Rummenigge plaudert aus dem Nähkästchen: „Wir haben den Pott mit Bier gefüllt“

RN-Talk

Beim exklusiv für RN-Abonnenten durchgeführten Talk verriet Michael Rummenigge einige Anekdoten - unter anderem, warum er 1993 vom BVB nach Japan wechselte.

Dortmund

, 08.10.2019, 11:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Rummenigge plaudert aus dem Nähkästchen: „Wir haben den Pott mit Bier gefüllt“

© imago

Michael Rummenigge hat eine bewegte Karriere hinter sich. Bayern München, Borussia Dortmund, Urawa Red Diamonds. In Dortmund hat er mit seiner Familie längst seine Heimat gefunden. „Wir fühlen uns unglaublich wohl hier. Es ist eine tolle Stadt geworden. Wir sind richtige Dortmunder geworden“, so Rummenigge im RN-Talk, der exklusiv für RN-Abonnenten und RN+Leser organisiert wurde, verbunden mit einer Führung durch das Deutsche Fußball-Museum.


Doch jede große Karriere startet erst einmal mit kleinen Schritten. Diese absolvierte Rummenigge in Lippstadt. Gemeinsam mit seinem Bruder Karl-Heinz kickte er bei der heimischen Borussia. Das Geld war knapp, kein Auto, kein Telefon, der Vater Werkzeugmeister, die Mutter Hausfrau. Echte Malocher eben.

Dann beobachtete Werner Kern, im Nachwuchs bei Bayern München tätig, Karl-Heinz, war direkt begeistert und legte Manager Robert Schwan eine Verpflichtung ans Herz. „Mein Bruder verhandelte damals mit dem HSV, Bayern München und auch Schalke wollte ihn haben.“

Udo Lattek war wie „eine Vaterfigur“

„Mein Vater und mein Bruder waren in München aber Karl-Heinz war noch nicht überzeugt. Da schickte Schwan meinen Bruder raus und schob meinem Vater einen Umschlag rüber - mit 5.000 Mark drin. Und dann hat mein Bruder unterschrieben“, erinnert sich Michael Rummenigge.

Er selbst folgte 1981. In München hatte Rummenigge viele große Trainer. Zur Saison 1983/1984 übernahm Udo Lattek. „Ich sollte eigentlich nach Unterhaching ausgeliehen werden. Das hat Paul Breitner damals verhindert und Udo Lattek gesagt, er soll mich erst einmal anschauen“, so Rummenigge. Später sei Lattek für ihn „wie eine Vaterfigur“ gewesen, vor allem das „Menschliche war sensationell. Er wusste genau, wer zu wem passt“.

Rummenigge plaudert aus dem Nähkästchen: „Wir haben den Pott mit Bier gefüllt“

Michael Rummenigge und Udo Lattek verstanden sich prächtig und hatten gemeinsam Erfolg. © imago sportfotodienst

Rummenigges Höhepunkt in der Zeit bei Bayern München war der Sieg im DFB-Pokal 1984 gegen Borussia Mönchengladbach. „Ich war im Elfmeterschießen nicht für die ersten fünf Schützen vorgesehen aber irgendwann kam mein Bruder zu mir und sagte: ‚Wenn der nächste jetzt verschießt, holst du dir die Kugel und haust ihn rein.‘ Mein Bruder hat mich regelrecht reingeschubst.“ Rummenigge trat an, verwandelte und war plötzlich Pokalheld.

Jupp Heynckes „wollte alles kontrollieren“

So gut das Verhältnis zu Lattek war, so große Probleme gab es mit Jupp Heynckes. „Das fing schon so an, dass es freitags statt unser geliebten Steaks Sauerbraten aus dem Rheinland gab. Er wollte alles kontrollieren. Wir hatten eine super Truppe, die eingespielt war, einige Freiheiten genossen hat, das auf dem Platz aber auch zurückgezahlt hat.“ Später kamen sechs neue Spieler, unter anderem Olaf Thon und Stefan Reuter. Rummenigge hingegen musste gehen - nach Dortmund.

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Dabei wäre Rummenigge fast gar nicht beim BVB, sondern beim Hamburger SV gelandet. „Wir waren 1988 mit den Bayern unter Jupp Heynckes Tabellenzweiter geworden, das ist in München ja wie ein Weltuntergang. Daraufhin wurden acht Spieler verkauft.“

Rummenigge plaudert aus dem Nähkästchen: „Wir haben den Pott mit Bier gefüllt“

Beim RN-Talk blickte Michael Rummenigge auf seine Karriere zurück und verriet einige Geheimnisse. © Patrick Radtke

Drei Spieltage vor Ende der Saison wurde Rummenigge deshalb in das Büro von Uli Hoeneß gerufen. „Er sagte mir: ‚Du wirst verkauft, wie sieben andere Spieler auch‘“, so Rummenigge, der daraufhin erwiderte, dass er noch einen Jahr Vertrag habe. „Da sagte er, das sei egal, er habe zwei Vereine für mich. Entweder den HSV oder Borussia Dortmund. Er sagte, ‚wir rufen jetzt Felix Magath an, der HSV ist der bessere Verein für dich. Ablöse 1,5 Millionen Mark, Vertrag genauso wie bei uns.‘“

Doch nach drei Tagen hatte der HSV noch keine Bürgschaft hinterlegt. Also rief Hoeneß noch einmal an und fragte nach. „Da sagte Magath: ‚Der Transfer kommt nicht zu Stande, ich bin gerade als Manager entlassen geworden‘“, so Rummenigge.

