Sportlern allgemein zu ziehen? Im Fall von George Floyd herrscht weitgehend Konsens. Doch was passiert, wenn ein Fußballer sich auf dem Spielfeld gegen den Unterdrückungsapparat in China oder gegen das Vorgehen des türkischen Erdogan-Regimes gegen politisch Andersdenkende mit Gesten oder Schriftzügen äußert? Die Linien sind fließend.

Nach dem Militärgruß türkischer Nationalspieler in der EM-Qualifikation verwarnte die UEFA 16 Spieler und verhängte eine Geldstrafe in Höhe von 50.000 Euro gegen den türkischen Verband. Die Spieler hatten ihre Unterstützung für die türkischen Streitkräfte ausgedrückt, die in einer Militäroffensive gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien vorgingen. Der Einsatz wurde international scharf kritisiert.

Proteste nach Floyds Tod gehen in Minneapolis weiter

Die Schweizer Nationalspieler Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri heizten 2018 im WM-Spiel gegen Serbien die Stimmung an mit einer Geste, die den albanischen Doppelkopf-Adler symbolisierte. Serbien erkennt das Kosovo mit seiner 90-prozentigen albanischen Bevölkerungsmehrheit nicht als Staat an. Die Spieler und der Verband wurden von der FIFA mit Geldstrafen belegt.

Während die Diskussionen in den Sportverbänden über den Umgang mit politischen Statements möglicherweise erst beginnen, gehen die Proteste nach Floyds Tod in Minneapolis weiter. Nicht nur auf den Straßen in US-Metropolen, sondern auch im Sport. Der Vorsitzende der englischen Anti-Rassismus-Initiative „Kick it Out“, Sanjay Bhandari, forderte jeden Profi-Fußballer in der Premier League auf, ein klares Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Dazu sollen alle Spieler zum geplanten Neustart der Liga am 17. Juni auf die Knie gehen. „Nicht nur die schwarzen Spieler. Auch die weißen - alle“, sagte er dem „Guardian“.

Symbolischer Kniefall beim FC Liverpool und beim FC Chelsea

Die Profis des Tabellenführers FC Liverpool und des FC Chelsea schlossen sich mit einem symbolischen Kniefall im Training den Protesten bereits an. „Genug ist genug“, schrieb Chelseas deutscher Nationalspieler Antonio Rüdiger zu einem Foto, das die Aktion seines Team zeigt. „Wir sind alle MENSCHEN. Gemeinsam sind wir stärker.“ Am Dienstag beteiligten sich in den sozialen Netzwerken viele Menschen weltweit unter dem Hashtag #blackouttuesday an der Bewegung #blacklivesmatter (Schwarze Leben zählen).

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