Zunächst rebellierten die Fans gegen seinen Transfer

Also führte ihn der Weg doch zum BVB, wo Rummenigge zunächst alles andere als positiv aufgenommen wurde. Im Gegenteil: Rund 200 BVB-Fans demonstrierten gegen den Transfer, auch weil Marcel Raducanu für ihn nach Zürich verkauft wurde. Rummenigge kam trotzdem und klapperte daraufhin mit dem damaligen BVB-Schatzmeister Werner Wirsing die Fanclubs ab, um sich den Anhängern vorzustellen. „Werner Wirsing hat mir da sehr geholfen“, erinnert sich Rummenigge.

Und spätestens mit dem Pokalsieg 1989 - dem ersten Titel für den BVB nach 23 Jahren Pause - hatte sich der Rummenigge in das Herz der BVB-Fans gespielt. „Frank Mill war an diesem Tag der beste Spieler. Er war vorne und hinten und hat Norbert Dickel zwei Tore vorgelegt. Aber Norbert ist der Pokalheld, weil er kurz danach die Karriere beendet hat.

„Der Titel ist eine unvergessene Geschichte. In der Kabine hatten wir den Pokal vor uns stehen. Den haben wir nicht mit Champagner gefüllt sondern mit Bier, so wie es sich für Dortmunder gehört. Und ich habe zu Michael Lusch gesagt, dass das jetzt etwas für die Ewigkeit sei - und so war es dann auch.“ Als die Spieler zurück in Dortmund waren, fuhren sie mit einem LKW durch die Stadt. „Sechs Stunden hat das gedauert, zum Glück gab es da Bier. Die Leute waren so happy, ich kann nur jedem wünschen mit dem BVB mal hier durch die Stadt zu fahren“, so Rummenigge, der später von Ottmar Hitzfeld sogar zum Kapitän des BVB gemacht wurde.

„Ich war geschenkt, wenn man die Ablösesummen heute sieht“

Doch nach „zwei, drei Jahren in Dortmund, wollte ich auch noch mal in Italien spielen. Damals hatte ich das Angebot vom AC Florenz“, so der 55-Jährige heute. Der Präsident habe ihm gesagt, er wolle zwei Ausländer holen. „Er meinte: ‚Wenn wir Stefan Effenberg und Brian Laudrup nicht kriegen, würden wir dich gerne holen.‘ Doch sie haben beide bekommen, so bin ich in Dortmund geblieben.“

Erst zur Saison 1993/1994 verließ er das Ruhrgebiet wieder. Der BVB hatte Matthias Sammer geholt und Rummenigge ging für 3,5 Millionen Mark nach Japan zu den Urawa Red Diamonds. „Ich war geschenkt, wenn man die Ablösesummen heute sieht.“

Rummenigge plaudert aus dem Nähkästchen: „Wir haben den Pott mit Bier gefüllt“

Das Angebot aus Japan war finanziell zu lukrativ für Michael Rummenigge, um es ablehnen zu können. © Patrick Radtke

Beim Motiv, den Sprung nach Japan zu wagen, nimmt Rummenigge kein Blatt vor den Mund. „Ganz ehrlich, ich habe ein finanziell sensationelles Angebot bekommen, das alles Vorherige gesprengt hat. Der Haussegen hing durch den Wechsel erst etwas schief. Dann habe ich meiner Frau die Zahlen gesagt, wodurch es ein bisschen besser wurde.“

Auf der Toilette neben Emerson Leao

Die Zeit in Japan will Rummenigge bis heute nicht missen. „Ich würde es wieder machen, es war eine tolle Lebenserfahrung.“ Vor allem die Anfangsphase in Fernost ist Rummenigge eindrucksvoll im Gedächtnis geblieben.

„Bei meinem ersten Spiel im Pokal stand es zur Pause 2:0 für Shimizu S-Pulse. Der Trainer von denen war der ehemalige Nationaltorwart von Brasilien Emerson Leao. Ich ging zur Toilette und er stand neben mir und sagte zu mir ‚Rummenigge, it is very different to play here in Japan‘. In der zweiten Hälfte erzielte Rummenigge noch zwei Treffer, das Spiel ging aber 2:3 verloren.

„Als ich dann in die Kabine kam, klatschten meine Mitspieler. Ich wusste nicht warum. Da sagte ich meiner Dolmetscherin, ich hätte lieber 4:3 gewonnen und kein Tor geschossen. Da klatschten sie noch mehr. Ein paar Tage später gewannen wir gegen Nagoya Grampus und ich schoss ein Tor. Da sind die eine Ehrenrunde gelaufen.“

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